Der Sonne entgegen mit dem Wind auf der Nase.
Etappe Holland – England:
Nachdem der Wind etwas an Kraft verloren hat, heißt es für uns: Leinen los. Generalkurs Süd-Südwest. Wir verlassen unseren langjährigen Heimathafen in Lemmer am Ijsselmeer am Freitag, den 4. August um 11.00 Uhr. Wir wollen in den nächsten Tagen das Ijsselmeer queren und über den Nordseekanal durch Amsterdam nach Ijmuiden an der Westküste Hollands segeln, um von da aus non-stopp nach England mit Ziel Ramsgate zu gehen.
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Der Wind bläst noch mit 6 Bft. als wir unseren Hafen verlassen, allerdings immer noch genau aus der Richtung, in die wir wollen. Die See ist ruppig und kurze steile Wellen schütteln das Schiff ordentlich durch. Wir kreuzen hoch am Wind und bekommen bei dem Wellenritt immer wieder Süßwasserduschen ab. Zudem wachsen uns auf diese Weise sehr schnell Seebeine. Das macht uns (hoffentlich) seefest und rüstet uns für die bevorstehende Nordseequerung.
Via Amsterdam nach Ijmuiden
Zunächst legen wir nach einem sportlichen Segeltag einen Zwischenstopp im Bataviahaven in Lelystad ein, um am nächsten Tag bei moderaten Windstärken aus der passenden (!) Richtung unseren Törn fortzusetzen. Die Kanalfahrt durch das ebenso turbulente wie pittoreske Amsterdam ist für uns wieder einmal sehr spannend. An diesem Samstag herrscht zudem Partystimmung auf dem Wasser: die Holländer feiern auf dem Kanal in Partybooten bei lauter Musik und in bunten Kostümen die Canal Gay Parade. Unsere Aufmerksamkeit gilt jedoch vorrangig den querenden Fähren und der Berufsschifffahrt, die grundsätzlich vorfahrtsberechtigt sind. Nach insgesamt 9 Stunden erreichen wir die Seaport Marina Ijmuiden am frühen Abend. Zeit genug, um die Etappe für den nächsten Tag zu planen, um Strom und Windverhältnisse zu berücksichtigen und für unser Vorhaben optimal zu nutzen.
Trotz guter Vorbereitung kommen wir bei den Windbedingungen nicht wie erhofft voran. Vor dem vielbefahrenen Hoek van Holland (bei Rotterdam) kippt zudem der Strom und setzt uns zurück. Wir kreuzen bei nur 2 Knoten Fahrt auf unserer eigenen Kurslinie und machen quasi keine Seemeile gut. Wo bleiben die vom Seewetterbericht angekündigten 4 Windstärken? Segeln kann nervenaufreibend sein! Ein Plan B muss her. Wir ändern den Kurs, fallen ab und segeln (bei weniger Höhe zum Wind machen wir mehr Fahrt) nach Stellendam im Grevelingen Meer. Bei Fast-Vollmond gehen wir hier vor Anker.
Die Nacht ist kurz, zumal die Etappe des nächsten Tages vorbereitet werden muss. Aber, die Tide gibt den Takt vor, wir wollen uns vom Ebbstrom durch das dicht unter Land verlaufende Fahrwasser, vorbei an trockenfallenden Sandbänken auf die Nordsee hinausziehen lassen.
Nordseequerung – Ozeanriesen kreuzen unsere Kurslinie
Bei der Nordseequerung müssen wir Verkehrstrennungsgebiete, auf denen die Berufsschifffahrt durch die See geleitet wird, passieren. Wir entscheiden uns für die Passage der sogenannten North Hinder Junction, ein Gebiet zwischen zwei Trennungsgebieten. Hier sind wir frei in unserer Kurswahl (müssen uns nicht an die Regelung der 90-Grad-Querung halten). Dieser Vorteil ist gleichzeitig ein Nachteil, denn auch die Ozeanriesen dürfen hier frei manövrieren. Das macht sie für uns quasi unberechenbar, denn ihr Kurs und ihre Geschwindigkeit sind oftmals schwer abzuschätzen. Aber moderne Technik kann auch hier unterstützen und des Seglers Leben leichter machen: wir nutzen zur Navigation das Tablet mit elektronischen Seekarten, auf denen unser Kurs geplottet wird. Zudem nutzen wir einen AIS-Receiver, der uns AIS-Signale (Automatic Identification System) der Schiffe mit Informationen zu Geschwindigkeit und Kurs auf unser Tablet übermittelt.
Die Querung dieses Gebiets erweist sich als problemlos. Die Ozeanriesen haben uns anscheint auf dem Schirm und weichen uns sogar aus;)) Noch vor Einbruch der Dunkelheit sind wir wieder „auf der sicheren Seite“ und können bei angenehmen Winden aus passender Richtung in die Nacht hinein segeln. Um nicht zu früh unser Ziel, das Städtchen Ramsgate, mit den vorgelagerten Untiefen und Sandbänken bei Dunkelheit zu erreichen, reffen wir die Segel um Fahrt herauszunehmen. Trotzdem machen wir noch über 7 Knoten Fahrt über Grund.
