Etappe: La Palma – La Gomera – El Hierro.
19.30 Uhr MEZ, die Sonne geht gerade unter, es wird schnell dunkel, bleibt aber weiter sommerlich warm. Es ist der letzte Novembertag. In einer Bucht vor schwarzer Steilküste im Süden La Gomeras vor Anker liegend werden wir auf der Aurora Maris sanft – zuweilen, wenn in der Ferne eine Schnellfähre vorbei geht, auch etwas härter – von einer Seite auf die andere geschaukelt. Das Handy djingelt unvermittelt – eine SMS mit Grüßen aus dem verschneiten Schwarzwald führt uns just das Besondere des Augenblicks vor Augen. Ja, es ist schon sehr angenehm in dieser Jahreszeit die Sonne auf der Haut zu spüren, mit Tageslicht bis in den frühen Abend hinein.
Kurzaufenthalt in der Heimat
Seit dem 19. November sind wir wieder an Bord, nachdem wir 3 ½ Wochen in der herbstlichen Heimat verbracht haben. Zeit, in der wir verspätete goldene Oktobertage mit leuchtend bunten Buchenblättern – nach den beständigen Sonnentagen unter Palmen – auch genießen. Als die ersten Herbstwinde die Blätter waagerecht an den regengepeitschten Fensterscheiben vorbeifegen, sitzen wir bereits auf gepackten Seesäcken. Mit im Gepäck unser zwischenzeitlich repariertes Fernglas, neue Bordschuhe und Segelhandschuhe (der Verschleiß an Bord ist groß), secondhanderworbene Seekarten für die Karibik und Bahamas, internationale Gasadapter für das Befüllen unserer Gasflaschen und noch viele Kleinigkeiten mehr, die wir dringend für unseren 2. Törnabschnitt gebrauchen.
Perfektes Timing für Grand Malheur
Und dann gibt es noch ein paar Zwischenfälle, die Gott sei Dank nicht auf See sondern in der vertrauten Heimat passieren: Andreas Zahn macht zicken und wird kurzerhand gezogen. Oben drauf gibt’s noch eine allergische Reaktion auf das verschriebene Antibiotikum. Und schließlich geht noch das Brillengestell zu Bruch, kann aber kurzfristig ersetzt werden. Shit happens. Everywhere.
Rechtzeitig zum Rückflug zu den Kanaren haben wir alles Wesentliche erledigt und können uns auf die 2 Etappe unseres Segeltörns konzentrieren.
Wie geht’s denn nun weiter?
Diese Frage beschäftigt uns massiv, seitdem wir die 1. Segeletappe beendet haben. Hurrikan Irma und Maria haben im September ihr Unwesen in der Karibik, auf den Bahamas und in Florida getrieben und neben der Natur auch die Infrastruktur schwer beschädigt. Unsere Törnplanung hat genau dieses Revier im Fokus. Nun stellt sich uns die Frage: können wir diese Inseln überhaupt anlaufen? Kann man Urlaub machen in einem Revier, in dem Menschen in Not sind? Wollen wir diese Bilder der Verwüstung überhaupt in der Realität sehen? Die Kanaren mit dem sommerlichen Wetter gefallen uns doch so gut. Zudem haben wir just nette Leute in unserer Marina kennengelernt, die hier ihr Heimatrevier haben. Ganzjährig segeln bei angenehmen Termperaturen, glaskarem Wasser. Inselhopping in seiner schönsten Form. Aber stopp… spricht da gerade der innere Schweinehund?
Während der Zeit in Deutschland festigt sich unser Entschluss, die Atlantikquerung zu wagen. Wir konzentrieren uns auf Recherchen, welche Inseln und Häfen entlang unserer ursprünglichen Routenplanung machbar sind und wählen das von den Hurrikans weitestgehend verschonte Antigua als Zielhafen. Letztendlich werden wir die Entscheidung, wohin es gehen soll, auf den Kapverden treffen. Die Aufbauarbeiten in der Karibik laufen auf Hochtouren, so dass wir kurzfristig unsere Törnplanung an den Gegebenheiten vor Ort orientieren können.
Der Startschuss zur 2. Etappe ist gefallen
Nun aber sind wir wieder zurück auf den Kanaren, auf der nordwestlichen Insel La Palma. Die Aurora Maris haben wir wohlbehalten in der Marina Tazacorte vorgefunden. 2 Tage nehmen wir uns Zeit, das Schiff für die Weiterreise klar zu machen. Mit dem Mietwagen erledigen wir Besorgungen, machen einen Großeinkauf an Lebensmitteln und nutzen die Gelegenheit zur Inselrundfahrt mit Sightseeing.
