Etappe: Peniche – Cabo da Roca – Lissabon – Cabo de Sao Vincente – Algarve.
Ein Tag abwettern muss reichen. Wir wollen weiter! Die Wetterpropheten sind sich zwar nicht ganz einig, aber insgesamt sieht die Prognose ganz vielversprechend aus: Nord-West, 5 Beaufort, 2,4 Meter See. Nur der portugiesische Wetterbericht, dem wir eigentlich das größte Vertrauen schenken, meldet noch Böen von um die 30 Knoten. Das soll uns aber nicht abhalten.
Die ersten Segler legen ab. Christoph freut sich auf einen schnellen Segeltripp. Andrea legt die Rettungswesten bereit und los geht’s Kurs Süd. Ziel ist eine Ankerbucht vor Cascais, rund 10 Seemeilen vor Lissabon. Vor uns liegen rund 35 Meilen Segeln vom Feinsten. In Sichtweite segelt die „Juba“, die ebenfalls die Kanarischen Inseln und später die Karibik als Ziel hat. Am Horizont tauchen 2 weitere Segel auf, die sich uns rasch nähern: 2 Rennyachten aus der Volvo Ocean Riege. Lissabon ist Gastgeber dieses Segelevents. Offensichtlich machen die Yachten hier einen Trainingslauf. Wir sind zwar auch ganz flott unterwegs, mit 7 Knoten und mehr rauschen wir durch die Wellen. Doch die beiden Rennyachten lassen uns so stehen. Das Race um die Welt startet Mitte Oktober.
Lissabon – eine Metropole und ihre Sehenswürdigkeiten
Wir lassen bei Sonnenuntergang unseren Anker vor Cascais, einem beliebten Badeort, fallen, um gleich am nächsten Morgen mit der Tide und passendem Wind in den Tejo einzulaufen. Bis zum Zentrum Lissabons ist es nur ein Katzensprung, jedoch mit vielen beeindruckenden Impressionen: Mit rund 4 kn Schiebestrom segeln wir flussaufwärts, vorbei am Torre de Belem, dem seinerzeit zum Gruße der einlaufenden Seeleute errichteten Turm und Wahrzeichen der Stadt. Dicht dahinter das Denkmal der Entdeckungen, das in seiner Form dem Bug einer Karavelle nachempfunden ist. An den Seiten sind die 32 wichtigsten portugiesischen Persönlichkeiten abgebildet, allen voran an der Spitze Heinrich der Seefahrer mit einem Schiff in den Händen, den Blick über den Tejo gerichtet. Und dann segeln wir unter der Ponte de 25 Abril hindurch, Lissabons „Golden Gate Bridge“. Die mit über 3 Kilometern Länge den Tejo überspannende Brücke wird insbesondere bei Sonnenuntergang ihrem Namen gerecht. Direkt dahinter breitet Cristos Rei, die auf einem 82 Meter hohen Sockel tronende Christus-Statue, schützend die Arme aus. Gegenüberliegend machen wir in der Marina Alcantara fest, mit Blick auf die Ponte, wie die Brücke hier in Portugal genannt wird. Im gefühlten Minutentakt fliegen hier die Flugzeuge über unserem Kopf den Airport an. Von der Brücke trägt der Wind die an einen Wespenschwarm erinnernden Geräusche des nicht abreißenden Verkehrs zu uns herüber. Unweigerlich werden Erinnerungen an Andreas Lieblingssendung „Straßen von San Fransisco“ geweckt, wenn nachts von der Ponte die Sirenen der Polizeifahrzeuge zu uns herüberschallen. Wir erinnern uns nicht, je in einem lauteren Hafen gelegen zu haben. Aber die Stadt genießen wir dennoch.
Landgang
Wir erkunden zunächst wieder per Rad die Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt, schlendern durch enge Gassen und lassen uns von den Touristenströmen mitschieben. Vom Castelo de Sao Jorge – eines der Must-Sees Lissabons – genießen wir den Blick über die Dächer der Ober- und Unterstadt über den Tejo. Den Besuch des Hieronymus-Klosters schenken wir uns allerdings: vor dem Eingang scharrt sich eine große Menschenmenge, offensichtlich haben sich alle Passagiere der angelandeten 3 Kreuzfahrtschiffe dieses Ziel für den heutigen Tag auf das Programm geschrieben.
