Segeln und Landgang im Azorenarchipel.
Gäbe es die Azoren nicht, man müsste sie erfinden: weit draußen im Atlantik gelegen bieten sie sich strategisch für den Landfall an, um die Atlantikquerung zu verkürzen. Kein Wunder, dass sich hier eine multi-kulturelle internationale Seglerszene findet. Segler-Kultstätte schlechthin ist Horta auf Faial, wo Seglergrößen mit Rang und Namen schon vor Jahrzehnten im Peter Café Sport eingekehrt sind und sich der Hafenmauer verewigt haben, während sie auf ein passendes Wetterfenster für die Weiterfahrt gewarten. Denn: während das über die Grenzen hinaus bekannte Azorenhoch Landtouristen Sommer und Sonne satt beschert, bereitet es Seglern mit einer zeitlich wie räumlich ausgedehnten Flaute weniger Vergnügen. Auch wir tappen in diese Falle – und machen wir das Beste daraus: Island Hopping in kurzen Segeletappen und Landgang auf den Inseln vulkanischen Ursprungs. Auf uns warten eine wunderschöne Landschaft, kulturelle Events und eine internationale Langfahrtseglerszene.
Segeln im Azorenarchipel
(9. Juni – 2. Juli 2018)
Navigatorisch stellen die Azoren keine spezielle Herausforderung. Mit 1 bis 2 Seemeilen Abstand zu den steil ins Wasser fallenden Ufern gibt es genügend Wassertiefe, keine Felsen oder Untiefen. Nur bei der Ansteuerung der Häfen ist Obacht angesagt: da findet man zuweilen Lavastein-Gärten mit Rockies oberhalb oder ganz tückisch direkt unterhalb der Wasseroberfläche.
Zwischen dicht beieinander liegenden Inseln wie Faial und Pico, die eine nur rund 5 Meilen breite Meeresenge trennt, entsteht natürlich Strom. Und an Kaps verstärkt sich selbstverständlich der Wind. Aber generell ist zwischen den Inseln, die sich hoch aus dem blauen Ozean erheben und mit ihrem saftigen Grün einen hübschen Kontrast zum Himmelsblau mit einzelnen weißen Wolkentupfern bilden, entspanntes Segeln angesagt.
Shit Happens…
„Eigentlich“ ist entspanntes Segeln angesagt… wäre uns nicht das Malheur mit unserem Spi passiert: bei Schwachwind und Glattwassersegeln wollen wir möglichst viel Fahrt machen und holen unser schönes Leichtwindsegel hervor. Alles läuft prima, bis der Spie bei einem Segelmanöver vor dem Bug unter dem Anker verhakt. Wir bemerken das Dilemma erst, als es schon zu spät ist und der Anker ein Loch in das Tuch gerissen hat. Wir versuchen das Schlimmste zu verhindern, fieren direkt das Fall sowie die Schoten auf, aber: zu spät: der zunächst kleine Riss breitet sich rasant aus und zerfetzt das Segel parallel zum Unterlik von vorne bis achtern. Uns bleibt nur, das Segel zu bergen, sicher an Deck zu verzurren. Vor unserer Weiterreise zum europäischen Kontinent ergibt sich keine Möglichkeit, das Tuch fachgerecht reparieren zu lassen, wir werden ohne den Spi auskommen müssen.
Zielgerichtete Organisation des Zufalls
Den Zwischenstopp auf den Azoren hatten wir bei beim Passage Planning der 2. Atlantik-Querung fest eingeplant, nicht aber ein fixes Inselprogramm definiert. So sind wir offen für Gelegenheiten, die sich uns bieten, und Zufälle, die uns begegnen. Immer aber haben wir ein Auge auf die Wetterentwicklung und nehmen passende Winde zur Weiterreise durch die Azoren mit. Allzeit bereit für den „Sprung“ über den Atlantik zum europäischen Festland, weiß ein hartnäckiges Azorenhoch dieses zu verhindern. Doch wir sind nicht wirklich böse darüber und verbringen unsere Tage nach dem Motto der „zielgerichteten Organisation des Zufalls“ – mehr dazu später.
