St. Barthélemy und St. Martin (Karibik, Kleine Antillen).
4 Monate nachdem Hurrikan Irma in der nördlichen Karibik gewütet hat, laufen wir die Inseln St. Barthélemy und St. Martin an. Yes, St. Barts is o.k. You can go there, hat uns der Officer in der Port Authority von English Harbour (Antigua) versichert. Bei der Ansteuerung des Ankerplatzes vor der Marina Gustavia in St. Barts beschleicht uns dann doch ein ganz komisches Gefühl.
Mega-Yachten und hurrikangebeutelte Boote
Schon von weitem sehen wir das Mastenmeer am Ankerplatz zwischen dem hoch auf der Küste gelegenen Fort Gustavia und den vorgelagerten Inselchen und Rockies. 10, 20, 30 und noch mehr Yachten liegen dort vor Anker oder an der Mooring. Überwiegend Boote mit französischer Flagge – wen wundert’s? Wir sind in Frankreich! Auch Mega-Yachten haben den Weg hierher gefunden. So viel Yacht-Tourismus, so kurz nach dem Hurrikan hatten wir dann doch nicht erwartet. Auf den zweiten Blick wird deutlich, hier sind nicht nur Urlauber vor Anker gegangen. Gut 1/3 der Boote, die hier liegen, sind entmastet, haben schwere Decksbeschädigungen, verbogene Bug- und Heckkörbe, fehlende Relingszüge… allesamt hurrikangebeutelte Boote, die hier an Moorings gesichert wurden. Es mutet wie ein Schiffsfriedhof an, ein beklemmendes Gefühl, mit dem Schicksal der Yachteigner so unmittelbar konfrontiert zu werden.
Um 15.00 Uhr UTC (Ortszeit: 11.00 Uhr, es ist Montag, der 8. Januar) machen wir an einer Mooring fest auf 6 Meter Tiefe in türkisgrünem Wasser vor dem dörflichen Corossol auf St. Barts, in dem Fischer allmorgendlich mit ihren kleinen Booten und dem nächtlichen Fang am Strand anlanden. Abends geht achteraus, nur ein-, zweihundert Meter von uns entfernt, die ECLYPSE vor Anker – die mit 162,5 Metern weltweit größte, in privater Hand befindliche Motoryacht: ausgestattet mit 2 Swimmingpools, U-Boot, Hubschrauberlandeplatz nebst Hubschrauber (es gibt Platz für 3 Helis) und Raketenabwehrsystem.
(Klingt interessant? https://de.m.wikipedia.org/wiki/Eclipse_(Yacht))
Ein Stück Europa mitten in der Karibik
Nachdem die ersten Eindrücke verarbeitet sind, machen wir das auf dem Vorschiff vertäute Dinghy klar, lassen es mit Hilfe des Spifalls ins Wasser und tuckern mit dem Außenborder zum rund 1 Seemeile entfernten Hauptort der Insel, Gustavia. Im Hafenbecken liegen notdürftig mit Fendern gekennzeichnete Wracks. An Land angekommen führt unser Weg als erstes in die Capitainerie. Beim Einklarieren haben wir inzwischen Routine, übertragen unsere Schiffsdaten und das Zahlenwerk aus unseren Reisepässen online in die entsprechenden Formulare. Ein Ausdruck, Stempel, Unterschrift, die Penunze rausrücken – fertig. Die Gebühren halten sich in Grenzen, mit jeweils 15 bis 20 Euro sind wir dabei. Unsere Ausweise und Schiffspapiere werden nicht kontrolliert. Den freundlichen Officers geht es vorrangig darum, den Überblick über die anwesenden Yachten und ihre Liegeplätze zu bewahren.
Wir schlendern durch die Fußgängerzone. Meterhohe Palmen, vom Hurrikan gerupft und gebeutelt, stehen hier zwischen chiquen, hochpreisigen Boutiquen mit exklusiver Mode. Während in Antigua schwarzhäutige Locals mit Rasterlocken karibisches Flair vermittelten, prägen in St. Barts chique-gekleidete und elegante Damen das Straßenbild. Flinken Schrittes und beladen mit Shopping-Tüten eilen sie durch die Straßen, vorbei an roten Ziegel- und Naturstein-Bauten französischen-bretonischen Baustils, dazwischen Holzhäuser schwedischer Art oder auch karibisch bunte Häuschen. Hier mischen sich die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse.