Wir runden unser Lissabon-Bild mit einer Busrundfahrt ab, die uns bis in den Park der Nationen bringt, entstanden 1998 anlässlich der Expo und heute das modernste Stadtviertel Lissabons. Wir hatten in den Städten, die wir bisher besucht haben, immer wieder das Miteinander von Moderne und Tradition bewundert. Von den Impressionen dieses Stadtviertels sind wir nun ziemlich erschlagen: den engen Gassen der Altstadt mit historischen Bauwerken zum Teil aus dem 11. Jahrhundert, filigranen Azulejos-Fassaden, Fado-Musik stehen hier modernste Architekturen, Skyscraper und Spiegelfassaden entgegen. Zugleich scheint ein stärkerer Kontrast zwischen bedürftig und wohlhabend kaum denkbar!
Wieder auf See
Diese vielen Eindrücke und die Hektik der Großstadt mit ihrem Lärm müssen wir verarbeiten. Das gelingt auf der nächsten Segeletappe, die uns leider ohne genügend Wind weiter nach Süden führt, dicht vorbei an Portugals Küste. Das Revier stellt hier keine höheren Anforderungen an die Navigation. Wir können die Seele baumeln lassen und halten Ausschau. Unvermittelt tauchen plötzlich wieder Delfine auf, und dieses Mal begleiten sie uns ein längeres Stück des Weges, immer dicht unter und neben unserem Bug mit uns schwimmend. Immer wieder schnellen sie davon, um sich dann von hinten wieder anzupirschen. Einer der Delfine sprüht nur so vor Lebensfreude, schnellt plötzlich aus dem Wasser um ganz Flipper-like, unmittelbar vor unserem Bugkorb einen Sprung in die Luft zu machen und sich dann laut platschend wieder ins Wasser fallen zu lassen.
Auf zur Algarve
Unser Ziel ist die Algarve. Dort wollen wir vor der gold-gelben Küste ein paar Tage verweilen, bis sich das passende Wetterfenster für die Atlantikpassage nach Madeira bietet. Auf dem Weg dahin wartet wieder ein seglerisches Highlight auf uns: die Umrundung des Cabo de Sao Vincente, Europas süd-westlichstes Kap. Andrea holt am Abend nochmals den Revierführer hervor. Der warnt vor unvermittelt auftretenden Windböen von Sturmstärke und hohen Seen in diesem Bereich. Die Rundung mit 5 Meilen Abstand wird für früh morgens angeraten, um die Unwägbarkeiten der portugiesischen Winde zu meiden. Zudem kann zuweilen Nebel auftreten. Das klingt spannend.
Uns hat der Wetterbericht für die Etappe von rund 65 Meilen zu unserer auserwählten Ankerbucht in Sagres zunächst mäßige, dann auf 4 bis 5 Beaufort zunehmende Winde mit Böen am Abend von 26, 27 Knoten angekündigt. Letzteres nehmen wir zur Kenntnis. Christoph freut sich wieder auf Segelspaß. Andrea legt die Rettungswesten bereit.
Segelspaß unter Spi
Wir laufen morgens, kurz nach 9 Uhr aus, zunächst unter Maschine, können aber schon bald den Spinnaker setzen und rauschen mit über 7 Knoten bei 4 Beaufort durch nahezu Glattwasser. Gut 10 Seemeilen vor Erreichen des Kaps dann plötzlich einsetzender Nebel. Die Enttäuschung ist groß, Erinnerungen an das ebenfalls von Nebel eingehüllte Kap Finisterre werden wach.
Nebelfahrt am Cabo de Sao Vincente
Wir bergen den Spi, fahren unter Maschine und halten scharf Ausguck. Doch dann reißt unvermittelt der Nebelvorhang auf und das Kap liegt in nur 2 Seemeilen Abstand an Backbord querab. Ein überwältigender Moment. Die See ist noch relativ glatt, baut sich aber schnell auf und auch der Wind legt zu. Böen von über 24 Knoten erfordern ein Reffen der inzwischen gesetzten Segel. Gleich hinter dem nächsten Kap, nur 2 Seemeilen weiter, lassen wir in einer vor Nordwinden Schutz bietenden Bucht den Anker fallen. Zu fortgeschrittener Stunde fallen auch wir nach dem zurückliegenden Segelerlebnis zufrieden in die Koje.
Der Wind frischt weiter auf. Vorsichtshalber halten wir Ankerwache. Doch der Anker hält.
Als nächstes geht’s nach Madeira. Aber bis dahin ist noch etwas Zeit….
Fotostrecke: Kurs Süd – vorbei an Cabo da Roca und Cabo de Sao Vincente
Fotostrecke: Delfine bieten uns auf dem Weg zur Algarve eine besondere Show
Fotostrecke: Lissabon