5 der insgesamt 9 Azoren-Inseln liegen mehr oder minder direkt auf unserer Kurslinie: Da ist zunächst das im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Flores, das wir direkt von New York kommend angelaufen haben und auf dem Andrea in den Besitz eines diensttauglichen Zauberstabs kommt. Bis Horta auf Faial, dem Treffpunkt der internationalen Langfahrtsegler-Szene schlechthin, und der Nachbarinsel Pico mit dem höchsten Berg Portugals und der Lavahöhle Gruta das Torres sind es auf Süd-Ost-Kurs rund 130 Seemeilen, also ein Tages- und ein Nachttörn. Weiter im Nord-Osten schließt sich rund 25 Meilen entfernt Velas auf der Insel São Jorge an, auf der zurzeit das Johannes-Fest „Sao Joao“ gefeiert, sowie Tourada à Corda (Stierkampf am Seil) und ein Barock-Konzert in einer Kaasfabriek geboten werden. Die Feierlichkeiten setzen sich nach einem strammen Segeltag (gut 50 Seemeilen gen Osten) auf Terceira in der zum Weltkulturerbe zählenden Stadt Angra in dem 10-tägigen Sanjoaninas Festival fort.
Wir arrangieren diese spannenden Events zu einem bunten Programm auf unserem Weg zum europäischen Kontinent, zu dem wir von Praia da Vitória auf der Ostseite Terceiras durchstarten. Zunächst aber liegen 24 ereignisreiche Tage Landgang auf 5 Azoreninseln vor uns:
Sim-Salabim…. zauberhaftes Flores
8. Juni – 11. Juni 2018, Marina Lajes
Nach dem großen Schlag von New York zu den Azoren finden wir in der kleinen Marina Lajes auf Flores eine Oase der Erholung: hier liegen wir nicht nur ruhig und sicher in einem geschützten Hafen (sofern der Wind nicht aus Nord-Ost kommt), hier erwartet uns auch eine entspannte Atmosphäre inmitten von Langfahrtseglern und freundlichen Locals umgeben von der zauberhaften Natur der Insel.
An dem uns gegenüberliegenden Steg liegt eine Ketch mit deutscher Flagge. Ein freundliches Winken quer über das Hafenbecken ermuntert uns zu einem Kurzbesuch. Wo kommt Ihr her, wo geht Ihr hin? Wie war die Überfahrt? Habt Ihr auch die Tiefs mitbekommen? Wisst Ihr wo der Supermarkt ist? Im Prinzip fangen alle Steggespäche ähnlich an, und dann ist man sofort mitten drin. Ilja und Stefan sind seit 6 Jahren mit ihrer „Sabir“ unterwegs auf Weltumsegelung. Wow! Sie liegen bereits seit ein paar Tagen in der Marina, machen – wie alle – Klar-Schiff und können uns schon mit Insider-Infos versorgen. So kommt auch der Kontakt zu Felipe zustande, der uns für kleine Münze sein Auto zur Inselerkundung zur Verfügung stellt.
Die Übergabe erfolgt ganz locker und formlos. „Stellt morgen den Wagen auf dem Parkplatz ab, legt den Schlüssel und das Salair einfach ins Handschuhfach… Nein, hier passiert nichts, wir kennen uns alle“. Tatsächlich lassen auch die Yachties an Bord Schapps und Luken offen. Nichts kommt weg – allenfalls findet sich mal ein ungebetener Gast in der Koje. So geschehen auf der Nachbarinsel Faial, als Spi – Bordkatze der „Sitara“ – unsere Abwesenheit schamlos ausnutzte und sich durch ein offenes Luk Zugang zu Andreas Koje verschaffte. Aber Kriminalität ist auf den Azoren (zumindest auf den kleinen) ein Fremdwort.
Bevor es mit dem Wagen losgeht, wollen wir die Nahumgebung per Pedes erkunden. Der Rucksack ist gepackt und gerade machen wir uns auf den Weg, da hält uns jemand auf der Hafenmauer freudestrahlend einen Zweig Rosmarin entgegen: „Hallo, wir haben Euch was mitgebracht“. Christian, TO-Stützpunktleiter (Trans Ocean Seglerverband) und Partnerin Hanni kümmern sich rührend um die Langfahrtsegler, die die Marina Lajes ansteuern. Sie wissen genau, was einem nach Tagen und Wochen auf See Freude macht, und halten auch für uns jetzt wie in den Folgetagen kleine Überraschungen bereit: frische Kräuter aus dem eigenen Garten, Bio-Eier von glücklichen Azoren-Hühnern, selbstgebackener Marmorkuchen… was für Glücksmomente!
