Etappe: Algarve (Sagres, Lagos, Alvor) – Madeira-Archipel (Porto Santo).
Vier Tage verweilen wir in der Algarve, bevor das Wetter uns zur nächsten Etappe mit rund 470 Meilen über den Atlantik zum Madeira-Archipel drängt. Zuvor erkunden wir die beeindruckende Steilküste der Algarve auf dem See- sowie Landweg, ankern in einer idyllischen Lagune und genießen vor allem die Wärme. Noch am Cabo de Sao Vincente, Europas süd-westlichstem Punkt, wehte ein kalter Wind. Doch gleich dahinter erwartet uns der Sommer. Wir pellen uns aus den salzigen Segelanzügen und lassen die Sonnenstrahlen an die Haut. Ab Lagos ist es richtig warm und so erleben wir auf unserer Überfahrt zum Madeira-Inselarchipel Porto Santo Blauwassersegeln in seiner schönsten Form bei angenehmen 3 bis 4 Beaufort, glasklarem, tiefblauem Wasser und begleitet von Delfinen. Dann erfahren wir die Schattenseiten, als unser Vorstagspanner bricht. Glück im Unglück: der Mast bleibt stehen. Aber der Reihe nach….
Segeln in der Algarve
Ein Segeltörn an der Algarve stand auf Andreas persönlicher Wunschliste. Bevor wir den europäischen Kontinent im Kielwasser lassen, nehmen wir uns für diesen traumhaften Küstenabschnitt ein paar Tage Zeit. Wir verlassen unseren Ankerplatz in der Bucht von Sagres und segeln dicht unter Land vorbei an der zerklüfteten Steilküste gen Osten. Mit 5 Beaufort aus Nord-West werden wir ordentlich geschoben. Wir legen die Bremse ein und segeln nur unter Genua – stark gerefft und dennoch mit 7 Knoten Fahrt – um unser Frühstück bei einzigartiger Aussicht genießen zu können.
Besuch aus Deutschland
Unser Ziel ist Lagos, nur 15 Seemeilen entfernt. Nahe der Stadt gehen wir in einer Bucht vor Anker und treffen abends am Strand zum Sundowner Tobi, der eigens aus Deutschland angereist ist und mit dem wir seit Tagen via SMS in Kontakt stehen, um unser Treffen zu arrangieren. Die Freude ist riesig. In Tobis Gepäck ein Video-Gruß aus der Heimat von der Mutter. Wie schön;))
Am nächsten Morgen verholen wir uns kurz vor Niedrigwasser in die Marina de Lagos. Wie bisher in jedem Hafen Portugals müssen wir auch hier einklarieren, unsere Pässe und Schiffspapiere inklusive Versicherungsnachweis vorlegen. Alle Unterlagen werden kopiert bzw. eingescannt. Formulare mit Schiffsdaten müssen ausgefüllt werden. Und dann werden wir zur Kasse gebeten: 48,00 Euro – die bislang höchsten Hafengebühren. Auch wenn die Marina, der Service und die Einrichtungen rundherum topp sind, aber das ist nun wirklich ein stolzer Preis. Andrea lässt ihren üblichen Spruch nach dem „discount for long distance sailors“ los, mit dem sie in früheren Häfen den ein oder anderen Preisnachlass aushandeln konnte. Und hat tatsächlich auch hier Erfolg: 10 Prozent werden uns aufgrund unserer Mitgliedschaft in der „Kreuzer Abteilung“ gewährt.
Klippenwanderung zur Ponta da Piedada
Nachdem das Schiff versorgt, die Crew von der Salzkruste befreit und wir die ortansässigen Aldi und Lidl geleichtert haben, erkunden wir die spektakuläre Felsenküste der Algarve auf dem Landweg. Wir wandern auf dem Klippenweg Richtung Leuchtturm zur Ponta da Piedade, teils dicht am Klippenrand mit senkrecht abfallenden Felsen, geschätzt bis 50 Meter tief. Die Aussicht ist atemberaubend: blauer Himmel, glasklares, tiefblaues Wasser, goldene Felsenküste, tiefe Grotten. Unzählige Menschen in den kleinen Buchten belegen: dies ist kein Geheimtipp – aber dennoch ein Must-do! Abends schieben sich die Touristen zuhauf durch die engen Gassen der Altstadt. Zur besten Essenszeit ist in den Straßenrestaurants kein Tisch zu bekommen. Laden an Laden, Boutique neben Boutique mit allem was die Touristen erfreut – Shopping ohne Ende. Strikte Ladenschlusszeiten scheint es nicht zu geben, bestätigt die Inhaberin einer Boutique. Manche Läden haben bis Mitternacht geöffnet.
