Landgang mit afrikanischem Flair.
Die Kapverden haben wir vorrangig als strategisches Ziel und Sprungbrett für unsere Atlantikquerung ausgewählt. Dann aber erkennen wir zunehmend die Möglichkeit, hier ein Stück Afrika zu erleben. Wohl ahnend, dass es nun richtig exotisch wird, wollen wir uns nach unserem Landfall in Mindelo/Sao Vicente auf dieses Abenteuer einlassen. Grell-bunt flackernde Weihnachtsmotive in den Straßen kündigen das bevorstehende Weihnachtsfest an, das wir selbst auf hoher See erleben werden, wenn wir nun (am 15. Dezember) zur Atlantikquerung starten. Daher wünschen wir allen Followern und mental mitreisenden Freunden und Bekannten bereits jetzt: Frohe Weihnachten!
Jenseits von Afrika: Die Kapverden, 10 Inseln im Atlantik
Das Archipel der Kapverden, bestehend aus 10 hufförmig angeordneten Inseln, liegt in den Tropen, rund 600 Seemeilen der Westküste Afrikas vorgelagert im Atlantik. Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs und nie mit dem Kontinent verbunden gewesen. Hier begegnen wir erstmals der afrikanischen Kultur und Mentalität. Während die Straßen weihnachtlich geschmückt sind, schallt aus den Lautsprechern der kleinen Boutiquen, Läden und Restaurants bereits am frühen Morgen rhythmische, kapverdische Musik (Morna), für die insbesondere Mindelo auf Sao Vicente, das musikalische Herz der Kapverden, bekannt ist. Die Insel selbst ist karg, Berge mit aus der Ferne wild wirkenden Formationen erheben sich hoch gen Himmel. Wir haben nicht den Drang, das Inselinnere und diese karge Landschaft zu erkunden, wollen vielmehr die rund 80.000 Einwohner zählende Stadt Mindelo entdecken, in der das Leben pulsiert wie in einer Großstadt. Eine hübsche Altstadt mit Flair und eine Promenade am alten Hafen laden zum Spazieren ein, heißt es in der Reiseliteratur. Sehenswert sei auch der Fischmarkt neben dem Nachbau des Lissaboner Torre de Belem. Aber das Treiben in den Gassen und Straßen beansprucht schon bald unsere Aufmerksamkeit in dem Maße, dass die vermeintlichen Sehenswürdigkeiten zur Nebensache werden.
Mindelo – pulsierende Stadt mit Großstadtambition
Busse und sogenannte Aluguers, kleine Minibusse mit in der Regel offener Ladefläche auf denen sich Menschen und Gepäckstücke drängen soviel der Wagen fassen kann, fahren durch die Straßen Hunde liegen dösend in der prallen Sonne. Am Torre de Belem befindet sich ein sogenannter Fischmarkt, der eher des Appetit des Kamera-Objektivs als den unseres Magens weckt. Heimkehrende Fischer ziehen ihre Boote an Land, während der Fisch direkt in der prallen Sonne am Strand und auf der Hafenmauer verarbeitet wird. Während dessen balancieren junge modern gekleidete Frauen große mit Bananen oder Fisch befüllte Wannen auf ihren Köpfen, um die Ware an Straßenständen zu verkaufen. Auf dem Markt angekommen werden wir sogleich freundlich angesprochen: Hello, where are you from. Germany! Herzlich willkommen. Ah, der Afrikaner spricht nahezu perfekt Deutsch. Das habe er am Goetheinstitut gelernt, aber das sei nun leider geschlossen. Doch er habe einen Bruder in München. Da gibt es jetzt Schnee. Und während wir unverbindlich plaudern lenkt er geschickt das Gespräch auf die kunsthandwerklichen Artikel an seinem Stand. Er betreibt nicht nur den Stand, er ist auch Fremdenführer. Aha, falls er also keine Perlenkette an uns los wird, vielleicht brauchen wir ja einen Guide?
Jack und die holzgeschnitzte Maske
Wenige Meter weiter hat Jack seinen Stand. Auch dieser junge Afrikaner hat einen Bruder in Deutschland, in Hannover. Und auch Jack spricht Deutsch. Er heißt uns nicht nur willkommen, als er erfährt, dass wir Segler sind und die Atlantikquerung beabsichtigen, faltet er die Hände und greift dann aus seinem Warensortiment eine Perlenkette heraus, küsst sie und hängt sie Andrea mit den Worten „Glücksbringer“, „Glücksbringer soll dich beschützen“, um den Hals. Und gleiches wiederholt er bei Chris. Mit dieser geschickten Überleitung zu seinem Warensortiment hat er uns gefangen. Uns interessieren seine Holzschnitzarbeiten tatsächlich. Gleichermaßen stolz und freudig zeigt er uns die Masken aus Ebenholz oder Teak, teils sind sie antik, teils von seiner Familie gefertigt. Ketten aus bunten Perlen, brauner Kokosnuss oder Ebenholz sind an seinem Stand aufgereiht. Seine Warenpalette wird abgerundet durch zahlreiche Holzfiguren von den 3 Affen über Frauengestalten bis hin zu „solidarity“ symbolisierenden Skulpturen. „Solidarity“ wird zu seinem Lieblingswort. Unser Interesse gilt den Holzmasken, die natürlich einen stolzen Preis haben. Bei näherer Betrachtung finden wir keine „Made in China“ Herstellerprägung.
