Angekommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Vor der Küste Floridas erstreckt sich der Golfstrom mit einer Breite von rund 50 Seemeilen und bis zu 4 Knoten Strom. Dem Kontinent in diesen Breiten vorgelagert ist eine Inselkette mit nur wenigen 100 Meter breiten, teils rund 1 Meter tiefen sogenannten Inlets, schmale Passagen, die den Weg zur Festlandküste frei geben. Davor schlängelt sich der Intracoastal Waterway (ICW) über fast 5000 Meilen von Süd nach Nord. Die Yachten vor der Skyline an Land sind haushoch und die Highways haben 5 Lanes, in eine Richtung. 2 Hamburger mit 2 Getränken und 1 Portion Pommes kosten 32 US Dollar – als Take-Away, versteht sich. Wir sind angekommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, unserem 2. Etappenziel.
Landfall und Einklarieren: Alles easy
Die mit Spannung erwartete Passage des Golfstroms verläuft dank der günstigen Wetterprognose mit 15 bis 20 Knoten südöstlichen Winden äußerst angenehm. Wir halten permanent vor und laufen mit bis 250° durch’s Wasser, um leicht südlich der 270° Soll-Kurslinie zu bleiben. Tidenstrom ist Nebensache, der Golfstrom gibt hier den Takt vor. Während eine Delfin-Schule uns ein paar Meilen begleitet und vergnügt Salti und Pirouetten unmittelbar vor unserer Nase und dem Bug dreht, halten wir schon von Weitem Ausschau nach der Skyline von West Palm Beach, unserem anvisierten Ziel, das mit einem betonnten Fahrwasser, ausreichend Wassertiefe im Inlet und Ankermöglichkeiten direkt vor dem Zoll- und Immigration Office, besser gesagt dem Department of Homeland Security, ideale Bedingungen für den Landfall bietet. Aber erst 10, 12 Seemeilen vor der Küste können wir die Silhouetten der bis an den Strand gebauten Hochhäuser im Dunst ausmachen.
Wir erreichen die Ansteuerungstonne nach rund 59 Seemeilen und 11 Stunden auf See gegen 18.00 Uhr Ortszeit, folgen dem betonnten Fahrwasser durch das Inlet, biegen an der nächsten Tonne nach Backbord ab und finden einen geschützten Ankerplatz am Rande eines Mooring- und Ankerfeldes unmittelbar vor den Villen von Reviera Beach und dem grünen Zollgebäude auf der Festlandseite. Für heute ist es zu spät zum Einklarieren, entscheiden wir: bis das Dinghy klar ist und wir übergesetzt sind, dürfte wohl niemand mehr im Office erreichbar sein.
Im Department of Homeland Security
Dennoch wollen wir unserer Meldepflicht nachkommen, kündigen unsere Ankunft telefonisch an. Von unserer Notice of Arrival, die wir vom Vortag über das Online-Portal abgesetzt haben, scheint man jedoch keine Kenntnis zu haben. Auch im Zollbüro, das wir direkt am nächsten Vormittag aufsuchen, ist diese Information offensichtlich nicht angekommen. Man scheint sich auch nicht wirklich dafür zu interessieren. Auch uns und der Aurora Maris, was wir an Bord haben an Lebensmitteln, eventuellen weiteren Mitseglern usw. usf., bringt man äußerst wenig Interesse entgegen. Der Officer drückt uns lediglich ein paar Formulare, die wir ausfüllen sollen, in die Hand. Auf Verlangen erhalten wir für 19 US Dollar ein Cruising Permit, das es uns ermöglicht, 1 Jahr in dem Revier zu segeln, ohne dass wir in jedem Hafen erneut einklarieren (und bezahlen) müssen. Lediglich beim Wechsel des Staats müssen wir uns telefonisch neu anmelden. Allerdings insistieren die Officer auf einer sogenannten Customs ID, die wir – warum auch immer – nicht im Zuge unserer Notice of Arrival nicht erhalten haben. Aber auch das ist kein Problem: der Officer stellt kurzerhand eine Telefonverbindung zur zuständigen Zollbehörde her und nach kurzem Interview mit Angaben zu Crew, Schiffsposition und zu verzollenden Waren erhalten wir auch diese Nummer. Das war’s. Kein Besuch vom Zoll an Bord. Keine Durchsuchung des Schiffs nach unerlaubten Lebensmitteln, wovon Crews berichten, die ihren Landfall in anderen, insbesondere südlicheren Regionen hatten. Alles lief wider Erwarten und anders lautender Erfahrung glatt und easy.