Fernab des Tourismus, Idylle pur
2 Tage Lagos und Touri-Rummel reichen uns. Wir verholen in die nur 2,5 Seemeilen entfernte Lagune Alvor und ankern in malerischer Szenerie vor einem kleinen Fischerort. Die Fahrt durch die Lagune zur halben Tide mit freigelegten Sandbänken ist zuweilen spannend, da nicht betonnt. Das Echolot sorgt bei Unterschreiten der 2-Meter-Marke für Wachsamkeit. Andrea steht vorne auf dem Bug, um bei Sichtung von Flachs dem Rudergänger auf Zuruf die Richtung zu weisen. Das Wasser ist unglaublich blau und klar. Der Himmel ist bei Tage ebenfalls strahlend blau und nachts mit Sternen übersät. In der Luft der süße Duft der Pinien und Blüten.
Unser Ankerplatz lädt zum Verweilen ein. Gerne würden wir 2 oder 3 Tage bleiben. Doch die Wetterpropheten drängen uns. Für den nächsten Tag versprechen sie uns ab Nachmittag noch eine frische Brise. In den Tagen darauf droht Flaute und der danach wieder einsetzende Wind kommt umso stärker. 6 Beaufort sind angekündigt. Wenn wir also nach Madeira wollen, dann lieber jetzt.
Vorbereitungen zur nächsten Atlantik-Etappe
Fast 4 Wochen sind wir in Tagesetappen entlang der Küste der Iberischen Halbinsel gesegelt. Manches Mal sind wir bei Sonnenaufgang gestartet, einige Male bis in die Nacht hinein gesegelt. Doch nun steht uns erstmals nach der Biskayaquerung wieder ein längerer Schlag über den Atlantik bis zum Madeira-Inselarchipel ohne Land in Reichweite bevor. Rund 470 Seemeilen Atlantiksegeln Kurs Süd-Süd-West. Wir stocken unser Grab Bag auf: ein Iridium GO!, das in Verbindung mit einem Tablet oder Smartphone Satellitenkommunikation und damit den (Telefon-)Kontakt zu Rettungsdiensten ermöglicht, wandert in die wasserdichte Tasche. Die gespeicherten Telefon-Nummern von Bremen Rescue sowie dem notärztlichen Beratungsdienst werden nochmals gecheckt. Das Iridium GO! bietet zudem die Möglichkeit, auf Knopfdruck einen Notruf abzusetzen. Bevor wir aufbrechen, aktivieren wir diesen Dienst und bekommen prompt die Bestätigung mit dem Hinweis „we hope that you never need to use it“. Das hoffen wir auch.
Wir packen noch ein 2. Smartphone sowie mehrere Powerbanks in das Grab Bag. Die Seekarte haben wir studiert. Die Wassertanks sind voll. Vorräte haben wir ausreichend nachgebunkert. Es kann losgehen. Wir sind soweit.
Warten auf den passenden Wind
Unser Windgenerator bemerkt als erster den einsetzenden Wind und beginnt zunächst ganz langsam, dann immer schneller zu drehen. Anker auf! Bei moderaten 3 bis 4 Beaufort segeln wir hoch am Wind (das erste Mal seit 4 Wochen, bislang war mit dem Nord-Oster Rückenwind angesagt). Noch einmal können wir von der Seeseite die Steilküste der Algarve bestaunen. Am Cabo de Sao Vincente frischt der Wind dann auf 5, in Böen 6 Beaufort auf. Die See wird rauer, die Wellen höher. Die Aurora Maris schiebt ordentlich Lage, wir sind übertakelt. Das Groß hatten wir von vornherein im Hinblick auf die bevorstehende Nachtfahrt gerefft. Nun nehmen wir von der Genua ordentlich Tuch weg.
Rauschefahrt durch dunkle Nacht
Mit 7 Knoten, teilweise auch 8, rauschen wir durch die See. Auch nach Sonnenuntergang nimmt der Wind nicht spürbar ab. So haben wir noch vor Mitternacht die auf unserer Kurslinie liegenden, rechtwinklig zu querenden 3 Verkehrstrennungsgebiete passiert und die ersten 50 von insgesamt 476 Seemeilen zurückgelegt. Viel Verkehr herrscht hier nicht. 2 oder 3 Tanker können wir ausmachen. Auch die AIS-App zeigt in weiter Ferne nur eine Handvoll Schiffe. Nichts los auf dem Atlantik. Im Vergleich zu unseren zurückliegenden Nordseetörns nach Schottland und Norwegen oder Süd-England mit lebhaftem Schiffsverkehr, Bohrinseln und Fischern eine ungewohnte Erfahrung. Bei Dunkelheit nehmen wir die ohnehin schon hohe Fahrtgeschwindigkeit von weiterhin mehr als 7 Knoten noch extremer wahr. Am Nachthimmel tauchen unzählige Sterne auf. Sternschnuppen schießen quer durch den Himmel und neben dem Boot steigen aus der Gicht grün leuchtende Lichterperlen auf.
