Atlantikquerung Kapverden – Karibik: 2.110 Seemeilen, 16 Tage und 5 Stunden.
Viele Segler träumen von einer Atlantiküberquerung. Jährlich starten ein paar Hundert Yachten auf den Kanarischen Inseln oder den Kapverden mit Ziel Karibik. In diesem Jahr heißt es auch für uns Leinen los! Der Bann ist gebrochen. Am Freitag, 15. Dezember legen wir in Mindelo, Sao Vicente (Kapverden) ab und erreichen nach 16 Tagen und 5 Stunden – und damit für uns schneller als erwartet – noch im Jahr 2017, pünktlich zum Silvesterfeuerwerk, unseren Zielhafen English Harbour (Antigua) auf der anderen Seite des Atlantiks. Mit 2.110 Seemeilen im Kielwasser erleben wir Blauwassersegeln auf der sogenannte Barfußroute.
Hier kommt die Story unserer Atlantiküberquerung!
11.30 Uhr UTC (Universal Time Coordinated). Jetzt aber los hier, die Tide ruft. Zweieinhalbstunden nach Hochwasser, also ab 09.30 Uhr UTC, setzt der Strom hier im Canal de Sao Vicente zwischen den Kapverdischen Inseln Sao Vicente und Santo Antao nach Süden. Mit dem Strom wollen wir raus, um nicht in turbulente Stromkabbel, die bei ungünstiger Strom-gegen-Wind-Konstellation zu erwarten sind, zu geraten. Anker auf, ein letzter Blick zur Marina Mindelo, aus der wir uns bereits gestern Abend verholt haben, und dann geht’s los. Von den vorgelagerten Kaps müssen wir uns noch etwas frei halten, aber ab da kann unser Generalkurs 270° bis zum rund 2.100 Seemeilen entfernten Antigua bereits anliegen. Könnte, denn der Wind kommt zu achterlich, bei dem Schaukelkurs mit spitzer, hoher Welle stehen die Segel nicht. Wir fahren das Groß im 2. Reff und auch die Genua hat lediglich Bettlakengröße. Die angekündigten 5 Windstärken beschleunigen durch Düsen- und Kappeffekte auf 7 Beaufort.
Das fängt ja gut an: unser Pilot meldet sich arbeitsunfähig
Just in dem Moment, als wir die geschützte Ankerbucht verlassen taucht auch schon das erste Problem auf: Die Windpilothalterung am Steuerrand hat sich gelockert, der Pilot ist damit arbeitsunfähig. Was nun? Ohne den Windpiloten können wir die Atlantikquerung knicken. Zurück? Dann wäre ein Tag verloren… Also geht der Bordmechaniker an’s Werk, zerlegt unter erschwerten Bedingungen und unter elektrischem Autopilot arbeitendem Steuerrad die Steuerhaltung, justiert neu und baut alles wieder zusammen. Dieses Manöver ist nach 1 Stunde beendet – erfolgreich, der Windpilot hat das Steuer wieder voll im Griff. Es kann weitergehen.
Auf Schaukelkurs geht es mit Rauschefahrt und Mitstrom Richtung Atlantik, dicht an der westlichsten Kapverdeninsel Santo Antao vorbei. „Sailing Vessel South of Santo Antao, Sailing Vessel South of Santo Antao,“ erreicht uns ein Funkruf aus dem Cockpitlautsprecher. Oops, das können nur wir sein. Wer ruft? Die kurz vor uns ausgelaufene RECIAN hat uns im dichten Dunst entdeckt. Da wir fast den gleichen Kurs haben und vergleichbar schnell sind, werden wir wohl in den nächsten gemeinsam Fahren. Wir wollen in Kontakt bleiben und uns gegenseitig im Auge behalten.