Wir erkunden die Inselhauptstadt Santa Cruz mit schmalen, weihnachtlich geschmückten Altstadtgassen und schlendern an der Uferstraße Avenida Maritima an Häusern mit kunstvoll verzierten Holzbalkonen entlang. Von Las Nieves aus, einem kleinen, für seine Wallfahrtskirche bekannten Ort mit lediglich 16 Einwohnern starten wir eine Berg-Wanderung unter duftenden Pinien, vorbei an Palmen und Kakteen gigantischen Ausmaßes – eine tolle Aussicht über die Insel und den Atlantik inklusive. Der Osten der Insel ist weniger sonnenverwöhnt als der Westen, doch heute haben wir Glück mit dem Wetter. Es zeigt sich keine Wolke am Himmel.
Warten auf das passende Wetterfenster… Inselhopping und Sightseeing sorgen für Kurzeweile
Jeder Tag beginnt mit einem Wettercheck: Gibt es endlich Wind? Haben die Propheten, die seit Tagen lediglich Flaute verkünden endlich eine gute Nachricht für uns? Die Hoffnung wird allmorgendlich zerstört. Aber La Bonita – wie La Palma sich nennt – hält ja noch einiges für uns bereit, was es zu erkunden gibt.
Landgang: La Palma
Die Cumbrecita beispielsweise, mit Blick auf tiefe Schluchten im Nationalpark Caldera de Taburiente, lädt uns zu einer ausgiebigen Wanderung ein, oder auch der Vulkan San Antonio im Süden La Palmas, dessen Nachbarvulkan zuletzt vor rund 45 Jahren aktiv war. Nach tagelangem Warten auf den passenden Wind nutzen wir die Gelegenheit, zunächst bei lauem Wind, dann bei einer frischen Briese aus Süd-West-Wind – also stumpf gegenan – zur Nachbarinsel La Gomera zu segeln. Wir erreichen nach 71 Seemeilen in der Nacht den vor einer Steilwand gelegenen, betriebsamen Hafen San Sebastian. Das Hafenbild und die -stimmung prägen zahlreiche Charteryachten, Berufsschifffahrt und an der Mole oder auf Reede liegende Kreuzfahrtschiffe. Wieder nehmen wir uns einen Mietwagen, um die Insel mit üppiger Natur und faszinierenden Landschaften, sowie schroffen Bergen zu erkunden.
Landgang: La Gomera
Die Schönheit der Insel erschließt sich nicht aus der Ferne. Das dunkle Vulkangestein, die karge Küstenlandschaft wirkt wenig einladend. Fasziniert sind wir dann aber doch vom Valle Gran Rey, das uns auf der südwestlichen Inselseite mit einer tiefen Schlucht, über und über mit Palmen bewachsen, erwartet. Zuvor hatten wir bereits den höchsten Berg der Insel, den Garajonay erklommen (zumindest die letzten 1000 Meter, bis dahin hat uns das Auto gebracht) und einen Gang durch Lorbeerwälder, Urwäldern gleich, unternommen.
Die Kanaren – Ausgangspunkt für die Atlanikquerung, in der Antike wie heute
Bereits Christopher Columbus lief die Kanaren an, und wartete auf den Inseln La Gomera und El Hierro ein passendes Wetterfenster, bevor er im 15. Jahrhundert aufbrach, um Amerika zu entdecken. Anfang und Mitte November ist von Gran Canaria aus die ARC und ARC+ (Atlantic Ralley for Cruisers) mit rund 300 Teilnehmern gestartet mit Ziel Karibik.
Auf Gomera, in San Sebastian treffen rund 30 Teams ein, um Mitte Dezember an der Whiskey Talisker Challenge – der härtesten Ruderregatta – zur Atlantikquerung zu starten. Ob sich unsere Kurslinien wohl kreuzen, wenn wir von den Kapverden aus starten?
El Hierro
Bis sich ein konstanter Nord-Ost-Wind einstellt, haben wir noch Zeit für die Erkundung der kleinsten der kanarischen Inseln, El Hierro. die ganz im Westen des kanarischen Archipels, abseits der Touristenströme liegt, rund 40 Seemeilen von unserem Ankerplatz im Süden La Gomeras entfernt. Segeln bei Glattwasser, bei einer lauen Briese. Der Motor muss mithelfen, sonst erreichen wir die Insel nicht, dem Wind fehlt es wieder einmal an Puste. Wir steuern auf die 1 Seemeile südlich des Hafen von Puerto de la Estaca gelegene Bucht zu. Kurz nach Sonnenuntergang fällt der Anker auf knapp 9 Meter Grund. Silbern funkelt uns das Ankergeschirr durch das christallklare und dennoch tiefschwarz wirkende Wasser an. So schwarz wirkend ist das Wasser nicht wirklich einladend. Am nächsten Morgen geben wir uns dennoch einen Ruck und nehmen ein Morgenbad bei 22 ° Wassertemperatur.
Durchschnittlich lediglich 4 Regentage gibt auf dieser Insel hier im Monat Dezember; 2 davon erwischen wir. Ebenfalls vulkanischen Ursprungs und daher überwiegen aus schwarzem Lava und Basaltgestein bestehend, hat uns die Insel dann aber doch mit einem fast weißen Sandstrand fern im Südwesten überrascht.