Christian packt uns kurzerhand in sein Auto, zeigt uns den schönsten Aussichtspunkt über den Hafen und chauffiert uns ein paar Kilometer weiter zur Süd-Küste von Flores, von wo aus wir eine Küstenwanderung zum Faja de Lopo Vaz starten.
Gut eine Stunde lang geht es einen schmalen, steilen Küstenpfad runter bis in die Tiefebene. Überall an den Felswänden wachsen kleine Farne und ein reichhaltiges Angebot aus dem in allen Grün-Farben schillernden Pflanzenprogramm. Am Wegesrand haben Menschen im steilen Felsgestein kleine Marienstatuen arrangiert und bunt geschmückt. Der steile, schweißtreibende Rückweg wird mit einer grandiosen Aussicht belohnt.
Am Ende eines jeden Tages genießen wir im Cockpit sitzend das allabendliche Konzert der Gelb-Schnabel-Sturm-Taucher, die tagsüber draußen auf dem Meer verweilen und sich bei ihrer Rückkehr nach Einbruch der Dunkelheit über lautstarke, vor der Steilküste im Hafen reflektierende Rufe verständigen: AUA-AUA… OI-OI… AUA-AUA… AI-AI.
Mit Felipes Auto erkunden wir Flores im größeren Umkreis. Wir fahren quer durch die hügelige Landschaft gen Nord-Westen durch schmale von blau-blühenden Hortensienhecken gesäumten Straßen. Erster Stopp ist oben auf den Vulkankratern, an den Bergseen Caldeira Funda und Rasa. Wir haben Glück: noch gestern waren die Gipfel eingehüllt in dicke Wolken. Heute aber ist der Himmel strahlend blau und gibt die Sicht auf die grünen Bergseen, eingerahmt von den saftig-grün bewaldeten Kraterhängen frei.
Nach kurzem Stopp geht’s weiter an die Westküste, vorbei an dem Orgelpfeifen ähnelndem Felsmassiv mit Bassaltsäulen (Rocha dos Bordões) zu den Wasserfällen in Faja Grande. Aus ca. 100 Metern Höhe fallen die Wassermassen an grün bewachsenen Hängen steil in die Tiefe. Das christallklare Wasser sammelt sich in einem Pool und lädt uns zu einem Erfrischungsbad mit Freiluftdusche unterm Wasserfall ein.
Nach der dschungelhaft anmutenden Vegetation im Süd-Westen der Insel mit wilden Küstenformationen und einem Landschaftsbild, das uns teils an die Bretagne, teils an Süd-England erinnert, wandelt sich die Natur im Inselinneren und Richtung Osten: die mit überwiegend Nadelholz bewachsenen Hügel muten fast schon bayerisch an.
Für Santa Cruz, den kleinen Hauptort an der Ost-Küste, bleibt uns nur wenig Zeit: wir wollen unseren letzten Abend auf der Insel mit Christian und Hanni an Bord der Aurora Maris verbringen. Für den Abend sowie die Weiterfahrt müssen wir uns noch verproviantieren. Daher gilt unser vorrangiges Interesse dem ausgezeichneten Warenangebot des weit und breit größten Supermarktes.
Auch Hanni und Christian sorgen dafür, dass unsere Vorratsschapps gut gefüllt sind und bringen Leckereien aus dem eigenen Garten und der eigenen Küche mit. Zum Abschied überreicht Christian Andrea einen selbst designten Zauberstab, der über Nacht glatt aktiv wird und uns zum Morgen frische Bäckerbrötchen und Marmorkuchen-Marke-Hanni ins Cockpit zaubert (Danke Christian!)
Nach 4 Tagen Flores weht der Wind aus der passenden Richtung zur Weiterreise nach Faial: mit 130 Seemeilen liegt ein wunderbarer Nachttörn vor uns.