Es scheint, als hätten wir mitten in der Karibik ein Stück Europa gefunden: Wir zahlen in Euro, sprechen Französisch, kaufen Baguette und schlendern durch Straßen mit französischer und schwedischer Beschilderung – ein Zeugnis aus der schwedischen Periode der Insel. Unser Weg führt durch die Rue Samuel Fahlberg; die schwedische Version der Straßenbezeichnung, „Södra Strandgatan“, lässt den nahen Strand vermuten. Eingerahmt von einer Felsenbucht rauschen türkisblaue Wellen an den Strand aus zermahlenen Muscheln. Von der Strandbar lockt Loungemusik. Wenig später sitzen wir entspannt auf der Lounge-Terrasse unter einem Sonnenschirm, schlürfen eisgekühlte Cocktails – nicht billig, aber cool! Die Reiseliteratur hatte uns gewarnt, dass wir hier an einem der exklusivsten und teuersten Fleckchen der Karibik sind.
St. Barts ist die Insel der Reichen. Die Spuren des Hurrikans sind weitestgehend behoben. Auffallend viele Häuser sind mit neuen Dächern versehen. Die Palmen sehen etwas zerzaust und gerupft aus. Aber ansonsten ist an Land kaum noch etwas von Irma zu spüren.
Die Reise geht weiter
So sehr die Insel uns gefällt… wir sind auf der Durchreise und verlassen nach 3 Tagen am 10. Januar 2018 morgens um 8.45 Uhr Ortszeit unseren Platz an der Mooring. Wir lassen uns unter Genua dicht unter Land gen Nordwesten ziehen und steuern nach 1,5 Seemeilen die halbmondförmige Bucht Colombier an. Auf 6 Meter Wassertiefe ankernd hätten wir keinen schöneren Frühstücksplatz finden können: türkisblaues Wasser, goldener Strand, eingerahmt von Felsen und Steilküste. Neben uns liegen zwei, drei weitere Yachten hier. Am Strand eine handvoll Menschen. Man muss schon genau hinsehen, um die umgestürzten Palmen oder den in den Felsen liegenden abgerissenen Kiel einer Yacht wahrzunehmen. Wir tauchen ab – im wahrsten Sinne des Wortes – und betrachten ausgerüstet mit Schnorchel und Taucherbrille die Unterwasserwelt. Ein kleines, leuchtend blaues Fischlein folgt dem Skipper dicht auf dessen Flossen… am Strand angekommen trennen sich dann aber die Wege.
Zurück an Bord gibt’s endlich Frühstück. Wir haben Zeit, bis zum nächsten Etappenziel, St. Martin, sind es nur 25 Seemeilen. Bei 4 bis 5 Windstärken aus Ost legen wir diese Strecke raumschots (Wind aus 120°) in 5 Stunden zurück. Bei genügend Abstand von den Inseln und vorgelagerten Rockies stellt das Revier keine besonderen navigatorischen Anforderungen. Mit einem Tidenhub von weniger als einem halben Meter können wir Wasserstandsschwankungen im Wesentlichen ignorieren. Der Strom setzt in der Regel unterstützend mit 0,5 Knoten nach Westen.
Immer wieder passieren uns an Back- und Steuerbord Wolkenungetüme. Bunte Regenbögen über tiefblauem Wasser zeugen von starken Regengüssen, der ein oder andere erwischt auch uns. Das passende Outfit bei diesem Wetter ist nicht etwa der Segelanzug – Badehose und Bikini haben sich als Regenbekleidung bewährt, lässt sich doch so die Salzkruste am besten wegspülen.
St. Martin – ein Bild der Verwüstung
St. Martin runden wir gegen den Uhrzeigersinn und lassen die Insel an unserer Backbordseite liegen. Die weltweit kleinste, in zwei Nationen geteilte Insel ist im Süden den Niederländern, im Norden den Franzosen zugeteilt.
Unser Ziel, die französische Marigot Baie, liegt an der Westseite vor der Fort Louis Marina. In St. Barts hatten wir uns vorab nach den Gegebenheiten auf St. Martin erkundigt. Saint Martin is o.k., hatte man uns versichert. In the South, on the Dutch side, there are yachts sunken, but Marigot is o.k. The marina is operating.
Wir gehen also davon aus, dass wie in St. Barts, die Hurrikanschäden weitestgehend behoben sind. Doch, in Marigot angeommen, trifft uns fast der Schlag. Wir finden ein Bild der Verwüstung vor:
Die Marina ist fast leer, viele Stege sind zerstört. Von einer Yacht ragt nur das Masttop aus dem Wasser. Ein Kat liegt kopfüber am Steg. Der Hurrikan hat hier anscheint noch heftiger zugschlagen als auf St. Barthélemy.
