Etappe Bretagne – Biskaya – La Coruna:
Biskaya-Querung mit Rückenwind
Unsere Törnplanung sieht vor, die Biskaya mit dem passenden Wetterfenster noch vor September und den dann möglichen ersten, den Herbst ankündigenden Stürmen zu queren. Zum 27. / 28. August bietet sich diese Gelegenheit bei angekündigten Nord- bis Nord-Ost-Winden mit 4 bis 5, maximal 6 Beaufort. Am Montagmorgen, 28. August 2017, legen wir in Camaret-sur-Mer ab. Unser Ziel, La Coruna im Norden Spaniens, erreichen wir nach 3 durchsegelten Nächten am Donnerstag, 31. August 2017. Nach der Nachtansteuerung von La Coruna machen wir um 6 Uhr, in noch stockfinsterer Nacht, in der Marina fest. 382 Seemeilen und 70 Stunden liegen in unserem Kielwasser.
Das passende Zeitfenster für die Biskaya-Querung hat nicht lange auf sich warten lassen. Eigentlich ist es viel eher da, als wir bereit sind. Denn: die Bretagne ist wirklich ganz wunderschön, nicht zuletzt aufgrund der tollen Perspektiven, die sich aus dem Wechsel der Gezeiten mit einem gewaltigen Tidenhub ergeben. Nicht nur die Natur, auch die Architektur beeindruckt uns. (Im Prinzip könnte man hier noch Wochen verweilen.) Und dann müssen wir uns natürlich auch noch intensiv mit dem Passage Planning befassen: Welcher Kurs ist angesagt und was ist unterwegs im Bereich unserer Kurslinie zu beachten? Untiefen? Strömungen? Besonderheiten beim Anlaufen unseres Zielhafens La Coruna in Spanien? Mögliche Ausweichhäfen, sofern La Coruna nicht angelaufen werden kann? Wir zeichnen Kurslinien in die (Papier-)Seekarte, legen Waypoints fest und übertragen diese in die elektronische Seekarte. Wir legen unsere Rettungswesten bereit, bereiten Proviant und Getränke vor und packen für den Notfall, dass wir in die Rettungsinsel umsteigen müssen sollten, das Grab Bag (den wasserdichten Notfallsack) mit Seenotsignalmunition, wichtigen Ausweispapieren und Wasser.
Von nun ab geht’s Kurs Süd
Gut vorbereitet geht es zunächst ganz gemütlich los, denn die Tide sorgt noch bis 9.00 Uhr für Gegenstrom. Den wollen wir abwarten. Dann aber ist Kurs Süd angesagt, zunächst noch bei wenig Wind. Unter Maschine laufend nutzen wir die Gelegenheit zu einem gemütlichen Frühstück auf See, vor der Steilküste der Bretagne. Nur wenige Schiffe sind unterwegs, alle jedoch mit einem südöstlichen oder nordwestlichen Kurs. Das Vorhaben, die Biskaya zu queren, teilt keines der Boote. Nachdem wir die Untiefen der Chaussee de Sein an Backbord querab haben, können wir auf Generalkurs 207° gehen. Langsam aber konstant baut sich der Wind auf. Mit dem Wind im Rücken ist Spi-Segeln bei Sonnenschein angesagt. Die See ist glatt und blau. Delfine begrüßen uns.
Zum Abend bergen wir den Spi und setzen die Genua, um während der Nacht, in der wir ab 23.00 Uhr mit 3-stündigem Wachwechsel quasi einhand segeln, das Schiff auch alleine führen zu können. Pünktlich zum Sonnenuntergang beziehen wir mit einem Sundowner unsere Logenplätze im Cockpit. Glühend rot versinkt die Sonne tief im Westen im Atlantik. Eine Delfinschule nähert sich, begleitet uns ein Stück. Plötzlich springende Fische an der Wasseroberfläche. Offensichtlich haben die Delfine direkt neben uns einen Fischschwarm aufgespürt und machen nun leichte Beute.