Für unsere Lieblingsschokolade fahren wir meilenweit
Unsere vorrangiges Interesse ist in den nächsten Tagen ganz darauf fokussiert, unsere Vorräte wieder aufzustocken. Schaps und Backskisten sind leer. Das Gas geht zur Neige. Der Wassertank ist empty und unsere Wasserpumpe ist in den Arbeitsstreik getreten. Sie wird kurzerhand geschasst und gegen eine neue ausgetauscht. Gott sei Dank ist die Versorgungslage in West Palm Beach für Yachties ausgezeichnet. Es gibt Nautic Shops und Supermärkte, die fußläufig erreichbar sind. Sogar einen Aldi weist Google Maps aus – den 8 Kilometer langen Weg dahin, zum Teil entlang eines lauten, stinkenden Highways, nehmen wir in Kauf, wohl hoffend, dort unsere Lieblingsschokolade, Zartbitter Vollnuss, erwerben zu können. Auch unser dringendes Problem, das Befüllen unserer leeren Gasflache mit deutschem Anschluss, können wir mit Hilfe unseres US-Adapters und Unterstützung eines bereitwilligen Tankwarts an einer Texaco-Tankstelle mit Amerigas-Vertrieb lösen.
Heimathafen auf Zeit gesucht
Danach haben wir nur noch eine Sorge: Mit Erreichen unseres 2. Etappenziels ist wieder ein Aufenthalt von ca. 4 Wochen in Deutschland geplant. Die Tickets haben wir schon in der Tasche, der Rückflug ist für den 3. März 2018 angesetzt. Aber: wo bleibt die Aurora Maris während unseres Heimaturlaubs? West Palm Beach ist ein teueres Pflaster, sehr beliebt bei den Schönen und Reichen des Landes. Liegeplätze sind rar und dementsprechend teuer, oftmals ist auch die Wassertiefe für uns nicht ausreichend. Die Suche gestaltet sich problematisch, Absagen auf Anfragen häufen sich oder exorbitant teure Angebot mit bis zu 9 US Dollar pro Tag pro Fuß (!) zerschlagen alle Illusionen. (Bei fast 40 Fuß rund 350 Dollar – pro Tag!) So vergehen die Tage mit jeweils frustigem Ausgang. Schließlich verbringt Andrea einen ganzen Sonntag unter Deck mit Internet-Recherchen, E-Mail-Anfragen und Telefonaten… und die Hartnäckigkeit wird belohnt: am Ende vermittelt uns ein netter Hafenmeister in Nettles Island Marina (Stuart, Jenson Beach), rund 50 Meilen nördlich, einen akzeptablen Liegeplatz, den wir ohne Empfehlung nie erhalten hätten – und bei einer Wassertiefe laut Seekarte von 1,20 Metern in der Ansteuerung wären wir nie auf die Idee gekommen, diesen Hafen auszuwählen. Tatsächlich reicht es allemal für die berühmte Handbreit. Soviel zur Zuverlässigkeit der Seekarten…
Landgang West Palm Beach
West Palm Beach hat uns schon toll gefallen. Nach 3 Tagen in Reviera Beach haben wir uns im ICW rund 4 Seemeilen nach Süden, Down Town verholt und im Gezeitenfluss vor Heck- und Buganker liegend direkt im Herzen der Stadt festgemacht. Hier pulsiert das Leben. Menschen, in gepflegtem Look und Outfit flanieren durch die Straßen und über die Promenade, sitzen bei einem Glas in den Straßencafés und Bars, aus denen abends Live-Musik ertönt. Das Stadtbild selbst ist nicht weniger fein und nobel. Ob Asphalt, Pflasterung, Brücken oder Hochhäuser: alles strahlt wie neu erbaut und frisch saniert. Wir fahren mit den Bordfahrrädern die Uferpromenade gen Süden. Auf der anderen Seite des ICWs, auf der über Brücken erreichbaren Insel, reiht sich eine von Palmengärten eingerahmte Prachtvilla neben der anderen. Seltsamerweise werden die davor liegenden Steganlagen kaum genutzt. Dafür gibt es im ICW umso mehr Ankerlieger, so dass es hier schon fasst eng wird, einen Platz zu finden, zumal die Wassertiefe außerhalb des Fahrwassers schnell auf unter 2 Meter absinkt.