An Land erwartet uns das grausame Bild flächendeckender Verwüstung: am Straßenrand liegende teils ausgebrannte Yachten und Autowracks, darunter auch Stretchlimusinen vom Typ Hummer. In der einst noblen Royal Marina – binnen in der Lagune gelegen – ragen gesunkene und entmastete Yachten aus dem Wasser oder sind an Land geschleudert worden, wo sie auf PKWs oder auch Häusern gestrandet sind. In den vermeintlich hurrikansicheren Bootslagern sind die Schiffe von den Lagerböcken gefegt worden, liegen entmastet kreuz und quer, teilweise gestapelt übereinander. Hier ist (Luxus-)Material zerstört worden.
An Land jedoch sind Existenzen vernichtet worden: Zerstörte Häuser, abgehobene Dächer, weggebrochene Mauern und Fundamente widerspiegeln die Macht der grausamen Natur. Ob Luxusvilla oder einfache Holzhütte, vor Irma waren alle gleich. Der Hurrikan hat alles vernichtet. Doch die Aufbauarbeiten sind in vollem Gang.
In dem Chaos haben vereinzelt Läden und Bars geöffnet. Marktfrauen, die hier T-Shirts, Kunsthandwerk und lokale Speisen anbieten, hoffen auf ein Geschäft, bieten ihre Waren oftmals deutlich reduziert an. Es sind jedoch kaum Touristen oder Kunden da.
6 Stunden lang habe Hurrikan Irma hier gewütet, berichtet die Marktfrau, die karibische Saucen, Säfte und Gewürze an ihrem Stand, den sie gemeinsam mit ihrer Tochter betreibt, anbietet. Mit 300 Meilen pro Stunde, rund 450 Stundenkilometer, ist der Hurrikan über die Insel hergefallen. Und nach dem Wind kam das Wasser. Das Meer habe das Erdgeschoss aller Bauten nicht nur in Strandnähe überflutet und tagelang alles unter Wasser gesetzt.
Wir haben die Kamera dabei, wagen aber kaum das Bild der Zerstörung, das hier Schicksale getroffen hat, festzuhalten.
Vivre la vie
Dennoch klagen die Menschen hier nicht. Sie packen an. Überall wird gearbeitet, die Existenz neu aufgebaut. We are open, signallisieren allenorts Schilder, oftmals halten wir es kaum für möglich, dass in den zerstörten Hütten Ladenlokale sind. All ist good – yes, yes, yes, bekräftigt der Graffiti-Schriftzug auf der Mauer vor der Strandbar namens Raymond. Sie nutzen die wenigen Mittel, die ihnen geblieben sind… das Leben geht weiter. Vivre la vie, scheint hier das Motto zu sein. Die Menschen nehmen ihre Situation an und machen das Beste daraus.
Urlaub in dieser Situation?
Kann man in dieser Situation hier eigentlich – ruhigen Gewissens – Urlaub machen? Oder kann einem Voyarismus unterstellt werden?
Man kann hier Urlaub machen! Und man kann die Tage hier auch genießen. Die Menschen auf der Insel – die nicht zu Unrecht den Beinamen „The friendly island“ trägt – heißen uns willkommen, wollen den Tourismus. Sie hoffen auf eine möglichst schnelle Normalisierung des Tourismus.
Wir finden uns im Zwiespalt: der Tourismus ist in dieser Saison ausgeblieben. Die Traum-Strände sind weitestgehend leer, Ankerbuchten sind oftmals nahezu einsam, in Häfen und an den Moorings gibt es kein Gedränge… Einerseits die offensichtliche Notsituation der Menschen, andererseits für uns Segler fast perfekte Rahmenbedingungen.
Wie geht’s weiter?
Als nächstes wollen wir die British Virgin Island (BVI) anlaufen, auch ein Gebiet, das Hurrikan Irma voll erwischt hat. Das vor allem bei Amerikanern beliebte Segelrevier haben Kreuzfahrtschiffe aktuell noch aus dem Programm genommen – was uns konkret erwartet, wissen wir nicht. Auf St. Martin hat man uns lediglich lapidar versichert: BVI is o.k.
Fotostrecke: St. Barts – vivre la vie
Fotostrecke: St. Martin – vom Hurrikan zerstört (bitte nach unten scrollen)
Fotostrecke: St. Martin – vom Hurrikan zerstört