Kleine Wellenmonster auf hoher See… die tun nichts, die wollen nur spielen
Prompt haben wir die Inselabdeckung verlassen, hat uns der Atlantik und die lange Dünung wieder. Die angekündigten 5 bis 6 Beaufort aus NE haben eine kabbelige See aufgebaut. Die Aurora Maris erklimmt die Wellenberge, fährt in Rauschfahrt die Welle hinab, schaukelt dabei von Back- nach Steuerbord, zurück nach Backbord und vom Heck zum Bug wieder zurück nach Backbord, wo es wieder von vorne losgeht. Gerade in den Wellentälern schafft es der achterliche Wind auf diesem Kurs in der Abdeckung des Groß nicht, unsere sonst vortriebstarke Genua konstant zu füllen. Die schlagende Tuch ruckt unsanft in das Vorstag ein, das vibrierend der Belastung Stand hält. Das zerrt, nicht nur an Wanten und Stagen, auch an Nerven.
Wir bergen das Groß, fahren nur unter Genua, können aber dennoch den Kurs nicht anliegen, weil wiederum die Rollbewegung des Schiffes auf Kurs „platt vor‘m Laken“ die Genua rhythmisch zur Seebewegung back stehen lässt. Also ändern wir den Kurs. Statt des erhofften Kurses von 270° schaukeln wir mit 280° bis 310° – und damit Wind schräg von achtern – die Wellen rauf und runter, kreuzen vor dem Wind. Wenn das so weitergeht, wie sollen wir ankommen? So landen wir in Nova Scotia! Wie machen das die anderen? Machen wir was falsch? Den Skipper plagen die Zweifel.
Bei der angekündigten Wetterprognose wird das so bis voraussichtlich Sonntagmorgen weitergehen, dann soll der Wind auf 4 Beaufort abflauen. Nun aber legt er noch einmal richtig zu, weht in Böen mit über 30 Knoten. 3 bis 4 Meter, teilweise 5 Meter baut sich die See auf. Beruhigend wird dabei das Vertrauen in die Seefähigkeit und das hervorragende Wellenverhalten der Aurora Maris. Das Schiff vermittelt uns ein sicheres Gefühl.
Die Wellen kommen von achtern donnernd angerollt, heben das Heck, brechen unter dem Rumpf, lösen sich im Schaum auf. Die nächste Welle kommt ganz leise angeschlichen, türmt sich mit weißer Krone hinter dem Heck auf, hebt selbiges an und gleitet lautlos unter dem Rumpf durch. Im geschützten Cockpit sitzend oder auch hinter dem Steuerstand stehend versucht die Crew permanent die Schiffsbewegung auszubalancieren, das fördert das Wachstum der Seebeine. Dieses nicht geplante, zwangsläufig auferlegte und ausdauernde Training wird noch am gleichen Abend mit ausgeprägtem Muskelkater in den Oberschenkeln quittiert.
Unter Deck erweist sich der Wellenritt nicht nur agil bewegt, sondern zudem auch geräuschvoll. Die Wellen klatschen mit Wucht gegen den Rumpf während der Windgenerator laut heulend zu Hochtouren aufläuft und die Bordbatterien lädt, was das Zeug hält. Töpfe und Tassen schäppern dazu im Takt zur Schiffsschaukel, die CD-Sammlung schunkelt im Schwalbennest (Seglerdeutsch für „offenes Regal“). Wir polstern alle Hohlräume mit Folien, Tüchern und Kissen nach, um Ruhe ins Schiff zu bringen.
Die erste Nacht auf See ist schwarz. Konturlos geht das Meer in den sternenlosen Himmel über. Erst in der 2. Nachhälfte leuchtet uns das Sternbild Orions. Der Mond lässt sich bis kurz vor Sonnenaufgang Zeit, steigt dann als schmale Sichel aus dem Meer empor. Bis zum nächsten Vollmond in ca. 14 Tagen können wir uns also auf dunkle Nächte einstellen, so die Erwartung.
Alles wird gut
Das Wellenreiten wird am Nachmittag unseres 2. Tages auf See ruhiger. Wind und See haben einen Gang runtergefahren. Sanft wiegt uns die Aurora Maris durch die unendliche Weite des tintenblauen, mit weißen Schaumkronen überzogenen Atlantiks. Den Horizont ziert ein dünnes weißes Wolkenband, 360° um die weite See. Über uns wölbt sich die Himmelskuppel hellblau und nicht weniger weit als der Atlantik. Die Sonne scheint. Der Segelanzug wird gegen die kurze Hose getauscht und 2 Tage später ist Badehose angesagt. So kann’s weitergehen.
