Etappe: El Hierro (Kanaren) – Sao Vincente, Mindelo (Kapverden).
Señora – now I can see you, … you’re close, so close – OK, I stop the engine. Ganz ruhig klingt die tiefe Stimme durch den Lautsprecher des Funkgerätes , Kanal 16. Na endlich. Jetzt hat er’s kapiert und tut was. Es ist Nikolaustag, unsere 3. Nacht auf See. Noch rund 480 Seemeilen liegen vor uns und noch immer weht der Wind zuweilen in Böen mit 27 Knoten und lässt den Windgenerator zu Hochform auflaufen.
Wir fahren das Groß im 1. Reff. Die Genua ist geborgen. Dennoch machen wir 6 Knoten Fahrt auf vorrangig Halbwindkurs. Die See ist immer noch ruppig, Wellenberge von geschätzt 4 Meter Höhe rollen an. Die Illusion von einer ruhigen, entspannten Überfahrt von El Hierro zur Kapverden-Insel Sao Vincente ist uns genommen. Nach anfänglich mäßigem Wind hat dieser beständig zugenommen und uns dabei eine unkoordinierte, spitze Welle und unwerwartet, wilde See beschert. Die 5 Windstärken laut Windmesser empfinden wir wie gefühlte 7 Beaufort. Der Atlantik ist eben doch etwas anderes als die uns bekannte Nord- und Ostsee. Haben wir eine falsche Vorstellung vom Blauwassersegeln? Wollen wir das so auf Dauer – 20 Tage Atlantikquerung – ertragen?
Die Wellen rollen von achtern heran, bauen sich zu Bergen auf, heben das Heck und schieben uns voran. Gleichzeitig kommt die See von Backbord, geht unter uns durch und lässt uns ordentlich von Back- nach Steuerbord und wieder zurück schaukeln. Zuweilen brechen die Wellen unter uns. Die Aurora Maris taucht dann förmlich in ein weißes Schaumbad ein – mit Wellness hat das weniger zu tun, eher Abenteuer- und Erlebnisbad mit viel Spannung. Doch unsere Moody macht ihren Job gut, bahnt sich ihren Weg durch die wilden Seen. Dennoch: diese Stunden stellen für die Crew schon eine gewisse Herausforderung dar. Hinzu kommen die neuen Dimensionen: laut Karte 765 Seemeilen. Mit voraussichtlich 7 Tagen non-stopp ist das die für uns bisher längste und weiteste Etappe ever. Sind wir dem Langstreckensegeln physisch gewachsen?
So weit draußen gibt’s keine Piraten?!
Und nun, in unserer 3. Nacht auf See – mitten auf dem Atlantik, weit und breit bislang kein Schiff in Sicht – empfängt unser AIS das Signal der PITUFO, 4 Seemeilen Steuerbord voraus. Mit nur 1 Knoten Fahrt dümpelt das nicht näher spezifizierte Schiff auf dem Atlantik, fährt einen Vollkreis, läuft dann Kurs 90 Grad. Auch mit bloßem Auge ist die PITUFO in der Dunkelheit nun gut erkennbar. Überdimensionierte Strahler leuchten uns von Steuerbord voraus entgegen. Und dann dreht das Schiff plötzlich ab. Hält direkt auf uns zu und beschleunigt seine Fahrt. Merkwürdig. Wie weit ist die Küste Afrikas eigentlich von uns entfernt… so weit draußen gibt’s doch keine Piraten!
4 Augen sehen mehr, 2 Köpfe denken klarer. Das Klopfsignal holt die Freiwache aus der Koje. Die Situation ist merkwürdig, ist die Crew sich einig. Wir ändern den Kurs, um dem Schiff auszuweichen, doch auch die PITUFO ändert wieder ihren Kurs. Hält weiter auf uns zu. Doch Piraten? Sind unsere Pässe, Kreditkarten etc. sicher verstaut? Unser Abstand verringert sich zunehmend. Unser AIS zeigt einen CPA (Closest Point of Approach) von weniger als 200 Meter an. Wir entscheiden uns, per Funk Kontakt aufzunehmen. Kanal 16: PITUFO, what is your intention? Und prompt kommt Antwort. Doch die Bereitschaft, den Kurs zu ändern, ist gleich null. Dann aber hat der Käpt’n der PITUFO uns auf seiniem Radar ausgemacht. Mit weniger als einer halben Meile Abstand sind wir tatsächlich „very close“, wie er es nennt. Die Mitteilung, wir seien ein Segelfahrzeug wirkt. (Er hätte uns als Segler anhand unserer Lichterführung erkennen müssen.) Das AIS-Signal bestätigt seine Ankündigung, die Machine zu stoppen. Wir sind erleichtert. Unsere schlimmsten Ahnungen haben sich nicht bestätigt.
Die Sahara bleibt an Backbord
Dieser kleine Zwischenfall hat für Spannung gesorgt. Um 2300 Uhr MEZ können wir wieder zur Tagesordnung und unserem 3-Stunden-Wachrhythmus übergehen. Chris lässt sich während seiner Freiwache in der Koje in den Schlaf schaukeln. Andrea hält Wache, während der Windpilot das Schiff steuert – eine spürbare Erleichterung für die Crew, die von den durchsegelten Nächten längst nicht so gerädert ist, wie auf den früheren, selbst gesteuerten Nachttörns. Allerdings werden Schiff und Crew durch den hohen Salzgehalt der Luft und das überkommende Spritzwasser ordentlich gepökelt. Zudem trägt der Wind Sand aus der einige hundert Seemeilen an Backbord liegenden Sahara zu uns herüber. Sand und Salz vermengen sich zu einer Schicht, die sich in einer dicken Kruste auf dem gesamten Schiff ablegt.