Erlebnisse am Wegesrand…
„Let’s go to little London“ nuschelt der Pickup-Fahrer durch die paffende Zigarre in seinem Mundwinkel. Auf unserem Fußweg vom Hafen hoch hinauf den die Inselhauptstadt, Valverde, hat uns ein betagter Pakistani, der seit vielen Jahren auf der Insel lebt, aufgesammelt und in seinen Wagen gepackt. Dicke Wolken sind aufgezogen. Die nur 2.000 Einwohner zählende Hauptstadt in eine dichte Nebelschicht eingehüllt, daher die Anspielung auf London. Es sind nur wenige Kilometer und eine gute Viertelstunde, die unsere gemeinsame Fahrt dauert – aber es ist wieder einmal ein Beispiel für die spanische Freundlichkeit, die uns immer wieder in ganz alltäglichen Situationen widerfährt.
Ähnlich ist es uns auf La Palma ergangen, als wir in blinder Naivität einen 4 Kilometer langen Gang hinauf zu einem Aussichtspunkt machen wollten. Auch hier stoppt ein PKW, darin ein junges Pärchen aus Barcelona, Veru und Edu, die uns kurzentschlossen – im wahrsten Sinne des Wortes – einluden und mit hinauf in die Berge nahmen.
Landgang: El Hierro
Valverde ist weniger Stadt, hat vielmehr dörflichen Charakter. Nicht nur die durch die Gassen krähenden Hähne, auch der Wochenmarkt an diesem Samstagvormittag (es ist der 2. Dezember) macht das deutlich: Es sind nur eine Handvoll Frauen, die hier ihre Ware anbieten. Eigentlich brauchen wir nur Margarine, die wir hier natürlich nicht erhalten werden, aber dem strahlenden Lächeln und den funkelnden Augen der Marktfrau, die stolz ihre „wäry fresh fruuts“ aus ihrem eigenen Garten, „ohl ecological“ anbietet, können wir nicht widerstehen. Und so packen wir den frischen Salat mit Vulkanerde, Blumenkohl, Kohlrabi in den Rucksack und schauen uns das Treiben auf dem Markt, der eher soziales Get-together als kommerzielle Verkaufveranstaltung ist. Eine Folkloregruppe in Trachten sorgt für den musikalische Rahmen. Kleine Kinder am Rande des Markplatzes spielen und Weihnachtsdeko basteln. Ein junger Hund wird getätschelt und liebkost, von einem Arm zum nächsten gereicht.
Afrika – wir kommen!
Am Montag, den 4. Dezember soll’s losgehen: für die nächsten 10 Tage ist Wind angekündigt, konstant aus Nord-Ost bis Ost, um die 15 bis 20 Knoten. Lediglich für Mittwoch müssen wir uns auf 6 Windstärken einstellen. Also: Segel reffen! Bei Ost baut sich keine hohe See auf. Maximal 3 Meter Welle wird es geben… dem bauen wir wieder mit unserem bewährtem Ingwertee vor. Den Abend des 1. Advents verbringen wir also mit Passage-Planning, schreiben die Hoch- und Niedrigwasserzeiten für Mindelo, dem Hauptort der Insel Sao Vincente im Westen der Kapverden heraus, notieren die Strömungsrichtungen und –starken im Canal de Sao Vincente und stellen uns auf eine schnelle Überfahrt für die 765 Seemeilen ein. Diesel, Wasser und Lebensmittelvorräte sind ausreichend vorhanden. Einen Ausklarierungsstempel haben wir uns besorgt. Wir sind also startklar.
Wenn’s gut läuft, werden wir bereits nach 6 Tagen Afrika erreichen.
Fotostrecke: La Palma
Für weitere Fotostrecken dieses Törnabschnitts bitte nach unten scrollen!
Fotostrecke: La Gomera
Fotostrecke: El Hierro
toi, toi, toi! Eine gute weitere Reise!
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Wir wünschen euch eine gute Weiterreise und weiterhin alles Gute! Liebe Grüße Silvia und Andreas
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Ahoi!
Wieder ein „mitreisender“ Bericht. Danke dafür!
Dank Google Maps/Luftbilder habe ich Euch auf den Indeln beim Landgang mit dem Finger auf dem Bildschirm „begleitet“.
Habt Ihr auf El Hierro in der Bucht in der Nähe des Ausgangs/Eingangs des Straßentunnels geankert?
Die Fotos machen beeindruckend deutlich, wie schroff die Gebirgsformationen auf den kanarischen Inseln sind, wass aus den Luftbildern nicht so deutlich erkennbar ist.
Einen schönen Törn und bleibt gesund wünscht Euch
Peter.
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Hallo Peter,
unseren Ankerplatz hast Du genau richtig identifiziert. Sieht schlimmer aus, als es war,}}
LG
Andrea und Christoph
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Hallo ihr beiden, schöne Weihnachten und noch viele tolle erlebnisse. Annette aus Münster
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