Die RECIAN ist plötzlich in Sichtweite. 3. Tag auf See. Nach ein paar Meilen ändert sie ihren Kurs. Warum? Gibt der Wetterbericht Anlass? Wir nehmen auf Kanal 16 Kontakt auf. RECIAN; RECIAN; This is Aurora Maris, over. Aurora Maris, this is RECIAN. Over. Change to Channel six. Zero six, bestätigt die Recian, es ist alles o.k. an Bord, man sei nur zu weit nach Nord und weg vom Generalkurs gekommen. Die RECIAN ist eine englische Yacht mit 2er Crew, ca. 32 Fuß und damit rund 1,8 Meter kleinere Yacht. Anscheint hat auch sie noch nicht den optimalen Segelstand gefunden, wie die mäßige Geschwindigkeit und das auf weite Sicht erkennbare Schiffsrollen sichtbar machen. Wenige Stunden später ändern auch wir unseren Kurs. Nun ist es die RECIAN, die sich nach dem Grund und einer möglichen Wetteränderung erkundigt… Eine latente Unsicherheit reist mit.
Wir nehmen Fahrt auf
Bis zum vierten Tag auf See hat der Wind kontinuierlich von anfänglich bis zu 30 auf nun 8 Knoten abgenommen. Die Logge rutscht auf 4,9 Knoten und weniger Fahrt herunter. Der „Regattasegler“ an Bord wird nervös. Irgendwas muss geschehen. Noch laufen wir nur unter Genua, trotz des wenigen Windes gerefft, aber nur so steht das Segel halbwegs stabil. Der Versuch, die ausgerollte Genua auszubaumen, um mit mehr Segelfläche höhere Geschwindigkeiten zu erzielen, funktioniert nicht zufriedenstellend: Baum und Segel passen für diese Zwecke nicht. Das Großsegel lassen wir weiterhin eingepackt, da es in den Wellentälern nur nervig schlagen würde. Aber, wir haben ja noch eine kleinere Arbeitsfock an Bord, angeschlagen am nachgerüsteten 2. Vorstag müsste die Fock als Passatsegel funktionieren. Und tatsächlich: gegen den Wind ausgebaumt an Steuerbord, während wir die Genua weiterhin gerefft an Backbord fahren, steht das Segel wie ein Brett. Die Windströmung aus dem Passatsegel verleiht der Genua zusätzliche Stabilität. Doppelter Gewinn also. Die Aurora Maris nimmt an Fahrt auf: die 5-Knoten-Marke ist genommen, 5 Komma 5, sogar 6 Knoten können wir nun laufen, auch bei Wind um 8 Knoten. Die RECIAN segelt weit am Horizont auf gleichem Kurs, schnell wandert ihre Silhouette nach achtern aus. Der Abend kommt, noch sehen wir ganz schwach ihre Positionsbeleuchtung, dann ist der Abstand so groß, dass wir uns aus den Augen und aus dem Funkbereich verlieren.
In den folgenden Tagen können wir weiterhin unter dieser Besegelung laufen. Der Wind kommt konstant aus östlichen Richtungen, weht sich auf 4 bis 5 Windstärken ein, mal mehr südlich, mal mehr nördlich. So schaukeln wir zwischen dem 17ten und 18ten Breitgrad gen Westen und erleben Segeltage auf dem Atlantik, die man sich nicht schöner vorstellen kann. Ab Montag, 2. Weihnachtstag, sind 20 – 22 Windstärken angekündigt, unwesentlich mehr, und in Böen werden wir sicherlich 6 Beaufort erreichen, aber im Großen und Ganzen sind das gute Aussichten auf ausdauernd zügiges Vorankommen.