Unter Langfahrtseglern im Szenetreff Horta
13. – 19. Juni 2018
Horta ist ganz anders als das ruhige, verschlafene Lajes auf Flores. In Horta pulisiert förmlich das Leben. Unweit des riesigen Hafengeländes gibt es einige Restaurants und Bars. In der Fußgängerzone warten kleine Lädchen mit den verschiedensten Waren auf Kundschaft. Die Hauptmeile jedoch findet sich gleich neben dem Hafengelände rund um das Café Peter Sport. Hier wird zurzeit das 100jährige Bestehen der Kultkneipe gefeiert. „Peter“, einst Anlaufstelle für Segler, die eine Postadresse brauchten, hat sich über die Jahrzehnte zu einer Marke entwickelt. Alles ist „Peter“ in dieser Straße: Ob T-Shirt, Gin, Whale-Watching-Tour. Selbst das Straßenschild trägt den Untertitel „Peter“. Wie ein Magnet werden die Leute angezogen, nicht nur Segler, auch Landratten flanieren hier und kehren in der legendären, mit Flaggen aus aller Herren Länder dekorierten Bar ein. Wir natürlich auch: erst ein Espresso mit lokalen Gebäck-Spezialitäten (eine Art Käse-Pudding-Kuchen) und am Abend dann ein Steak – das haben wir uns verdient.
Wir tun es den Langfahrtseglern gleich und verewigen uns auf der 100te von Metern langen Hafenmauer mit einem Signet, was Glück für die anstehende Weiterfahrt bringen soll. Für unsere kleine Runde auf dem Atlantik reicht uns ein kleines Fleckchen in der Größe eines DIN A 3 Formats, auf dem wir unser Logo vor Deutschland-Flagge versehen mit unseren Namen, Datum und Heimatstadt platzieren. 2 Tage dauert es, bis unser kleines Werk fertig ist, nicht zuletzt weil sich immer wieder Segler wie auch Landtouristen zu einem kleinen Klönschnack dazu gesellen.
Der Ort und die Marina Horta sind geprägt von der besondere Atmosphäre der Langfahrt- und Weltumsegler: bunt und international bilden sie eine Gemeinschaft, die gerne teilt, sich mitteilt und teilnimmt an Erlebnissen und Erfahrungen anderer. Mit unserem Liegeplatz in der Marina, längsseits im Päckchen zwischen der „Galatea“ und der „Sitara“ sind wir mitten drin im Geschehen und lernen viele Segler, die Tolles geleistet und viel zu berichten haben, kennen.
Anna-Maria und Ernst aus Bayern an Bord der „Galatea“ haben nach 17 (!) Jahren ihre Weltumsegelung vollendet. Sie haben Kap Hoorn und das Kap der Guten Hoffnung gerundet und sind jenseits der Blauwasserroute in spannenden Gegenden gewesen. Gemeinsam mieten wir ein Auto, um Faial zu erkunden. Auf unseren Unternehmungen haben wir Gelegenheit, uns von ihren abenteuerlichen Erlebnissen erzählen zu lassen, beispielsweise auf uns unserer Wanderung um den 6 Kilometer langen und teils wenige Meter breiten, mit Hortensien und anderem Gebüsch bewachsenen Krater Caldeira. Auf der einen Seite das Blau des Ozeans, auf der anderen das Grün der steilen Kraterwand eröffnen sich auf dem Rundweg immer neue Perspektiven, die zum Verweilen einladen. Und immer wieder schweift der Blick zum Pico, dem mit 2.350 Metern alles überragenden, höchsten Berg Portugals auf der gleichnamigen Nachbarinsel.
Vor gut 60 Jahren (1957/58) hat es auf Faial zuletzt Vulkanaktivitäten gegeben. Die aus der zerstörerischen Naturgewalt entstandenen faszinierenden Naturformationen können wir auf Westspitze der Insel bestaunen. Der Anblick aus der Ferne auf die bizarre, karge Vulkanlandschaft mit steil aufsteigenden Kraterwänden ohne jedwede Vegetation ist atemberaubend. Mittendrin nicht minder bizarr anmutend der alte Leuchtturm, der wie ein Fels in der Brandung den Naturgewalten standgehalten hat.