Abends flanieren auch wir durch die Straßen mit zahlreichen Restaurants, Bars und Boutiquen. In der Innenstadt findet sich eine große Springbrunnenanlage eingerahmt von einer über 2 Etagen angelegten Shopping Mall. Emporen und Balustraden geben den Blick auf den Innenhof, aus dem stimmungsvoll Live-Musik klingt, frei. Hier wollen wir verweilen und uns aus dem Burgerfy nur kurz etwas zu essen holen. Der Burgerfy liegt an der vermeintlich (weltweit) teuersten Meile…. Vielleicht erklärt das den Preis von rund 32 US Dollar für 2 Hamburger, 1 Pommes und 2 Getränke – aber lecker war’s trotzdem;))
Andrea kriegt was auf die Finger
Im ICW gibt die Tide den Takt an, die Strömung ist nicht zu unterschätzen. Alle 6 Stunden schifften die vor Anker- und an der Mooring liegenden Boote. Wir bringen sicherheitshalber einen Zweitanker am Heck aus. Bei dem Manöver, eigentlich, als schon alles vorbei ist, passiert Andrea dann ein kleines Missgeschick. Beim Aufschießen der überschüssigen Ankerleine mit lang nach oben gestreckten Armen gerät sie mit den Fingern in den bei schwachem Wind rotierenden Windgenerator. Der Schrecken ist groß, die Wunde am Mittelfinger relativ tief und Chris ist nur schwer davon abzuhalten, Andrea ins Dinghy zu verfrachten und zum Knochendoktor zu fahren. Er lässt sich dann aber doch dazu überreden, einen Verband unter zur Hilfenahme eines Messers als Schiene anzulegen. 3 Tage bleiben die Finger ruhig gestellt, dann werden sie peu a peu wieder in den Alltag eingespannt. Gott sei Dank passierte dies während unserer segelfreien Tage. Das hätte böse ausgehen können. Glück gehabt!
Kurs Nord im ICW
Nach insgesamt 5 Tagen Großstadtfeeling ziehen wir nach Norden unserem neuen Heimathafen auf Zeit entgegen. Der Wind weht stumpf auf die Nase, Kreuzen ist in dem engen Fahrwasser nicht angesagt, zumal direkt am Fahrwasserrand kaum noch 2 Meter Wassertiefe auf unserer Logge angezeigt wird. Zuweilen wird es selbst im Fahrwasser spannend flach. Ein wenig fühlen wir uns an die holländischen Kanäle erinnert: auch hier gibt es zahlreiche Brücken, die auf Anforderung öffnen und die Bahn für die Yachties frei geben. Außerhalb der Stadtbebauung prägen weiterhin noble Villen das Bild. Nur allmählich lockert die Besiedelung auf und die Natur kommt wieder Oberhand. Nun säumen Mangroven den Wasserweg, ab und an erweitert sich der ICW zu einer Seenlandschaft, die zum Ankern einlädt. So legen wir dann nach rund 25 Meilen vor Jupiter Island einen Ankerstopp in friedlicher Natur ein. Die Region zählt zum Manatee-Schutzgebiet, Motorboote dürfen nur auf ausgewiesenen Strecken Gas geben, und so ist uns eine Nacht in Idylle und Ruhe sicher. Allerdings ist das Wasser nun eher grün-braun, einem Ententümpel ähnelnd und damit weniger zum Schwimmen verlockend.
Nach weiteren 25 Seemeilen erreichen wir am 27. Februar 2018 unseren vorläufigen Heimathafen Nettles Island Marina, direkt am ICW gelegen und mit der vorgelagerten Insel über eine Brücke verbunden, die von Security bewacht wird. Wir werden sogleich von den Hafengästen willkommen geheißen und fühlen uns auf Anhieb sehr wohl. Unsere Box ist riesig, für 46 Fuß große Yachten ausgelegt, aber Ray, der Hafenmeister, ist ein netter Kerl und macht uns ein faires Angebot.