Auf ca. 20 Tage haben wir uns eingestellt für die rund 2.100 Meilen lange Etappe. Mit Etmalen von überwiegend 130 Seemeilen kommen wir gut voran. Täglich zur gleichen Zeit um 11.30 Uhr UTC tragen wir unsere Position mit Etmal in die Seekarte ein. Wir feiern das Unterschreiten der 2-Tausender-Marke. Täglich fragen wir uns, oftmals mehrfach: „Wie weit ist es noch?“ Rechnen uns die zurückgelegten Seemeilen vor, berechnen die vor uns liegende Strecke in Meilen und Tagen und stellen immer wieder fest: Das ist alles noch ganz schön weit! Das dauert noch ganz schön lange. Auch nach mehreren Tagen auf See haben wir noch kein Empfinden dafür, wie weit unser Weg tatsächlich ist, suchen immer wieder den Vergleich zu bereits zurückgelegten Etappen: noch 1.500 Seemeilen liegen vor uns, stellen wir am 5. Tag auf See fest, das heißt: zwei Mal die Entfernung des Kapverdentörns … also noch richtig weit.
Sterne, Sternschnuppen und andere phantastischen Phänomene der Nacht
So schön die Tage sind, so phantastisch sind die Nächte. Allabendlich löst der zunehmende Mond die Sonne ab und leuchtet uns den Weg aus, zunächst nur bis Mitternacht, später hält er bis in die frühen Morgenstunden durch. Am Firmament entfaltet sich schnell ein Himmelszelt, das unsere Blicke über die jeweils 3 Wachstunden fesselt. Zunächst steigt Orion achteraus im Osten aus dem Horizont auf, zieht den strahlenden Sirius empor. Nach Norden hin zeigen sich Capella und die kopfstehende Kassiopeia, und oben im Firmament strahlt Aldebaran. Orion begleitet uns durch die Nacht auf unserem Kurs gen Westen, wo er in den frühen Morgenstunden kopflinks ins Meer einzutauchen scheint. Während dessen ist Jupiter, funkelnd strahlend im Osten aufgestiegen, dicht auf den Versen des deutlich kleineren, rot schimmernden Mars.
In allen Nächten suchen wir den Himmel nach bekannten Sternenbildern ab voller Hoffnung, Acrux und das Kreuz des Südens – auf der südlichen Erdhalbkugel das Gegenstück zu unserem großen Wagen und dem Nordstern – zu entdecken. Aufgrund vorheriger Recherchen stehen die Chancen allerdings unserer Erkenntnis nach gering. Am 5. Segeltag, besser gesagt in der 5. Nacht auf See (inzwischen haben wir den 19. Dezember 2017), lichtet sich erstmals der den Horizont umrahmende Wolkengürtel und enthüllt das Kreuz des Südens – toller Augenblick, im wahrsten Sinne des Wortes!
Neben den Sternen hält das Firmament wieder wahre Sternschnuppen-Feuerwerke für uns bereit. Plötzlich, unvermittelt wird es für einen Moment mitten in der Nacht taghell. Irritiert und verunsichert suchen die Augen des Wachführers den Himmel ab und entdecken eine helle Feuerkugel, größer als 3 oder 4 Sternschnuppen zusammen. Einen Moment später ist die Feuerkugel verglüht, zieht jedoch für viele Sekunden eine lange Leuchtspur hinter sich her. Wahnsinn! Ob da ein Satellit die Erdatmosphäre durchbrochen und die Lichterscheinungen verursacht hat? Tatsächlich erlebt auch das 2. Crewmitglied ein paar Tage später ebenfalls ein ähnliches Phänomen.
Das Leben in der Schiffsschaukel
Von der ersten bis zur letzten Stunde unserer Atlantikquerung, von der ersten bis zur letzten Meile auf See, sind wir beständig auf Schaukelkurs. Permanent wiegt sich die Aurora Maris in zumeist sanften Bewegungen Zum Einschlafen und Träumen an Deck oftmals ideale Bedingungen. Für den Smutje in der Pantry bei der Vorbereitung von Mahlzeiten oftmals ein akrobatischer Balanceakt. Um das wilde, unkontrollierte Rutschen und Schwappen von Utensilien, Zutaten, Getränken und Gerichten zu verhindern, hat sich das Arbeiten mit einer Antirutschmatte bewährt. Unser Herd ist halb kardanisch aufgehängt, so dass Kartoffeln, Gemüse und auch Suppen in ihren Behältern bleiben. Nicht verhindern lässt sich jedoch zuweilen ein Überschlag der Müslischale – wie gut, wenn die Milch noch nicht eingefüllt war – das Umfallen der Kaffeekanne – Gott sei Dank war nur das frisch abgefüllte Pulver darin – und diverser anderer Behälter. Selbst wenn das Gefäß der Schaukelei Stand hält, lässt es sich zuweilen nicht verhindern, dass das angerichtete Essen sich verselbständigt und fliegen lernt. Das so ausgelöstes Fluchen ist ein sicheres Zeichen für den Wachhabenden: Es dauert noch etwas mit dem Essen.