Ein Vulkankrater aus älterer Zeit findet sich unmittelbar neben der Marina Horta. Unsere Wanderung auf den Monte da Guia führt uns zunächst vorbei an der malerischen halbmondförmigen Badebucht Porto Pim. Tiefblaues Wasser vor Sandstrand, in dem feine Partikel pyrit im Sonnenlicht schimmern. Darüber der strahlend blaue Himmel, weiße, schnell ziehende Wolken. Teils an der Küste entlang, teils über einen steilen Naturfels-Treppenweg führt ein Patt hinauf zum Gipfel, der den Blick auf die zum Meer halb geöffnete Caldeira frei gibt. Auf der Rückseite des Berges führt der Weg durch einen märchenhaften Wald zurück und bietet eine wunderschöne Aussicht auf die Marina: inmitten der zahlreichen Yachten liegt die Aurora Maris.
Immer wieder fällt unser Blick auf den Pico. Beständig wandelt der Bergriese sein Erscheinungsbild: mal versteckt er seinen Gipfel hinter einer dicken, einem Blumenkohl gleichenden Wolke, mal stülpt er eine passgenau „hautenge“ Kappe über sein Topp, und ganz selten zeigt er sich „oben ohne“ vor strahlend blauem Himmel. Doch unabhängig von Dress und Perspektive, ob von Land oder von See: er ist immer ein Hingucker.
Pico – Superlative über- und unterirdisch
19. Juni 2018
Nach Pico setzen wir mangels geeignetem Ankerplatz und geschützter Marina mittels Fähre über und fahren mit dem Mietwagen im Uhrzeigersinn die Küstenstraße am Fuße des allgegenwärtigen Pico durch die Vulkanlandschaft. Schwarze Mauern aus Lavagestein und kleine, wenige Quadratmeter große Parzellen mit rotem Sand und saftig-grünen, am Boden rankenden Weinreben geben eingerahmt vom Himmelsblau und tintenblauem Atlantik ein landschaftlich tolles Bild.
Wir machen einen Abstecher in eine der Küstendörfer und schlendern durch einen Lava-Stein-Garten aus schwarzem, schroffem Felsgestein, umgeben von den seichten Wellen des Ozeans, die teils gurgelnd, teils plätschernd und zuweilen grollend gegen die Gesteinsformationen donnern.
Nach rund 15 Kilometern verlassen wir die Küstenstraße und fahren über einen kurvenreichen schmalen Landweg, gesäumt von blauen Hortensien-Hecken. Weiter geht’s quer durch die Berglandschaft, zunächst gen Süden, später gen Norden Richtung Pico. Endlos große Grasflächen bedecken die Bergrücken, ab und an grasen am Wegesrand Kühe in kleinen Herden. Dünne Wolkenschleier ziehen zwischen den Gipfeln an uns vorüber, verleihen der friedlichen Landschaft ein mystisches, märchenhaftes Flair.
Für die mit 7 Stunden zu kalkulierende Besteigung des Picos reicht unsere Zeit leider nicht, aber wir gönnen uns ein Picknick und Mittagsschläfchen zu seinen Füßchen im weichen Moosgeflecht, bevor wir zur Gruta das Torres, mit 5.000 Metern eine der längsten Lava-Höhlen der Welt, aufbrechen. Ein Guide führt uns ein paar 100 Meter durch die bis zu 15 Meter hohe und nur wenige Meter breite Höhle, erklärt uns nicht nur die Entstehung sondern führt unser Auge auch zu den imposanten Lavaformungen: Stalagtiten ragen tropfenförmig von der Decke, teils haben die Lavaflüsse um Geröll und Gestein skurrile Bildnisse geformt.
Feste feiern auf São Jorge
20. – 26. Juni 2018
Nach den Tagen in prächtiger Natur steht Kultur auf Sao Jorge, der nur 20 Seemeilen entfernten Nachbarinsel auf dem Programm. Hier feiern die Bewohner in diesen Tagen das Fest des Sao Joao zu Ehren des Heiligen Johannes mit einer Prozession und Straßenfest. Zudem wird ein Touro al Corde (zu Deutsch: Stierkampf am Seil) geboten. Das wollen wir nicht verpassen.