Atlantiksegeln in seiner schönsten Form
Morgens, gegen 8.30 Uhr (wir leben an Bord weiterhin nach der mitteleuropäischen Sommerzeit), wird es langsam hell. Der Wind kommt unverändert aus nord-westlichen Richtungen, hat jedoch an Kraft verloren. Wir setzen den Spi und erleben Atlantiksegeln bei 3 bis 4 Beaufort in seiner schönsten Form. Ein Etmal von knapp 160 Seemeilen – unsere persönliche Höchstmarke – stimmt insbesondere den Skipper zutiefst zufrieden. Das Wasser ist tiefblau, als habe jemand ein riesiges Tintenfass in den Ozean entleert. Jetzt noch ein paar Delfine, denkt Andrea, und das Bild wäre perfekt. Ihr Wunsch wird schon bald erfüllt: eine Delfinschule von ca. 15 Delfinen entdeckt uns aus der Ferne, schwimmt auf uns zu und eskortiert uns förmlich über mehrere Meilen. Darunter auch 2 kleine Delfinkinder, die von den ausgewachsenen Tieren anscheint eine Schulung in „wie amüsiere ich Segler auf ihrem ersten Atlantiktörn“ erhalten.
Wir lassen den Spi bis nach Sonnenuntergang stehen, um ihn bei Einbruch der Dunkelheit gegen die handlichere Genua zu tauschen. Die zweite Nacht auf See verläuft nahezu gemütlich bei moderaten Windstärken. Weit und breit kein Schiff. Auch der dritte Tag, die vierte Nacht verlaufen ähnlich. Wir praktizieren nachts wieder unseren bewährten 3-stündigen Wachrhythmus. Auch tagsüber wechseln wir uns beim Rudergehen ab. Zwischen den einzelnen Wachwechseln steht Social Life auf dem Programm: gemeinsames Frühstücken – Lunchen – Kaffeetrinken – Dinner – Sundowner gefolgt von einem „Gute Nacht“ – „Gute Wacht“.
Landfall nach 88 Stunden und 476 Seemeilen
Nach der 4. Nacht auf See – am Morgen des 30. September – landen wir bei finsterer Dunkelheit im Hafen von Porto Santo auf dem Madeira-Inselarchipel an. Lichter am Land sowie Strahler auf der Hafenmole erschweren die Orientierung. Alle Liege- und Mooringplätze scheinen belegt. Also gehen wir direkt vor der Hafenmole am Strand vor Anker und warten auf den Sonnenaufgang, um zu sehen, wo wir denn gelandet sind. Doch die bei Nacht grau erscheinenden hohen Hügel um uns herum bekommen auch bei Tageslicht keine Farbe. Die Insel ist wie Madeira vulkanischen Ursprungs, hat jedoch kaum Vegetation. In Verbindung mit dem tiefblauen, zuweilen türkisgrünen Atlantikwasser, blauem Himmel und häufig rasant vorbeiziehenden Wolken in allen Grautönen ein durchaus interessantes, imposantes Bild.
Nachdem wir am ersten Tag unser Schlafdefizit ausgeglichen haben, machen wir uns mit dem Rad zur Erkundung der rund 12 Kilometer langen und 5 Kilometer breiten Insel auf den Weg. Ein 9 Kilometer langer Strand mit gold-gelbem weichem Sand, dem eine heilende Wirkung bei verschiedenen Krankheiten nachgesagt wird, zählt zu den Touristenattraktionen. Dennoch finden sich hier nur wenige Menschen. Berge, die in ihrer Formgebung Vulkanen gleichen, erstrecken sich auf bis zu 600 Metern Höhe. Einen dieser Berge, den Pico Castelo, besteigen wir. Wir freuen uns über den lauen, erfrischenden Wind, ohne den wir bei Temperaturen von 24°C schwer ins Schwitzen gekommen wären. Eidechsen huschen über den Weg. Bei einer kurzen Rast suchen sie den sozialen Kontakt zu uns, klettern zutraulich auf unsere Hände und laufen die Arme hinauf – soweit wir dies dann zulassen.