Schöne Bescherung
Der 24. Dezember, Heiligabend, naht. Bei hochsommerlichen Temperaturen auf hoher See kommen da weniger Weihnachtsgefühle auf. Aber dennoch begleitet uns der Gedanke an Weihnachten, die Gedanken wandern zur Familie, Freunden und Kollegen, mit denen wir normalerweise das Fest feiern. Und auch mitten auf dem Atlantik – im wahrsten Sinne des Wortes: am Vorabend um 17 Uhr UTC haben wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt – beschleicht uns dann doch das Weihnachtsgefühl. Der Morgen startet für den Smutje nach der Freiwache um 10.00 Uhr UTC in der Weihnachtsbäckerei. Neben Brötchen, die alle 2 Tage an Bord frisch gebacken werden, steht heute eine Apfelweihnachtstorte, gebacken unter einfachsten Bedingungen in der Pfanne, auf dem Programm. Und am Nachmittag schmückt eine kleine Mini-Plastik-Edeltanne nebst hölzerner Miniaturkrippe den Salon. Dazu ein bunter Teller mit Erdnüssen und anderen Leckereien. Und siehe da: 2 kleine Geschenke hat das Christkind den Weltenbummlern beschert. Zur Krönung des Abends dann das Captain’s Dinner: Rinderroulade aus Konserve an Salzkartöffelchen und Prinzessböhnchen! Und bevor die Freiwache in der Koje verschwindet und der Wachhabende sich zum Windpiloten ins Cockpit gesellt ertönt bei Abenddämmerung unter funkelnden Sternen Placido Domingos „Stille Nacht“ aus dem Cockpitlautsprecher. „Silent Night“ stimmt der Chor ein von der stromfressenden CD. Was für ein Weihnachtsfest.
… und das dicke Ende kommt erst noch
Bei Wachwechsel in den frühen Morgenstunden steht zunächst ein Segelmanöver bevor. Dem wachsamen Wachgänger ist die zunehmend höher werdende, Wind ankündigende See nicht entgangen. Bei Decksbeleuchtung bergen wir zu zweit das Passatsegel, verzurren es sicher auf dem Vorschiff an der Reling und setzen die Fahrt mit der leicht zu händelnden Rollgenua fort. Bei Anbruch des Tages dann erkennt der empfindsame Skipper: Irgendwas stimmt mit dem Steuerrad nicht. Irgendwas ist mit der Ruderanlage nicht in Ordnung. Ein Blick nach achtern ins Wasser bringt die Ursache ans Licht: wir ziehen ein Stück Leine, das Ende eines Tampens vermutlich von einem Fischernetz nach uns. Unser 24/7 Bordmechaniker hat auch an Weihnachten Bereitschaft. Er will sich sofort des Problems annehmen und mit Tauchermaske, Schnorchel, angeleint und durch den Co-Skipper gesichert in das blaue Nass abtauchen.
Der Wind hat inzwischen auf 24 Knoten zugenommen. Die See ist sehr bewegt. Wir bergen die Genua, drehen bei und driften nur noch durch das Wasser (bei weiterhin 1,5 Knoten Fahrt über Grund). Die See hebt das Heck immer wieder an. Wir sind uns bewusst, dass das morgendliche Bad durchaus nicht ganz ungefährlich ist und gehen mit entsprechender Vorsicht das Werk an.