Abenteuer Biskaya
Auf den ersten 25 Seemeilen lagen noch Untiefen und Flachs mit extremen Strömungen neben unserer Kurslinie. Die Wassertiefe hat mit jeder Meile, mit der wir uns von der Küste entfernten, ganz allmählich zugenommen. Nach Erreichen der 500-Meter-Tiefenlinie geht es dann im Canyon de Pemmarc’h steil bergab: innerhalb von 10, 15 Seemeilen sinkt die Wassertiefe auf rund 4.800 Meter. Die See quittiert dies mit einer kabbeligen, spitzen Welle. Wir erleben das in pechschwarzer Nacht, rauschen mit 7 Knoten bei 5 bis 6 Beaufort durch die schwarze See. Nur Schaumkronen auf den vorbeiziehenden Wellen und auf den unter dem Rumpf brechenden Seen luminiziert von Algen und Kleinstlebewesen. Der (Halb-) Mond hat sich schon früh verabschiedet. Irgendwann, bei Erreichen der großen Wassertiefen werden die Wellen länger. Zuweilen zeigen sie sich in beeindruckender Höhe, doch allgemein beruhigt sich die See.
2. Tag auf See
Morgenröte bei Sonnenaufgang kurz nach 7 Uhr verheißt zwar kein schönes, sonniges Wetter für diesen Tag. Aber der Wind ist klasse. Wir kommen gut voran. Wir segeln bei 4 bis 5 Windstärken weiterhin auf Vorwindkurs, die Segel als Schmetterling gesetzt. Im Laufe des Tages nimmt das Rollen des Schiffes zu mit der Folge stärker schlagender Segel. Wir beschließen daher, vor dem Wind zu kreuzen. Das bedeutet zwar einen längeren Weg – rund 25 Seemeilen zusätzlich – aber auch einen schnelleren Kurs und weniger Schaukelei mit entsprechend weniger Materialverschleiß. Der Wind flaut weiter ab. In zeitweiligen Flautenlöchern unterstützt der Motor. Über den Tag versuchen wir unsere Schlafdefizite auszugleichen, gehen weiterhin abwechselnd Wache.
Im Vergleich zur Nordsee ist auf der Biskaya wenig los. Keine Schiffe in Sichtweite. Der AIS-Receiver empfängt und übermittelt nur in weiter Ferne vereinzelt Signale. Keine Fischer. Keine Bohrinseln. Keine Untiefen. Zeit, die Gedanken auf Reisen zu schicken.
3. Tag auf See
Der Wind kommt weiterhin aus nördlichen Richtungen, wenngleich nur noch mit 3 Beaufort. Wir erreichen daher nicht mehr die guten Etmale der Vortage, an denen wir ca. 135 Seemeilen zurückgelegt haben. Zunehmend – mangels Winddruck – schlagende Segel. Graue Wolkenschichten und graue Atlantikwellen zeichnen ein tristes Bild. Die Crew hat die anfängliche Hoffnung, bereits am Abend des 3. Tages auf See und noch vor Einbruch der nächsten Nacht La Coruna zu erreichen, aufgegeben.
Mitsegelgelegenheit gesucht und gefunden
Für Abwechslung und Aufheiterung sorgt Birdy, der – wie vom Himmel gefallen – plötzlich in unserem Cockpit landet. Wir bieten dem kleinen Piepmatz, der sich wie selbstverständlich zu uns gesellt und aktiv den direkten Kontakt zu uns sucht, gerne Mitsegelgelegenheit. Unser vegetarisches Verpflegungsangebot in Form trockener Haferflocken verschmäht das Vögelchen, macht sich statt dessen hungrig über unsere einzige Bordfliege her. Für ein Nickerchen nistet sich Birdy vorübergehend neben der Winsch und in den Leinen ein.
Für einige Stunden war der Piepmatz ein willkommenes Crewmitglied. Bei Einbruch der Dunkelheit, in Landnähe, verabschiedet er sich dann dankend für die Mitsegelgelegenheit und fliegt wieder davon.
