Etappe: Madeira – La Palma, 276 Seemeilen, 52 Stunden non-stopp.
Nach weiteren 4 Tagen auf Porto Santo sind wir wieder bereit, unseren Törn fortzusetzen und einen 2. Anlauf gen Madeira zu starten, um danach wie geplant zu den Kanarischen Inseln aufzubrechen.
Die rund 35 Seemeilen von Porto Santo bis zu dem geschützten Ankerplatz, der Baia D’Abra, im Nord-Osten Madeiras erreichen wir ohne Zwischenfälle bei moderaten Winden aus Nordwest am frühen Abend (Montag, 9. Oktober). Der Anker fällt auf 9 Meter Wassertiefe in christallklarem Wasser vor zerklüfteter Steilküste. Den Verlauf der Ankerkette und selbst den Anker in der Tiefe können wir mit bloßem Auge ausmachen. Dann ist erst einmal ein erfrischendes Bad angesagt. Den Abend beschließen wir – wieder einmal – mit Grillen an Bord: als Vorspeise Zucchini mit frisch geraspeltem Parmesan, gefolgt von Nürnberger Würstchen, Grillkartoffeln mit Tzatziki und als Dessert Bananen mit dunklem Kakao bestäubt. Lecker!
Vonwegen „Blumeninsel Madeira“
Die Nacht ist sternklar, ein laues Lüftchen weht. Außer uns ankern in dieser Bucht mit großem Abstand noch 3 weitere Yachten. Bewohnt scheint der Ostteil Madeiras nicht zu sein. Dafür gibt es jedoch zahlreiche Touristen, die am nächsten Morgen die Klippen erklimmen. Auch wir reihen uns ein und wandern auf ausgetretenen Pfaden, teils dicht am Klippenrand durch diese imposante Landschaft, mit kargem Bewuchs auf Basaltgestein, einer Wüste gleichend. Soviel zum Thema Blumeninsel Madeira.
5 Seemeilen weiter westlich erwartet uns am nächsten Tag dann die Insel mit einer Pflanzenpracht und Gebirgsformationen, die tatsächlich den Atem stocken lassen. Nachdem wir die Aurora Maris in den auch vor südlichen Winden geschützten Hafen von Machico verholt haben, mieten wir uns einen kleinen Fiat Panda, den wir quer über die Insel scheuchen. Zunächst geht’s auf der Küstenstraße durch die Serpentinen über Funchal gen Westen. Höhepunkt ist zweifelsohne (wenngleich sehr touristisch) das Fischerdorf Câmara de Lobos mit den auf dem Trockenen liegenden bunten Fischerbooten sowie die Gegend um Gabo Girao, das mit 580 Metern Steilküste zu den höchsten Küsten Europas zählt. Der Weg dahin führt durch enge, steile Gassen und vorbei an Bananenpalmen-Gärten. Die Fahrt als solches ist schon spannend – vor dem Hintergrund, dass wir erstmals seit 67 Tagen wieder auf 4 Rädern aktiv am Straßenverkehr teilnehmen, steigert den Erlebnisfaktor nochmals.
Abendliches Funchal
Auf dem Rückweg zu unserem Hafen in Machico machen wir einen Zwischenstopp im abendlichen Funchal, der Hauptstaiehdt Madeiras. Ein an der Pier liegendes Kreuzfahrtschiff hat alle Reisenden an Bord versammelt und legt zur Weiterfahrt ab, in den Gassen der Altstadt schlendern daher nur noch wenige Touristen. Aus der Kathedrale Sé de Funchal tönt zart der Gesang eines Chores und zieht uns in seinen Bann. Es ist eher Zufall, dass wir durch einen Nebeneingang den Weg ins Innere finden. Wir setzten uns in eine Bank und lauschen dem Gesang des hier für die 500-Jahr-Feierlichkeiten probenden Chores. Beim „Ave Maria“ überzieht uns dann Gänsehaut. Einfach schön.
Exkursion zum Pico do Arieiro
Der Gebirgscharakter der Insel erschließt sich uns in seinem ganzen Ausmaß am nächsten Tag auf unserer Exkursion zum Pico do Arieiro, dem mit 1818 Metern dritthöchsten Berg der Insel. Wieder führt unser Weg durch Serpentinen vorbei an steilen Gebirgshängen mit dichter Pflanzenpracht, darin schmiegen sich kleine weiße Häuser mit rot gedeckten Dächern. Es scheint, als wechsele alle 200, 300 Meter die Vegetation: Nadelgewächse in großer Artenvielfalt, Laubbäume und Pflanzen, die wir von Zuhause als Topfpflanzen kennen, finden wir hier in Busch- und Baumgröße vor.