Jack versteht es, auf eine ganz charmante Art seine Ware anzupreisen. Inzwischen spricht er übrigens nur noch Englisch. Sein deutscher Sprachschatz scheint erschöpft. „You tell me, what you want to pay. I make you a good price.” Und immer wieder versucht er uns, eine seiner „Solidarity“ Skulpturen, die jeweils 2 miteinander verschmolzene Menschen darstellen, unterzujubeln. Nein, wir wollen nicht 2 Artikel, wir wollen nur einen und zwar nur diese bestimmt Maske, keine andere;)) „So, what is your best price.“ Noch immer gehen unsere Vorstellungen zu weit auseinander. Aber irgendwann kommen wir überein, zwar deutlich unter seinem Erstgebot aber zu einem für beide, Verkäufer und Käufer, zufriedenstellenden Preis. Und Spaß gemacht hat’s auch beiden Parteien. „Andrea is a big businessman“, stellt Jack fest. Was für ein Kompliment. Aber er ist ebenfalls ein toller Marketingstratege. Chris unterstellt ihm, in Deutschland viel gelernt zu haben. Shake Hands, good luck, bye bye, so gehen wir auseinander.
Afrikanische Freundlichkeit
Wir mögen diese – hier auf den Kapverden unaufdringliche – afrikanische Freundlichkeit, dennoch kommt sie uns befremdlich vor. Bereits bei unserem ersten Versuch, die Stadt kennenzulernen, sind wir auf der dem Hafen gegenüberliegenden Straßenseite an einem Kulturzentrum hängengeblieben. Hier sollte ein Konzert stattfinden. Darauf angesprochen, wir mögen doch eintreten, lehnten wir dankend mit der Begründung ab, wir seien gerade erst angekommen und hätte noch kein Geld getauscht. Der freundliche, junge Afrikaner verbeugt sich daraufhin mit zusammengefalteten Händen vor uns: Please come in, you’re cordially invited. It’s my pleasure… kann man das ablehnen? So durften wir – nach 6 Tagen auf See, unrasiert und etwas verwegen aussehend – an einem tollen Konzertabend einer afrikanisch-kreolischen Sängerin lauschen.
Wo Licht ist, ist auch Schatten
Natürlich gibt es auch die andere Seite: wir werden vor Taschendieben gewarnt, nicht nur die Reiseliteratur, auch umsichtige Einheimische ermahnen uns zur Vorsicht. Bettelnde Kinder und verwegene Gestalten bedrängen uns zuweilen am Straßenrand. In manchen Momenten überkommt uns ein mulmiges Gefühl, aber einer wirklichen Gefahr haben wir uns nicht ausgesetzt gefühlt.
Das kapverdische Inselarchipel zählt zu den wohlhabenderen und gebildeten Gebieten Afrikas. Mindelo ist übrigens auch Universtiätsstadt mit gleichen Bildungschancen für Männer und Frauen. Außerdem ist die Regierung stolz, dass die Kapverden keine Slums aufweisen. Der nicht zu unterschätzende europäische Einfluss wird hier offensichtlich.
Ausflug auf die Insel Santo Antao
Die Kapverden sind laut Reiseliteratur auch bekannt für traumhafte Berglandschaften. Während das Umland auf Sao Vicente einen sehr dürren, kargen Eindruck macht, gilt die westliche Nachbarinsel Santo Antao als die grünste und schönste Insel. Die wollen wir uns nicht entgehen lassen. Mangels Hafen und sicherer Ankermöglichkeit nehmen wir die Fähre, um die rund 8 Seemeilen zur Insel überzusetzen. Mit einem der sogenannten Aluguer wollen wir in den vermeintlich grünen Nord-Westen der Insel zum Bilderbuchdorf Ponta do Sol fahren, um von hier aus eine Wanderung auf dem steilen Küstenweg zu unternehmen.
Aluguer-Fahrer im Konkorrenzkampf
Schon die Ankunft in Porto Novo ist eine Ereignis, fallen doch die Aluguer-Fahrer förmlich über die ankommenden Gäste her, um sie direkt unter Vertrag für eine Fahrt zu nehmen. Unaufdringliche Freundlichkeit hat wohl seine Grenzen;)) Ein Polizist versucht die Konkurrierenden in Schach und vor den ankommenden Gästen auf Distanz zu halten. Tatsächlich überschreiten sie eine gedachte Linie nicht, reden aber eindringlich auf die Ankommenden ein. So auch auf uns: “8.000 Escudos, Ponta do Sol. We go through the mountains, stop at the viewpoint, you look around. Photo. Then we go to….. Was sagt er da? 8.000 Escudos? Rund 80 Euro! Geht’s noch? Okay, der Aluguer-Fahrer bietet uns mehr oder minder eine geführte Tour an, doch für 400 Escudos pro Person soll angeblich eine Fahrt nach Ponta do Sol realisierbar sein. Und tatsächlich geht er auf den Preis ein, allerdings nur für die Fahrt über die Küstenstraße. Das soll uns recht sein.