Glück im Unglück
Nach 4 Tagen Porto Santo mit teils stürmischen Böen wollen wir weiter zum 40 Seemeilen entfernten Madeira. Doch weiter als ¼ der Strecke kommen wir nicht. Bei 4 Beaufort lassen wir uns nur unter Genua ziehen, als das Segel plötzlich, unvermittelt unkoordiniert wild schlägt. Chris erkennt sofort: das Vorstag ist gebrochen. Dem ersten Moment der Ratlosigkeit folgt rationales Funktionieren: Absichern des Mastes, noch steht er! Genua auffieren. Druck aus dem Segel nehmen. Vorwindkurs beibehalten. Vorstag einfangen, bändigen. Das gelingt rücklings auf dem Boden liegend, nach vorne robbend im Schutze des auf dem Vorschiff gelagerten Dinghys. Dieses wird von dem wild „tanzenden“ Vorstag durchlöchert, doch das Deck und – noch wichtiger – die Crew bleibt bei dieser Aktion weitgehend unbeschadet, von blauen Flecken abgesehen. Es gelingt uns, das Vorstag mit einer Leine am Bugkorb zu fixieren und das Segel zu bergen. Wir schlagen unser eigens für diesen Törn nachgerüstetes Kutterstag an, sichern damit den Mast zusätzlich. Zudem befestigen wir am Bugbeschlag das Spifall. Dabei werden wir von einigen überkommenden Wellen ordentlich gewaschen. Derweil hält der Autopilot das Boot auf Kurs, während der Motor bei langsamer Fahrt unterstützt.
Das ist gerade noch mal gut gegangen. Der Mast ist stehen geblieben und hält auch auf dem Weg zurück nach Porto Santo – rund 11 Seemeilen gegen 2,5 Meter hohe Welle und 18 Knoten scheinbaren Wind. 3 ½ Stunden später sind wir wieder an unserem Ausgangsort Porto Santo.
Damit uns genau das, dieses Horrorszenario nicht passiert, hatten wir vor unserem Törn alle Wanten und Stage erneuern lassen. Nach Inspektion stellen wir fest, dass das Augterminal (Vorstagspanner) der Rollreffanlage gebrochen ist.
Soziale Seglergemeinschaft
Zurück im Hafen erfahren wir eine Woge der Hilfsbereitschaft. Segler aus Holland, Schweden, England sowie die Einheimischen zeigen Anteilnahme, bieten ihre Hilfe und Unterstützung an bei der Instandsetzung der Schäden. Zudem lernen wir Miguel kennen, ein „Technician“, wie er sich nennt, und aus unserer Sicht die gute Seele der Marina. Er repariert nicht nur fachmännisch zu einem fairen Preis unseren gebrochenen Vorstagspanner, sondern lässt uns auch seine Philosophie zu teil werden: Life is too short. So don’t hurry, keep calm, enjoy your time. Am nächsten Tag führt er uns sein Projekt vor: eine 16-Meter-Yacht, deren Rumpf er seit 15 Jahren ausbaut – mit gläsernem Motorschapp, eigener Werkstatt, Salon sowie Pantry und Navi-Platz in Holz mit Intarsien, allesamt eigens von Hand gefertigt. Daneben ein Ofen, mit Holz zu befeuern, im Tischfuß eingearbeitet Musikboxen und versenkt in der Tischplatte eine elektrisch ausfahrbare Lampeninstallation, darunter eine Getränkezapfanlage. Beeindruckend und crazy. Im nächsten Jahr hofft Miguel mit seinem Projekt fertig zu sein und dann zu Segeltörns an Nord- und Südpol starten zu können. Wir wünschen ihm viel Glück.
Wir werden noch auf Porto Santo verweilen und uns neu sortieren.
Porto Santo – ein Tipp für Segler
Die Marina Porto Santo ist ohne navigatorische Herausforderungen anzulaufen. Der Hafen ist sicher – in jeder Hinsicht. Mooringgebühren liegen für ein Boot unserer Größe bei rund 6 Euro pro Tag. Der Monatspreis bei ca. 122,00 €. Landliegeplätze sind ab 2 Euro bzw. 4 Euro im Club Naval pro Tag erhältlich. Das Marinapersonal ist sehr freundlich und hilfsbereit. Wasser, Strom, Duschen, Wifi alles vorhanden, jedoch keine Schiffsausrüstung auf der gesamten Insel erhältlich.

Fotostrecke: Algarve
Fotostrecke: Kurs Süd, Süd-West gen Madeira
Fotostrecke: Porto Santo (Madeira Archipel)