Etappe Isle of Wight – Channel Islands – Nord-Bretagne:
Die Sache mit dem Strom
Unsere nächste Etappe beginnt mit einem großen Schrecken am frühen Morgen: kein Strom! Dieses Mal ist tatsächlich der Strom aus der Steckdose gemeint. Der Energiemonitor zeigt in großen Lettern lediglich 11 Volt an. Obwohl es noch dunkel ist (es ist erst 5.30 Uhr britische Zeit), machen wir sofort das Licht sowie alle anderen Energieverbraucher aus. Lediglich für den Morgenkaffee aktivieren wir für einen kurzen Augenblick die Wasserpumpe, um 1 Liter Wasser zu zapfen.
Drei Batterien an Bord, gespeist durch 2 Photovoltaikmodule (sofern die Sonne scheint), 1 Windgenerator (sofern der Wind mitspielt) sowie die Lichtmaschine und ab und an ein Stromkabel in den Häfen sorgen für Strom an Bord. Noch am Abend zuvor waren alle Batterien geladen. Dass der Energiemonitor nun am Morgen quasi auf Null steht, ist nicht normal, sondern ein Zeichen dafür, dass unsere Batterien den End-of-Life-Cycle erreicht haben. Neue müssen her!
Was nun? Zurück nach Southampton oder Portsmouth, die beste Versorgungsmöglichkeiten bieten? Und den für heute geplanten Törn zu den Kanalinseln abblasen? Das würde uns in unserer Törnplanung mindestens 2 Tage zurückwerfen. Und Zeit ist nun wahrlich kostbar für uns, wollen wir doch noch vor September, bevor die ersten Herbststürme über den Atlantik kommen, die Biskayaquerung machen.
Und während draußen im Solent der Tiden-Strom nicht auf uns wartet, muss schnell eine Entscheidung getroffen werden.
Nach kurzer kritischer Reflektion und Befragung des Reeds Nautical Almanach (des Seglers Bibel für Revierinformationen) kommen wir zu dem Schluss, dass wir auf Guernsey, St. Peter Port, beste Aussichten haben, an neue Batterien heranzukommen; vermutlich sogar sehr preiswert, da die Kanalinseln steuerbefreit sind. Wir werden also Alderney als strategischen Hafen zwecks Übernachtung anlaufen und dann direkt nach St. Peter Port weitergehen.
Aber sonst …. alles gut?
Alles gut…. wäre da nicht das Wasser in der Bilge gewesen! Nicht viel, aber immerhin Wasser, das da nicht hingehörte und irgendwie den Weg ins Schiff gefunden hatte, und dem wir auf den Grund gegangen sind. Unser Verdacht, dass bei überkommenden Seen Wasser über das Laufdeck in den Gaskasten läuft und durch 2 kleine Schrauben in das Schiff leckt, bestätigt sich. Das lässt sich schnell beheben: Chris hatte vorsorglich eine kleine Werkstattausrüstung zusammengestellt, so dass er nun mit wenig Aufwand die Schadensquelle beheben kann.
Aber sonst ist alles o.k. Inzwischen lassen wir sogar den Ingwer-Tee und das Vitamin C weg. Seekrankheit ist glücklicherweise kein Thema. Die Sonne zeigt sich jeden Tag und liefert einen bunten Kontrast zu den zur Zeit noch überwiegenden Grautönen. Der Wind weht bisweilen kräftig, aber nie in Sturmstärke. Im Gegenteil: seit wir im Solent sind, lädt er häufig – im wahrsten Sinne des Wortes – zum Kaffeesegeln ein. Apropos Kaffeesegeln…
Auf geht’s zu den Kanalinseln
Nachdem wir den morgendlichen Schrecken verwunden haben, heißt es also Leinen los. Die Tide wartet nicht. Bei moderaten westlichen Winden von 3 Beaufort, die sich über den ganzen Tag halten, ziehen wir bei Sonnenaufgang unterstützt vom Gezeiten-Strom mit bis zu 8 Knoten Fahrt an den Needles im Osten der Isle of Wight vorbei. Erneut queren wir den englischen Kanal. Die See ist wie von der Shipping Forecast versprochen „slight“. Der Strom versetzt uns zunächst nach West und – zum Ausgleich – mit der nächsten Tide wieder nach Ost, so dass der Generalkurs von 200 Grad über die gesamte Distanz anliegen kann. Erst nach 12 Stunden und rund 60 Seemeilen, kurz vor Erreichen von Alderney, frischt der Wind auf.
Auf den Kanalinseln gelten andere Gesetze und Regeln
Beim Anlaufen von Alderney setzen wir die gelbe Flagge Q unter der Saling als Signal, dass an Bord alle gesund sind und wir einklarieren wollen. Die Kanalinseln gehören politisch zu England, nicht aber zur Europäischen Gemeinschaft und sind auch nicht dem Schengen-Abkommen angeschlossen. Tatsächlich interessiert sich hier aber niemand für uns. Anders in Guernsey, St. Peter Port. Hier kommt uns ein Hafenbediensteter im Dinghy entgegen und überreicht uns noch vor Einlaufen in den Hafen die Zollunterlagen, die wir vor Verlassen des Schiffes gewissenhaft ausfüllen und Angaben zu eventuell geschmuggelten Tieren und Alkoholika an Bord machen;)) Am nächsten Morgen patrouilliert tatsächlich der Zoll eskortiert von der Polizei über die Stege. Nach einer kurzen und freundlichen Befragung findet keine weitere Kontrolle statt.