Die erste Nacht auf See
Nach einem sonnigen Tag steigt nun ein dicker, runder Vollmond auf. Über unserem Heck steht Kassiopeia, über unserem Mast der große Wagen. Kleine Wolken ziehen auf, sorgen dafür, dass die Luft nicht so auskühlt. Alle Vorbehalte gegen diesen Nachttörn erweisen sich als unbegründet: die Luft ist warm, es weht eine angenehm frische Brise, die anfänglich noch etwas ruppige See ist inzwischen seicht und sanft.
Durch unseren Wellenritt auf dem Ijsselmeer waren wir bereits gut eingeschaukelt und gegen Seekrankheit gewappnet. Zudem haben wir mit hochdosiertem Vitamin C und frischem Ingwer sowie histaminarmer Ernährung einer eventuellen Seekrankheit vorgebeugt. Alle Maßnahmen zusammengenommen sorgen dafür, dass wir uns rundum wohlfühlen. Segeln kann so schön sein;))
Für die Nacht haben wir einen Wach-Rhythmus von 3 Stunden geplant, d. h. einer von uns beiden ist immer am Steuer und hält Wache, während der andere in dieser Zeit schlafen kann – wenn man das so nennen kann, denn zumindest mit einem Auge und einem Ohr ist die Freiwache im Standby. Von 23.00 bis 02.00 Uhr darf Andrea sich die Nacht um die Ohren schlagen. Chris übernimmt die Hundewache bis 05.00 Uhr. Einige Berufsschiffe begegnen uns in dieser Zeit, kommen uns teilweise auch sehr nahe. Aber keiner von uns hat besondere Vorkommnisse bei Wachwechsel zu berichten.
England in Sicht
Plötzlich einsetzender Regen lässt vermuten: England ist nicht mehr weit. Da es noch sehr früh am Tag ist und Tide sowie Strom günstig sind, entscheiden wir uns kurz vor Erreichen unseres Zielhafens Ramsgate, weitere Seemeilen gut zu machen und direkt nach Dover zu gehen. Vorteil: die für unseren nächsten Tag geplante Etappe nach Brighton würde sich deutlich verkürzen und sich somit „bequem“ als normaler Tagestörn realisieren lassen.
Dover ist busy: ständig kommen und gehen die großen Fähren, die den Kontinent mit der britischen Insel verbinden. Sportschiffe wollen den Hafen verlassen und alle kündigen ihr Anliegen über Funk bei der Port Control an. Auch wir wollen uns anmelden, um die „permission for entering the harbour“ zu erhalten. Nach insgesamt 125 Seemeilen und 28 Stunden auf See machen wir im Hafen fest.
Landfall: Dover
Nachdem wir uns beim Hafenmeister angemeldet haben, gönnen wir uns eine ausgiebige Dusche! Dann ist Landgang angesagt. Wir erkunden die City und schlendern an der Hafenpromenade entlang. Hier wird momentan fleißig gebaggert und ein neues Hafenbecken vorbereitet. Über allem ragt erhaben Dover Castle. Ein hübscher Anblick, doch der Ort selbst hält uns nicht lange fest. Bereits am nächsten Tag wollen wir weiter. Nächstes Ziel: Brighton.
Auf nach Brighton
Wieder gibt die Tide den Takt vor, zumal der Hafen (Granville Dock) ca. 4 Stunden nach Hochwasser mit einem Tor verschlossen wird, um das Hafenbecken vor dem Trockenfallen zu bewahren. Unser Wecker wirft uns bereits um 04.30 Uhr aus der Koje – britische Zeit. Gott sei Dank ist unsere innere Uhr noch auf MESZ Gmitteleuropäische Sommerzeit) eingestellt. Die Port Control gibt auf unsere Anfrage den Weg frei. Direkt hinter der Hafeneinfahrt setzen wir die Segel und gehen hoch am Wind gen Brighton. Teils führt die Kurslinie dicht unter Land an den vorgelagerten Kaps vorbei mit einem tollen Ausblick auf die sogenannten Seven Sisters, die Steilküste aus weißen Kreidefelsen westlich von Eastbourne.
Die Ansteuerung von Brighton ist spannend: Englands größte Marina wird von einer langen Ost- und kurzen Westmole eingerahmt. In der breiten Einfahrt ist nur ein schmales, betonntes Fahrwasser schiffbar. Gleich neben den Tonnen wird es extrem flach, teils sogar trocken fallend. Wir dürfen das Ganze bei Ebbe erleben. Das steigert die Spannung. Nach 67 Seemeilen – wieder hoch am Wind, teils unter Motor – bekommen wir einen Platz gleich am ersten Steg zugewiesen. Im übrigen Teil der Marina ist für uns nicht ausreichend Wassertiefe vorhanden.
Wir erkunden die Stadt
In Brighton verweilen wir einen Tag. Wir erkunden „The Lanes“ mit ihren engen Gassen und kleinen Shops, sind beeindruckt von der Architektur und den Parkanlagen des Royal Pavillions, essen Fish & Chips, trinken Guiness Beer, genießen den Strand am Meer und schlendern entlang der Promenade zur Brighton Peer mit angrenzender Vergnügungsmeile. Hier „boxt der Papst“.
Nächstes Ziel ist der Solent zwischen englischer Festlandküste und Isle of Wight – dem Mekka der Segler!
Hallo!
Es liest sich ganz wunderbar!
Liebe Grüße aus MS
KPK
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