Land in Sicht – La Coruna bei Nacht
Galizien zeigt sich bei unserer Ankunft bedeckt, enthüllt sich dann aber ganz unvermittelt. Am Abend des 3. Tages auf See heißt es daher plötzlich „Land in Sicht“, als der Wolkenschleier sich auflöst. Vor uns liegen bei Sonnenuntergang noch 10 Stunden und eine weitere Nacht auf See. Wir überarbeiten daher unsere geplante Ansteuerung von La Coruna, um uns von den vorgelagerten Flachs weit frei zu halten. Nochmals wird unsere Etappe um weitere Meilen bei nur geringer Fahrt von 3 bis 4 Knoten verlängert. Mond und Sterne meinen es zunächst gut, leuchten uns den Weg. Kurz vor La Coruna dann lassen sie uns aber doch im Dunklen stehen.
Vor der Küste machen wir dicke weiße Lichtpunkte aus, die wir zunächst für Stadtbeleuchtung halten. Bei näherem Herankommen nehmen wir wahr, dass diese sich betriebsam bewegen. Die Lichter erweisen sich als aktive Fischerboote, durch die wir unseren Weg bahnen müssen. 2 Augen und AIS-Radar-Unterstützung sind zu wenig. Andrea ruft Chris aus seiner Freiwache.
Gemeinsam navigieren wir weiter durch die Nacht. Permanent sucht das Auge die Lichtersilhouette der erleuchteten Stadt nach richtungsweisenden Leuchtfeuern ab. Allem voran der Torre de Hércules, der uns über Stunden den Weg weist. Auch mit Unterstützung unseres Kartenplotters sind die letzten Seemeilen in finsterer Nacht ausgesprochen herausfordernd und anstrengend.
Trotz später Nacht- bzw. früher Morgenstunde – die Marina La Coruna laufen wir gegen 6.00 Uhr an – herrscht hier bereits lebhafter Hafenbetrieb. Die Groß- und Berufsschifffahrt ist sehr aktiv. Und kurz vor Erreichen der Hafeneinfahrt ein Wellenbrecher quer vor unserem Bug, den wir erst im letzten Moment wahrnehmen. Nun sind es nur noch wenige Meter, dann liegen sicher in der Marina.
La Coruna – eine Stadt voller Gegensätze
Von See kommend hat uns La Coruna zunächst abgeschreckt: Bereits von weitem konnten wir die industrielle Seite der Stadt in Form entsprechender Gerüche wahrnehmen. In der hell erleuchteten Silhouette moderner Hochbauten waren die wunderschönen historischen Bauwerke, teils mit filigranen Fassaden, nicht zu vermuten. Die engen Gassen der Altstadt mit den vielen (Tante-Emma-)Lädchen und kleinen Fachgeschäften, Tavernen und Bars, konnten wir nicht erahnen. All das entdecken wir erst im Laufe des Tages, nachdem wir uns (halbwegs) ausgeschlafen mit unseren Fahrrädern auf den Weg machen, um die Umgebung zu erkunden. Dabei begegnen uns immer wieder freundliche Spanier, die hilfsbereit ihre Unterstützung anbieten, wenn sie uns am Straßenrand mit dem Stadtplan in der Hand nach dem Weg suchend stehen sehen.
Die Stadt fasziniert uns. Wir bleiben einen weiteren Tag bevor es weiter gen Süden zu den Rias (Flussmündungen) der spanischen und portugiesischen Atlantikküste geht.
Fotostrecke: Biskaya-Querung
Rückblick: Bretagne
L’Aber Wrac’h (24. / 25. August)
Auf dem Weg zum Atlantik, Camaret-sur-Mer (25. August)
Landgang in Camaret-sur-Mer (26. August)
Hallo ihr Weltenbummler, schön das es euch so gut geht. Wir hängen immer gebannt an euren Berichten. Wir sind zurzeit auf Norderney. Liebe Grüße Heike und Reinhard
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