Tag 4 auf See: es geht bergauf
Wir feiern Bergfest, die Hälfte der Etappe ist geschafft. Am Nachmittag des 4 Tages wird die Atlantikwelle länger und die See ruhiger. Bei Wind auf Ost mit 4 Beaufort setzen wir wieder die Genua und rauschen mit bis zu 7 Knoten in den Abend hinein. Der Windgenerator hat unsere Batterien geladen, es reicht nicht nur für kühle Getränke, wir gönnen uns stromfressende Musik von der CD. Andrea Bocelli und Sarah Brightman singen im Duett. Und dazu gibt’s ein Captain’s Dinner: Pilze an Kartoffeln mit Seeblick. Segeln kann so schön sein…
Kapverden voraus
Der 5. Tag auf See beginnt mit einer sternklaren Nacht. Orion und Aldebaran im Stier funkeln um die Wette. Die See gleicht inzwischen schon fast Glattwasser und der weiterhin östliche Wind bringt uns schnell unserem Ziel näher. (Analog zu den zurückgelegten Seemeilen steigert sich die Vorfreude auf die nahende Süßwasserdusche.) Nach Etmalen von bis zu 150 Seemeilen in den vergangenen Tagen wollen wir nun konkret unseren Landfall steuern.
Der Hafen Mindelo liegt in einer großen Bucht an der Westseite der Insel Sao Vincente, die durch den 7 Seemeilen breiten gleichnamigen Kanal von der Nachbarinsel Santo Antao getrennt ist. Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Berge von rund 1700 Metern sowie die Kanalenge sorgen mitunter für eine Zunahme des Windes um zusätzliche 20 Knoten. Zudem müssen wir in dem Kanal den Tidenstrom beachten: während der Atlantik weit über 4000 Meter Tiefe hat, steigt der Meeresboden zwischen den Inseln auf unter 100 Meter an. Das sorgt nicht nur für einen Flutstrom von 2,5 Knoten sondern auch für außerordentlich hohe Seen, insbesondere bei der Konstellation Wind gegen Strom. Und eine weitere Besonderheit: in der Bucht von Mindelo liegen zahlreiche, nicht ausreichend gekennzeichnete Wracks. Von einer Ansteuerung bei Dunkelheit wird abgeraten. Unser Revierführer stellt warnend in großen Lettern fest: wir sind hier in AFRIKA und nicht in Europa. Seekarten sind nicht aktuell und nicht zuverlässig. Leuchtfeuer funktionieren nicht immer. Selbst die Kennungen sollen nicht immer mit den Kartenangaben übereinstimmen. In Landnähe ist Augapfelnavigation gefragt.
Landfall
Gutes Timing ist also Voraussetzung für den sicheren Landfall. Der Ebbstrom, der uns gut durch den Canal de Sao Vincente bringen soll, tritt 2,5 Stunden nach Hochwasser ein. Für Sonntag ist das Hochwasser auf ca. 00.30 Uhr Ortszeit (also 02.30 Uhr MEZ) angekündigt. Ab rund 05.00 Uhr MEZ würde es also zeitlich passen, doch dann ist es noch stockfinster. Wir peilen 08.00 Uhr MEZ an, um Mindelo mit dem ersten Tageslicht kurz vor Sonnenaufgang anzulaufen und reduzieren unsere Geschwindigkeit. Dennoch erreichen wir Mindelo schneller als gewünscht und erreichen das Ziel bei Dunkelheit. Die rund 80.000 Einwohner zählende Stadt ist hell erleuchtet, was die Ansteuerung der Bucht mit den vielen Ankerliegern, herrenlos an Moorings verrottenden Kähnen und Schiffswracks nicht gerade erleichtert. Unser Anker fällt schließlich auf 7 Meter Wassertiefe, direkt neben einem Schiff, das bei seinem Landfall Jahre zuvor weniger erfolgreich war und hier als Wrack gestrandet ist.
Europa liegt im Kielwasser
Über 800 Seemeilen liegen in unserem Kielwasser, 6 Tage und Nächte sind durchgesegelt… und die anfängliche Anstrengung ist längst verblasst. Was bleibt ist die Erinnerung an leuchtend grüne Sternschnuppen, die uns auf Parallel-Kurs überholten; Delfine, die uns ein Stück unseres Weges begleiteten und mit einer special Performance bespaßten; fliegende Fische, die im diffusen Sonnenlicht silbern glänzend dicht über der Wasseroberfläche an uns vorbei gleiteten oder auch an Deck landeten und, und, und…. Jetzt wollen wir uns von der afrikanisch-kreolischen Lebenslust Mindelos anstecken lassen und freuen uns auf unsere weitere Fahrt auf der sogenannten Barfußroute.
Aber zunächst muss die Aurora Maris von ihrer Saharasand-Salzkruste befreit werden, der Gasregler muss ausgetauscht und unsere Duschwasserpumpe muss repariert werden. Apropos: die Crew genießt die Dusche mit endlos Wasser aus der Leitung.
Fotostrecke: Etappe El Hierro – Sao Vincente
Sehr spannend. Da hab ich glatt aufgehört zu arbeiten um das zu lesen.
Praktisch mit dem Fisch der sich selbst fängt 😉 und auf‘s boot katapultiert.
Viele Grüße nach Afrika
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