Auf dem Pico do Arieiro angekommen stockt uns dann wirklich der Atem. Die Aussicht über dieses Gebirgsmassiv mit den engen Tälern, den bisweilen senkrecht abfallenden Felswänden ist einfach grandios. Nicht minder schön ist die Aussicht auf das „Nonnental“ Curral das Freiras. Der Name geht zurück auf Mönche, die aus Funchal flüchteten um sich in dem abgelegenden Tal vor französischen Seeräubern zu verstecken. Und da Madeira bekannt für seine Levada-Wanderungen ist, haben wir eine ebensolche entlang der Bewässerungsgräben unternommen und uns von der Pflanzenvielfalt begeistern lassen.
Postkartenfotos mit strohgedeckten Nur-Dach-Häusern, wie sie die ersten Siedler Madeiras erbaut haben, locken uns in den Norden der Insel nach Santana. Etwas enttäuscht finden wir eine Handvoll dieser Häuser inmitten des Ortes, eingebettet in Bauten aus neuerer Zeit, vor…. Das hatten wir uns dann doch anders vorgestellt.
Zurück gen Machico nehmen wir die Schnellstraße, die uns quer durch die Berge in rund 45 Minuten zurück zum Hafen bringt: ein Tunnel nach dem anderen, der längste misst mehr als 3.000 Meter, teils gibt es sogar Tunnelkreuzungen …
„Abwettern“ in der Flaute
2, maximal 3 Tage Madeira hatte unser Törnplan eigentlich vorgesehen, dann wollten wir zu unserer vorerst letzten Etappe mit Ziel Kanarische Inseln aufbrechen. Doch das passende Wetterfenster für die laut Seekarte rund 250 Seemeilen will sich einfach nicht eröffnen. Der Wind ist inzwischen auf Süd, Süd-West gedreht. Im Küstenbereich wehen 4 Beaufort, in Böen auch mehr. Doch weiter draußen auf See schläft der Wind ein und würde uns „verhungern“ lassen. Jeder Morgen beginnt routinemäßig mit dem Abfragen diverser Wetterquellen – doch die amerikanischen, englischen, portugiesischen, deutschen Wetterberichte sind sich einig: vorerst ist kein konstant wehender Wind in Sicht.
Fernes Sturmtief mit für uns positiven Auswirkungen
Sehr wohl beobachten wir auf den Wetterkarten ein nördlich über den Atlantik heranziehendes Sturmtief mit über 70 Knoten Wind, das uns in 200 Seemeilen Abstand passieren soll. Neben ordentlich Welle bringt uns das Tief schließlich (ab Sonntag, 15. Oktober) den ersehnten Wind, zunächst weiterhin aus südlichen Richtungen aber schon bald über Nordwest auf Nordost drehend. Bei 4 Windstärken am Wind, später mit halbem Wind versprechen wir uns schnelles Vorankommen. Für Montag stellen wir uns auf Flaute ein, können aber auf die Rückkehr des Windes nach Sonnenuntergang hoffen. Ein Anlanden auf La Palma, der östlichsten Kanarischen Insel, im Laufe des Dienstagnachmittags sollte realisierbar sein.
Auf zu den Kanaren
Unser Plan geht im Großen und Ganzen auf: wir verlassen Machico kurz nach 11.00 Uhr MESZ, setzen das Groß mit einem Reff und auch die Genua fahren wir nicht voll aus. Seit Porto Santo haben wir zusätzlich unser Kutterstag angeschlagen. Und auch an der Rollreffeinrichtung haben wir eine zusätzliche Sicherungsleine zur Unterstützung des Vorstags fixiert. Im Küstenbereich weht der Wind zunächst kräftig. Böen von 28 Knoten und eine spitze, kurze Wellen bereiten sportliches, erfrischend nasses Segeln. Schiff und Crew werden von den überkommenden Wellen ordentlich geduscht. Nach ca. 10 Seemeilen beruhigen sich sowohl Wind als auch See. Auf der langen Dünung mit bis zu 3 Meter hohen Welle wird die Aurora Maris sanft auf und nieder gehoben und mit 5 bis 7 Knoten Fahrt nach Süden geschoben.