Zunächst wollen wir uns wieder mit einer Rundfahrt einen Gesamteindruck von der Insel verschaffen. Wir legen einen Stopp auf Nordseite in Fãjos dos Cubres ein, und wandern auf einem idyllischem Küstenweg hinab zu den Seen der Faja Da Caldeira de Santo Cristo. Wir stärken uns mit einer preiswerten Mahlzeit im einzigen Restaurant der kleinen Siedlung – der Gockel ist trocken, die Kartoffeln lasch, aber: wie sagte Heini verschmitzt auf unsere Frage nach einem guten Restaurant: „Satt werdet ihr, aber….“ Einen Kaffeestopp legen wir auf der Südseite der Insel in Faja dos Vimes ein, um von dem hier angebauten Kaffee zu kosten. Krönung des Tages ist ein Picknick mit selbstgeschmierten Käsestullen hoch in den Bergen bei Sonnenuntergang vor der Kulisse des auch von hieraus gut sichtbaren Picos.
Der Touro al Corde steht für Samstag im Nachbarort Santo Amaro auf dem Programm. Wir teilen uns mit den Crews der „Galatea“ und der neu eingetroffenen „Mobi Dick“ ein Taxi, das uns an den Ort des Geschehens bringt. In Santo Amaro angekommen säumen die Zuschauer die engen Straßen, jeweils geschützt hoch auf einer Mauer sitzend oder hinter Barrieren sicher verschanzt. Nach kurzer Zeit, angekündigt von einem lauten Donnerschuss, kommt der Stier in die Szene. Er wird an einer ca.100 langen Leine von 8 in schwarz-weißer Tracht gekleideten Männern gehalten. Das Tier steht erwartungsvoll da, schart mit der Hufe, senkt den Kopf und nimmt Anlauf, um einem mit Schirm bewaffnetem Insulaner Beine zu machen. Nach ein paar Metern bleibt der Stier wie angewurzelt stehen. Der „Provokateur“ hat zwischenzeitlich das Weite gesucht und sich mit einem Satz über eine Mauer in Sicherheit gebracht. Offenbar kann jeder, der sich traut, mitmachen. Jede gemeisterte „Attacke“ wird von den Zuschauern mit Szenenapplaus belohnt. Weder dem Stier noch den provozierenden „Kämpfern“ tragen bei dieser Show Verletzungen davon. Dass es auch anders enden kann, hatte uns bereits auf der Hinfahrt der Taxifahrer erklärt. „The bull is really dangerous!“ Vor ein paar Wochen seien 2 Touristen verletzt worden. Eine Frau läge noch immer im Krankenhaus.
Wir machen uns wohlbehalten und unbeschadet auf den Rückweg zu Fuß ins Dorf. Nach einem Zwischenstopp in einer Bar, in der wir den 2:1 Sieg der Deutschen Fußballmannschaft im WM-Spiel gegen Schweden erleben, haben wir eine gute Grundeinstimmung für das anschließend in den bunt geschmückten Straßen stattfindende Fest zu Ehren des Sao Joao. Vor der kleinen Kirche ist ein Altar aufgebaut, wo der Priester eine Messe zelebriert. Hier ist Start und Ziel der Prozession, bei der langsamen, andächtigen Schrittes die Christusfigur durch die Straßen getragen wird, begleitet von einer Musik-Kapelle sowie den Gläubigen – jeweils in einer Reihe die Frauen rechts und links die Männer. Unmittelbar nachdem die Prozession durch ist, wird eine über 100 Meter lange Tischtafel aufgebaut, an der zu später Stunde gegrillte Sardinen und frisch gebackenes Maisbrot bei Live-Musik serviert wird.