Apropos Cabo Verde – grünes Kap?
Zunächst geht es durch eine karge, wüstenähnliche Gebirgslandschaft aus naturfarbenem Gestein und Geröll. Wir sind gespannt auf die grüne Berglandschaft weiter im Nordwesten. Aber Irrtum! Einen tropischen Regenwald haben wir nach dem Durchblättern der Reiseliteratur nicht erwartet, aber etwas mehr als das trockene Unkraut und die mageren Grashalme sowie gelegentliche Täler und Schluchten mit kleinen Palmen- und Schilfanpflanzungen hätten wir dann doch erwartet. Dennoch ist das wilde Gebirgsmassiv beeindruckend.
Ponta do Sol
Nach einigen Zwischenstopps, bei denen der Fahrer immer wieder versucht, uns dazu zu bewegen unsere Busfahrt zu einer Sightseeingtour zu erweitern – wir bleiben hart bei unserer Vereinbarung – erreichen wir schließlich das kleine Dorf Ponta do Sol mit einem vom Meer durch natürliche Felsen geschützten Hafenbecken, in dem bunte Fischerboote angelandet sind. 2, 3 Restaurants und Bars finden wir hier, eine Art Werft, in der Arbeiter ein Schiff reparieren. Einige Männer spielen im Schatten der Palmen ein Brettspiel. Hunde liegen schlafend in der Sonne. Nur gelegentlich queren die Dorfbewohner die Straßen. Und Touristen finden sich ebenfalls kaum hier. Alles in Allem eine ruhige Atmosphäre.
Wir begeben uns auf die Klippentour und wähnen uns auf dem steilen Kopfsteinpflaster auf einem Wanderweg, bis uns ein Aluguer entgegenkommt. Tatsächlich dient dieser schmale, die Steile Küste in Serpentinen hinaufführender Weg als Verkehrsweg und Straße. Zur einen Seite fällt die Küste teils senkrecht ab, zur anderen steigt sie gleichermaßen an. Nachdem wir die letzten Häuser passieren, kommen wir an merkwürdigen Betonparzellen von ca. 2 x 2 Meter Größe ohne Dach vorbei. Diese entpuppen sich als Schweineställe. Frauen aus dem Dorf steigen einen schmalen Pfad empor, auf ihren Köpfen mit Wasser gefüllte Eimer balancierend. Sie füttern kurz darauf die Schweine und reinigen penibel die Behausungen.
Auf dem Weg zurück nehmen wir die Abkürzung quer durch das Dorf. Die Gassen werden teils immer schmaler, die Behausungen immer ärmlicher. Herumstreunende Hunde, gerupft wirkende magere Hühner, einige wenige Katzen – viel mehr Viecher gibt es nicht. Kinder in Schuluniformen kommen uns entgegen, vereinzelt begegnen uns auch paar Männer, alle freundlich „Bom Dia“ grüßend. Dennoch überkommt uns in so manch einer Gasse ein beklemmendes Gefühl. Wir trauen uns auch nicht, hier Fotos zu machen.
Unser Aluguer sammelt uns pünktlich zur vereinbarten Zeit ein und bringt uns zurück zur Fähre. Auch dieser Tag hat uns ein Stück Afrika näher gebracht.
Leinen los!
Genug der Eindrücke, uns zieht es weiter. Wir wollen jetzt – am 15. Dezember – die Atlantikquerung starten. Ab nun heißt es Kurs West, 270 °. Vor uns liegen rund 2.150 Seemeilen mit Ziel Antiqua. Je nach Windstärke stellen wir uns für diese Strecke auf 18 bis 20 Tage auf See ein. Proviant und Wasser sind ausreichend vorhanden, Schiff und Crew sind vorbereitet. Weihnachten und Silvester werden wir auf hoher See feiern.
Euch wünschen wir ein frohes Fest und einen guten Rutsch!

Fotostrecke: Vorweihnachtliches Mindel/Sao Vincente
Für weitere Fotos bitte nach unten scrollen!
Fotostrecke: Rund um die Stadt Mindelo
Fotostrecke: Landgang in Santo Antao
Hallo Andrea, Hallo Christoph,
es freut uns immer wieder, wenn wir einen neuen Beitrag von euch lesen dürfen. Morgen haben wir unsere Weihnachtsfeier und werden sicherlich auch an euch denken während wir gemütlich einen trinken. Wir wünschen euch für die Überquerung viel Wind in den Segeln und auch auf See frohe Weihnachten. Viele Grüße Silvia und Andreas
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Alles Gute für Eure überfahrt wünscht Euch Harald von der Anka-Fortuna. Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch in das Jahr 2018. Beste und moderate Winde und Wellen sollen Euer Begleiter sein.
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