Nach Sonnenuntergang verabschiedet sich nach und nach der Wind. Der Himmel bezieht sich nach anfänglichem Sternschnuppen wünsch-dir-was-Programm mit einer dicken Wolkendecke. Das Meer ist nachtschwarz. Permanent versuchen die Augen in der Dunkelheit eventuelle Schiffe, potenzielle Hindernisse auszumachen. In weiter Ferne zeigt sich tatsächlich irgendwann im Takt der Wellen ein heller Lichtkegel, der sich als Kreuzfahrtschiff entpuppt. Die hohe Dünung deckt den Ozeanriesen, dessen Ziel laut AIS Funchal ist, vollständig ab. Lediglich wenn wir uns zeitgleich mit dem Kreuzfahrer auf dem Wellenkamm befinden, können wir das Schiff in der Ferne sehen.
Schwachwind fordert die Crew
Mangels Wind können wir nicht auf Unterstützung durch den Windpiloten setzen. Auch der elektrische Rudergänger hat Pause, um den Energiehaushalt nicht zu sehr zu belasten. So müssen wir selbst Rudergehen. Ohne Kontouren, Sterne, Seezeichen jedweder Art gibt nur der richtungsweisende Kompass Orientierung. Das Rudergehen wird zur Anstrengung und erfordert äußerste Konzentration, die mit Fortschreiten der Wache zunehmend nachlässt. 3 Stunden im Cockpit empfindet der Wachhabende unendlich lang – dem entgegen steht das Empfinden der Freiwache, die nur mit Überwindung und in dem Bewusstsein, dass der Wachhabende zum Umfallen müde ist (im wahrsten Sinne des Wortes), den Weg aus der Koje findet.
Nach Mitternacht schläft der Wind gänzlich ein – Maschine an! Nun kann auch der elektrische Rudergänger in den Dienst eingebunden werden und den Wachhabenden entlasten.
Tag 2 auf See: „Ist das öd…!“
Als hätten sie den Seufzer gehört, tauchen aus der Ferne Delfine auf, um die Crew zu bespaßen. Der freudige Ausruf des Rudergängers lockt den Freiwachenden auf das Vorschiff. Das Unterhaltungsprogramm ist nur von kurzer Dauer. Dann ist wieder Ruhe an Bord. Zeit, die Gedanken wieder auf Reisen schicken und noch einmal auf die vergangenen Tage zurück zu schauen. Wo waren wir eigentlich, bevor wir auf Madeira anlandeten? Neben dem Verlust des Zeitgefühls drohen auch die zurückliegenden Eindrücke in der Vielzahl der Erlebnisse unterzugehen…
Rückblick: Porto Santo und die Lektion “Wie filetiere ich einen Fisch”
Vielleicht waren es die Delfine, die die Erinnerung an „Mr. Barracuda“ wecken, einen Barracuda-Fisch, den wir fangfrisch von Fischern in Porto Santo erworben hatten. Guillaume, ein Holländer auf Langfahrt mit Angelerfahrung, hat uns am nächsten Tag profimäßig, eine Privatstunde in „Wie filetiere ich einen Fisch“ erteilt. Wir haben alles in Bildern Schritt-für-Schritt festgehalten, um das Procedere wiederholen zu können, sofern wir jemals das Erfolgserlebnis, einen Fisch zu fangen, haben sollten. (Hallo Guillaume, falls Du dies liest: schick uns doch bitte einen Link zu Deinem Blog und Danke noch einmal für deine Unterstützung und die schönen Stunden!)
Nächtlicher „Unterwasserangriff“
Wie angekündigt setzt am Montagabend (16. Oktober) der Wind wieder ein. Mit 5 Knoten Fahrt durch das Wasser rauschen wir durch die See. Nach Sonnenuntergang schiebt sich wieder ein Wolkenvorhang vor den Himmel. Im nachtschwarzen Meer hinterlässt die Aurora Maris in ihrem schäumendem Kielwasser eine phosphorisierte Spur. Überhaupt blitzen einzelne phophorisierte Partikel mit dem Brechen einiger Seen soweit das Auge reicht. Durch diese Glitzer-Perlen schnellt plötzlich dicht unter der Wasseroberfläche ein Geschwader von 3 Objekten, Unterwasserraketen gleich, mittschiff steuerbord querab auf die Aurora Maris zu, entschwindet unter ihr, um an backbord wieder zu erscheinen. Dem anfänglichen Schrecken folgt die erstaunte Erkenntnis: das waren Delfine, ebenfalls phosphorisierend. Das Schauspiel setzt sich mit weiteren herannahenden Delfinen fort, die teils das Schiff back- und steuerbordseitig begleiten oder auch im Kielwasser folgen.