Sonntag, der 24. Juni 2018– ein neuer Tag mit neuen Erlebnissen. Schon früh morgens klopft Ernst an den Rumpf der Aurora Maris: In der Kaasfabriek, die wir auf unserer Inselrundfahrt gesehen haben, wird ein Barock-Konzert am Spinnet sowie eine Kunstausstellung geboten. Sind wir dabei? Na klar, das Erlebnis wollen wir uns nicht entgehen lassen. So lernen wir Pieter kennen, den Organisator dieser Veranstaltung. Pieter ist ein 1000-Sasser: In Holland doziert er an der Uni Mathe und Informatik, während der Monate auf Sao Jorge macht er Blues auf der Gitarre, malt Bilder in Acryl, gibt Malkurse für Manager und solche, die interessiert sind… ein Multi-Talent und Alleskönner also. Von ihm stammt der Spruch „zielgerichtete Organisation des Zufalls“. Unter diesem Motto hat er seine Studenten mit Pinsel und Leinwand kreativ werden lassen.
Das Konzert auf dem Spinnet mit Werken u.a . von Bach (ebenfalls geboten von einem Holländer) vor kleinem Publikum ist ein besonderes Erlebnis, eingerahmt von Kunstwerken und dem besonderen Flair einer ehemaligen Käsefabrik. Nicht zuletzt die persönliche, herzliche Ansprache durch die Organisatoren trägt zu diesem wunderschönen Nachmittag bei.
Terceira – Sanjoaninas, das Feiern geht weiter
27. Juni – 2. Juli 2019
Die Festivitäten finden in den 10-tägigen Sanjoaninas in Angra auf Terceira ihre Fortsetzung. Das zum Weltkulturerbe zählende Angra ist festlich geschmückt und herausgeputzt mit hohen Bögen, die die Straßen und Gassen überspannen. Am frühen Abend erschallt aus Lautsprechern und auf kleinen Bühnen Musik. Stände, an denen lokale Spezialitäten, kleine Snacks und Imbisse angeboten werden, sorgen für’s leibliche Wohl. Ab 21.00 Uhr gibt es Umzüge durch die Stadt, täglich unter einem neuen Motto. Mal rollen Autokorsos mit Oldtimern, Jeeps und Motorrädern laut hupend und mit aufjaulenden Motoren durch die Gassen, mal visualisieren kostümierte Märchen- und Traumfiguren eine Zauberwelt, dann wieder werfen sich die Inselbewohner – vom Stepke bis zum Greis – in ihre Trachten und ziehen singend und tanzend durch die Straßen, gesäumt vom spalierstehenden Publikum. Ein weiteres Highlight: ein Open-Air-Freiluft-Orchester vor den Eingangstoren des Doms. Marschmusik haben wir erwartet – überrascht werden wir von Blasmusik mit Rock-Pop.
Terceira ist die letzte Azoreninsel auf unserer Route. Dann wird es auch Zeit, dass wir weiterkommen. Es zeichnet sich ein akzeptables Wetterfenster für den 3. Juli 2018 ab. Mit den prognostizierten Nord-West-Winden hoffen wir auf eine schnelle Überfahrt zum europäischen Festland. Begleitet von lustigen Delfinen verholen wir uns in Pool-Position nach Praia da Vitoria an der Ostseite der Insel und treffen Vorbereitungen für den Start am nächsten Morgen.
Aktuell sind wir hier…
Fotostrecken
Fotostrecke: Zauberhaftes Flores
Die Fotostrecken Faial – Pico – Sao Jorge – Terceira findest Du weiter unten. Bitte scrollen!
Fotostrecke: Szenetreff Horta (Faial)
Fotostrecke: Pico – Superlative über- und unterirdisch
Fotostrecke: Feste Feiern auf Sao Jorge
Fotostrecke: Terceira – Sanjoaninas, das Feiern geht weiter
Fotostrecke: Terceira – Wir verholen uns nach Praia (Terceira)
Hallo, habe gerade einen kurzen Trip auf die Azoren gemacht! Sehr anschaulich der Bericht . Ich kann mir alles sehr bildlich vorstellen.
Wünsche euch eine gute Weiterfahrt .
Annette
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Ahoi Andrea, ahoi Christoph,
Eure Berichte lassen den Leser „hautnah“ teilnehmen an Euren Erlbnissen auf den Azoren und auch auf See. Danke für die Berichte, die ich immer mehrmals lese und auf der Weltkarte versuche zu verfolgen.
Steuermann halt‘ die Wacht und hißt die Segel, damit Ihr am 26.08.2018 wieder daheim seit!
Allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel wünscht Euch
Peter Ahlf
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