Ein Snowbird und viele Pelikane
Kaum liegen wir fest in unserer Box und haben die Achterleinen über die Poller ausgebracht, beziehen Pelikane Stellung und positionieren sich auf den Pollertops, wo sie sich im glimmernden Abendlicht räckeln und ihr Gefieder putzen. Unser Nachbar, Ron, kommt aus der Nähe von Seattle im Westen Amerikas. Ein sogenannter Snowbird, der der Kälte im Norden entflohen ist, um im Sonnenstaat Florida zu überwintern. Ron hat ein Auto, bietet sich sofort mit seinen Diensten an und ist gerne bereit, uns in den nächsten Tagen zur Automietstation zu fahren. Er nimmt uns mit zum Einkaufen und abends fährt er mit uns zu einer Open Air Bar mit Live Musik, wo Spitzenmusiker für First-Class-Unterhaltung sorgen. Die Bar ist bekannt für ihre internationalen Bierspezialitäten aus aller Welt. Auf Getränketafel entdecken wir unter anderem „Kölsch“. Wir verbringen einen unvergesslich schönen Abend gemeinsam mit Ron in toller Atmosphäre.
Seit Great Inagua auf den Bahamas Anfang Februar ist Nettles Island Marina der erste Hafen, den wir anlaufen. Süßwasserduschen für Schiff und Crew inklusive Outfit sind längst überfällig. Ein pralles Arbeitsprogramm liegt vor uns, bevor wir uns am 3. März auf dem zuweilen 5-spurigen Highway auf den Weg zum Flieger nach Miami machen – 5 Bahnen in 1 Richtung, nach über 3 autofreien Monaten haben wir also gleich das volle Programm! Schon bald lernen wir: die Amies fahren anders als die Europäer. Hier wird nicht nur nicht für Fußgänger an Zebrastreifen nicht gebremst. Auf den Highways wird zudem beidseitig – sowohl von rechts als auch links – überholt.
„Heimaturlaub“mit Verspätung
Aber: alles geht gut. Wir erreichen wohlbehalten und pünktlich unseren Flieger. Der allerdings verlässt den Flughafen mit 3 Stunden Verspätung, so dass wir in Reykyavik sauber unseren Anschlussflug verpassen. Besten Dank WOWair, dass ihr uns mitten in der kalten Pampa in einem j-w-d-gelegenen Hotel ausgespuckt habt mit einem billigen Essensgutschein für eine 1,5 Kilometer entfernte, bessere Frittenbude. Aber: Ende gut, alles gut. Mit einem Tag Verspätung kommen wir in der Heimat an.
Während Chris nun unsere To-do-Liste abarbeitet, auf der unter anderem die Anschaffung eines neuen Funkgerätes als Ersatz für das schweigsam gewordene alte Gerät steht, geht Andrea täglich im Büro ihrem Job nach. 4 Wochen „Heimaturlaub“ ist angesagt, in denen wir zumindest 3 Jahreszeiten erleben: Regen wie im fiesesten November, Schnee und Kälte wie im Februar und Vogelgezwitscher bei frühlingshaften Temparaturen mit Sonnenschein lassen uns die vielfältigen Facetten Deutschlands erleben. Es ist unglaublich schön, wieder zuhause zu sein, Familie und Freunde zu treffen. Aber dann freuen wir uns auf Ostern und den 1. April 2018, wenn es wieder heißt: Leinen los! Kurs New York.
Kein Aprilscherz! Es geht wieder weiter, wir wollen unser 3. Etappenziel ansteuern. Okay, ein wenig geschummelt ist es schon: am 1. April sitzen wir im Flieger nach Miami. Wir wollen uns noch die Metropole des Sunshine States anschauen und die Everglades besuchen, bevor wir im Laufe der Woche zur Aurora Maris zurück kehren und unseren Törn fortsetzen. „Und, aufgeregt?“ fragt interessiert der freundliche Zollbeamte beim Einklarieren, als er von unserem Vorhaben erfährt. „Yes, of course,“ ist die einstimmige Antwort.
Fotostrecke: Landfall im Sonnenstaat Florida | Landgang West Palm Beach
…ich sach ma: Wahnsinn! ;o)))
Grüße aus dem -jetzt fast- frühlings-haften Münster!
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Schön das ihr wieder an Bord seit. Dann gibt es ja wieder spannendes zu lesen.
Das Bild hat Gaby mir geschickt.
Weiterhin viel Spaß und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel .
Annette
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