Der Bordmechaniker kann bei einem ersten Tauchgang und Blick unter das Schiff durch das glasklare Wasser erkennen, dass sich eine oder mehrere Leinen fest am unteren Ruderblattlager (Skeg) verfangen haben und eingeklemmt sind. Die Antriebswelle und Schiffsschraube sind frei. Weitere Tauchgänge unterbleiben, da die Gefahr, vom Heck bei dem Seegang erschlagen zu werden, zu groß ist. Da keine größere Funktionsbehinderung oder akute Gefährdung des Ruders erkennbar ist, verlagern weitere Maßnahmen zur Problembeseitigung auf ruhigeres Wetter, spätestens vor unserem Landfall im Schutz der Insel.
Die rauhe Seite der Barfußroute: Squalls
Unsere Kurslinie liegt auf der sogenannten Barfußroute. Der Name ist hier Programm: günstige Windbedingungen und angenehme Temperaturen bereiten ideale Törnbedingungen. Wenn da die Sache mit den Squalls nicht wäre. Im Prinzip sind das eine Art Schauerböen. Aus den Erzählungen anderer Fahrtensegler haben wir den Trugschluss gezogen, dass so ein Squall mal auftreten kann, ein Mal in der Nacht oder ein Mal am Tag. Tatsächlich verlaufen unsere ersten Tage auf der Passage gänzlich ohne Squall. Am 4. Tag erleben wir eine Art Mini-Squall: plötzlich ist da am Himmel eine hässliche, überdimensionierte schwarze Wolke, die den Wind verbunden mit einer Richtungsdrehung von ca. 45° und einer kabbeligen See von 5 auf 15 Knoten beschleunigen lässt. Der Spuk dauert eine kurze Weile, dann ist alles wieder gut. Soviel zum Thema Squalls für Anfänger. In den folgenden Tagen und Nächten zeigen die Squalls dann ihr wahres Gesicht: sie kommen bevorzugt nachts, zeigen sich als überdimensionaler schwarzer Schatten achteraus, über dem Heck dann entfalten sie ihre ganze Kraft und lassen den Wind von nun auf gleich beschleunigen.
Der aufmerksame Wachführer erkennt die herannahenden Squalls, nimmt rechtzeitig Tuch weg und reduziert die Segelfläche auf ein Minimum, um den heftigen Böen wenig Angriffsfläche zu bieten. Von nun auf gleich beschleunigt der im Rigg laut pfeifende Wind auf bis zu 40 Knoten. Nur kurz werden wir auf die Seite gedrückt, dann aber richtet sich die Aurora Maris sofort wieder auf und zieht mit Rauschefahrt durch die nun oftmals schwarze See durch stockfinstere Nacht, aus der heftige Regengüsse Schiff und Rudergänger, der sich dem Windpiloten unterstützend zur Seite stellt, um das Schiff vor dem Wind ablaufen zu lassen und ein unvermitteltes Anlufen bei Einfallen der heftigen Böen verhindert. Dicke Regentropfen fallen prasselnd vom Himmel und trommeln förmlich die dicken Salzkristalle aus den verkrusteten Fasern der Segelgarderobe von Schiff und Crew. So haben dann auch die Squalls ihr Gutes, es geht doch nichts über ein süßwassergeduschtes Dress.
Es gibt Nächte, da folgt ein Squall dem nächsten. Auch kann sich dieser Kampf während des Folgetages und auch in einer weiteren Nacht fortsetzen. Oftmals erlebt der Wachführer diesen Spuk gleich 3 oder 4 Mal während einer Wache und bekommt die Naturgewalten im Stundentakt zu spüren. Gemein, wenn sich kurz vor Wachwechsel und entsprechend großer Vorfreude auf den bevorstehenden Schlaf noch einmal ein windpraller Squall mit heftigem Regenguss über dem müden Wachgänger austobt. Bitte nicht schon wieder. Es reicht!