Kanalinseln – englisches Paradies mit französischem Charme
St. Peter Port, der Hauptort Guernseys, versprüht einen ganz besonderen Charme: Von See kommend prägt das der Stadt vorgelagerte Castle Cornet das Bild. Eine französische Note erhält die Szenerie nicht zuletzt durch die Altstadtbauten aus Granit, die sich am Hügel aufreihen, durchzogen von engen Gassen, durch die die Menschen mit Baguette unterm Arm schlendern. Um das Hafenbecken verteilt gedeihen hier, in dem vom Golfstrom begünstigten Klima, prächtige Palmen. Vor dem grauen Granitgestein lassen die bereits vorherbstlich verblassten Hortensienblüten ahnen, wie schön es hier im Frühsommer sein muss.
Auch der (See-)Weg hierher sucht seines gleichen: es geht durch die Meeresenge The Swinge zwischen Alderney und Burhou – in der der Strom bis zu 6 Knoten betragen und Overfalls, sogenannte stehende Wellen, hervorrufen kann – und später durch Little Russel, dem von zahlreichen (Unterwasser-)Felsen durchzogenen Gewässer, vorbei an der Insel Herm. Keine Frage: hier ist Tidenberechnung unabdingbar. In 2004 haben wir dies alles noch in „Handarbeit“ gemacht. Heute nehmen wir gerne die Vorteile elektronischer Seekarten, Plotter und diverser Apps in Anspruch, sparen dadurch mächtig viel Zeit beim Passage Planning. Aber nichts destotrotz will jede Etappe, insbesondere in diesem Revier, gut vorbereitet sein. 1 bis 2 Stunden am Abend sind da schnell vergangen.
Flaggen auf halbmast
Ein Tag auf Guernsey muss reichen. Nachdem wir uns mit 2 nagelneuen Bordbatterien zu Dumpingpreisen eingedeckt haben, wollen wir Neuland entdecken und die Insel Jersey erkunden. Rund 25 Seemeilen und T-Shirt-kurze-Hose-Wetter liegen vor uns. Nach Guernsey hat es Jersey schwer, unsere Sympathien zu erobern. Die Stadt ist geschäftig und betriebsam. Den Ruf, dass die Kanalinselbewohner Autos lieben und jeder Haushalt im Schnitt 2 PKW, Tendenz steigend, sein eigen nennt, bekommen wir zu spüren, als wir mit unseren Bordfahrrädern die Insel erkunden. Erholsamer ist da am nächsten Tag die Inselerkundung per Bus. Wir entdecken den von weiten Dünen und Sandstränden umsäumten Westen der Insel und den von hohen Steilküsten eingerahmten Norden. Auf dem Weg dahin beschauliche kleine Dörfer, die wiederum den typisch französischen Charme versprühen. Festungen und Burgen runden das Bild ab.
Besorgt nehmen wir wahr, dass in der Stadt die Flaggen auf halbmast gesetzt sind: nach Internetrecherchen wird uns der jüngste Terroranschlag in Spanien auf diese Art gewahr.
Delfine in Sicht!
Auf der Flucht vor Englands stattlichen Hafengebühren verlassen wir nach 2 Tagen Jersey und nehmen am Montag, 21. August 2017, Kurs auf die französische Festlandküste. Das frühe Aufstehen – um 7.15 Uhr heißt es „Leinen los“ – zahlt sich aus. Nicht nur die Tide passt. Vor dem Hafenbecken werden wir zudem freundlich begrüßt von einer Delfin-Schule. 3 muntere Kerle schwimmen im Spitzentempo durch das Wasser, springen vor unserem Bug munter in den Wellen und begleiten uns einen Teil des Weges.
Weiter geht’s nach Frankreich in die Bretagne
Unseren Zielhafen, die Flussmündung des Trieux in dem Ort Lézardrieux hinter der Ile de Bréhat, bestimmt letztendlich die Tide, die uns mit Gegenstrom von einer etwas längeren (ursprünglich geplanten) Etappe abhält. Unverhofft finden wir hier ein kleines Paradies: Mit vorgelagerten (Unterwasser-)Felsen und starken Strömungen, die den Verhältnissen in den Kanalinseln nicht weit nachstehen, ist auch hier für Spannung gesorgt. Überdimensionierte Seezeichen in Form haushoher Tonnenformationen, die bei Flut nur zur Hälfte aus dem Wasser ragen, weisen den Weg zur Marina eines idyllischen kleinen Ortes mit Granitsteinhäusern. Wir ziehen einen Platz an der Mooring – sicher vor der starken Strömung – einem Liegeplatz in der Marina vor und genießen den Abend unter dem Sternenhimmel.
Über die Korsarenstadt Roscoff und das bretonische L’Arbe Wrac‘h führt unser Kurs nun weiter gen Westen. Mit Unterstützung der Tide laufen wir in der Spitze mit über 8 Knoten (manchmal sogar 9!) über Grund. Nun nehmen uns auch schon die ersten Atlantikwellen in Empfang in Form einer langgezogen, ganz sanften Dünung von maximal 1 bis 1,5 Meter Höhe.
Warten auf das passende Zeitfenster
Wir werden hier im Westen der Bretagne verweilen, bis sich das passende Zeitfenster für die Biskayaquerung findet. Momentan dominieren mäßige und in den kommenden Tagen sogar angekündigte schwache Winde. Wir warten auf die passende Brise, um dann von Camaret-sur-Mer aus in die nächste Etappe zu starten…
Fotostrecke: Isle of Wight – Channel Island – Nordbretagne
Guten Morgen! Es liest sich immer ganz wunderbar und man ist „quasi“ auch dabei… Toll! Ich freue mich auf die nächste…
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