Land in Sicht
Das Leuchtfeuer im Norden von La Palma können wir lange vor Sonnenaufgang ausmachen. Allerdings machen wir einen kleinen Umweg, kreuzen vor dem Wind, damit die Segel halbwegs ruhig stehen. Bei Tagesanbruch ertönt ein freudiges, wenngleich müdes „Land in Sicht“. Der Wind frischt im Küstenbereich auf und nimmt auf 28 Knoten zu. Weiter unter Land peitschen die durch die Dünung verursachten Wellen an den Strand, der Wind schläft ein. Wir erreichen nach 52 Stunden und 275 Seemeilen die Marina Tazacorte an der Westküste La Palmas. Ziel erreicht! Der Champagnerkorken knallt. Wir feiern uns.
Urlaub vom Urlaub
Die Marina liegt am Fuße der Steilküste, an der Bananenplantagen terrassenförmig angelegt sind. Hohe Kokosnusspalmen säumen die Promenade am pechschwarzen Sandstrand. Himmel und Wasser sind unglaublich blau. Waren die Temperaturen auf Madeira und Porto Santo noch sommerlich, so sind sie hier hochsommerlich. Auch nachts kühlt es kaum spürbar ab.
La Palma trägt den Beinamen „La Bonita“. Die Schönheit der Insel erschließt sich uns in den nächsten Tagen: auf unserer 17,6 Kilometer langen Tour auf der sogenannten „Volcano-Route“ in rund 1.800 Metern Höhe durchwandern wir eine imposante Vulkanlandschaft, teils entlang der Krater, teils einer Mondlandschaft gleichenden Natur mit atemberaubendem Ausblick. Diese laut Reiseführer anspruchsvolle Route mit ihren teils steilen Wegstrecken über schwarzen Pulversand und Schotter hinterläßt nach ca. 6,5 Stunden deutliche Spuren an Muskeln u. Gelenken….
Wieder mieten wir uns einen kleinen Fiat Panda, der uns dieses Mal über Serpentinen mit bis zu 15% Steigung hoch auf den über 2.400 Meter hohen Roque de los Muchachos bringt. Das Gebiet hier wurde von der UNESCO als „Starlight Reservat“ ausgezeichnet. Wegen seiner besonders reinen und klaren Luft bietet der Roque de los Muchachos optiomale Konditionen zur Sternenbeobachtung. Daher sind hier mehrere Observatorien mit im Durchmesser bis zu 10,4 Meter große Teleskopen erbaut worden. Allein dieses Bild wirkt schon so surreal, als befände man sich auf einem anderen Planeten, auf dem Ufos gelandet wären.
Der Blick in den Nachthimmel und die Sternenbeobachtung lässt sich nicht mit unserer Zeitplanung in Einklang bringen. Aber auch der Ausblick bei Tag ist genial: Wir blicken auf die 1.000 Meter herabfallenden Felswände und schroffe Gipfel, die von herannahenden Wolken eingehüllt und wieder freigegeben werden. In der Ferne, über dem Meer blicken wir auf eine dicke Wolkendecke, über die sich der blaue Himmel endlos weit erstreckt…
Nach rund 80 Tagen, die wir nun unterwegs sind, genießen wir es, „angekommen zu sein“. Wir nehmen uns Zeit zu regenerieren. Und vor allem treffen wir Vorbereitungen und Maßnahmen, die Aurora Maris für die nächsten 4 Wochen hier auf La Palma liegen zu lassen, während wir mit einer langen To-do-Liste nach Deutschland reisen.
Die Tickets sind gebucht. Unseren Törn setzen wir am 20. November fort. Wir freuen uns, wenn Ihr uns weiter begleitet. Danke an alle für die lieben Wünsche und Nachrichten, die uns während unseres Törns erreichten.
Fortsetzung folgt…. versprochen;))
Fotostrecke: Madeira-Archipel
Für weitere Fotostrecken dieses Törnabschnitts bitte nach unten scrollen!
Fotostrecke: Auf dem Weg zu den Kanaren
Fotostrecke: La Palma – „La Bonita“
Ahoi,
danke für Euern Bericht vom Weg zu den Kanaren.
Euer Bericht ist wieder so lebhaft beschrieben, dass man als Leser Euch zu begleiten scheint.
Ihr deutet es an, dass bei so vielen Eindrücken leicht der Überblick verloren werden kann. Dies Problem haben wir bei unseren Törns durch akribische Führung eines Logbuches auf jedem Törn gelöst. heute lesen wir immer einmal wieder wie es war. Aber bei Euern Erlebnis-Schilderungen habe ich keine Sorge.
Bei Euerm Aufenthalt auf festem Boden unter den Füßen wünsche ich Euch viel Erfolg.
Alles Gute wünscht Peter Ahlf
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