Besonders arg empfindet der Wachgänger Squalls, die während seiner 2. Wache auftreten: nach 3 Stunden Schlaf – die Zeit ist brutto: Einschlafen, Aus- und Einkleiden, Kaffee zum Aufputschen gehen von der 3-Stunden-Freiwachzeit ab! Häufig bleibt es leider auch nur beim Augen-Yoga, wenn Geräuschkulisse und Schaukelei den Schlaf verhindern … nach idealerweise 3 Stunden Schlaf also hat sich dennoch so viel Müdigkeit aufgestaut, dass insbesondere in dieser Wache der Kampf mit der Müdigkeit gegen den Schlaf bei verminderter Aufmerksamkeit und reduzierter Reaktionsfähigkeit bestimmend ist. Ganz übel ist es dann, wenn der Wachgänger die ankündigen Vorzeichen des herannahenden Squalls im Dusel nicht wahrnimmt und von einer einfallenden Bö bei voller Segelfläche förmlich überfallen wird. Während die Aurora Maris in den Wind schießt, mit beschleunigter Fahrt die Wellentäler hinabrauscht und die Windbö die einfallende und wieder füllende Genua laut polternd mit enormer Gewalt am Rigg zerrt wird die Freiwache unkontrolliert durch die Koje katapultiert, findet sich dann oftmals orientierungslos auf allen vieren in der Kabine wieder. Alarmiert und aufgeschreckt, was da oben an Deck gerade abgeht, eilt sie in’s Cockpit um beim Reffen des Segels zu unterstützen.
Genau so plötzlich wie sie gekommen sind, verlassen die Squalls wieder die Szene. Der Himmel zeigt sich wieder strahlend blau mit weißem Wolkenband am Horizont oder des nachts entsprechend sternenklar. Der Der Wind kommt wieder mit 20 Knoten von achtern. Unter optimalen Bedingungen reicht der Strom erzeugt durch Windgenerator und Photovoltaikmodule nicht nur für eiskalte Getränke sondern auch für stromfressende Musik von der CD. Dann swingt die Aurora Maris zu Sammy Davis Jr. und Mr. Bo Jangles durch die See, rockt zu den Scorpions, tänzelt zu Jo Cocker & Co. und wiegt die Crew sanft durch die See. Eingelullt, den Blick gebannt auf die unendliche Weite des Ozeans gerichtet, sind das Momente, die schöner nicht sein können. So kann’s weitergehen… aber ein kurzer Zwischenstopp, mal eben rechts ranfahren, das Schiff anbinden, die Beine an Land vertreten, duschen und einmal 8 Stunden am Stück schlafen, bevor es zur nächsten Etappe weitergeht… das wäre schon klasse!
2.110 Seemeilen, das sind schon eine Hausnummer, die man auch aushalten muss. Körperliche Anstrengung gepaart mit dauerhaftem Schlafdefizit summieren sich auf und sind die Kehrseite der zweifelsohne schönen Momente des Blauwassersegelns. Wir haben Leute kennengelernt, die zum wiederholten Mal den Atlantik queren, dann aber oftmals mit größeren Crews. Für uns bezweifeln wir eine Wiederholung. Wir bewundern die Einhand- und Regattasegler oder auch die Teilnehmer des Volvo Ocean Races und Vendée Globes, die unter härtesten Bedingungen höchste Strapazen auf sich nehmen.
Land in Sicht
Und ist es dann so weit… endlich: Land in Sicht! Bereits seit Weihnachten, Heiligabend, sind wir uns sicher, zumindest ziemlich sicher, Antigua noch in diesem Jahr zu erreichen. Wir haben alle 5, 6 Tage die Gribdaten (Wetterinformation via E-Mail-Response über das Iridium GO! Satellitentelefon vom sich als sehr zuverlässig erwiesenen amerikanischen Wetterdienst NOAA) abgerufen und können von 17 bis 22 Knoten Wind aus östlichen Richtungen ausgehen, die uns mit durchschnittlich rund 6 Knoten Fahrt pünktlich zum Silvesterfeuerwerk bringen werden. Am Sonntag, 31. Dezember 2017 um 12.10 Uhr Weltzeit sehen wir am grauen Horizont im Dunst der gerade vorbeiziehenden Squalls die Konturen der hügeligen Karibikinsel Antigua.
Die Nacht hatte es noch mal so richtig in sich: kein Stern am Firmament, nur das diffuse Licht des Fast-Vollmondes hinter dunklen, dicken Wolkenungetümen, Squalls ohne Ende, einer heftiger als der andere. Dann nach Tagesanbruch Schaukelei bei schlagenden Segeln durch Flautenlöcher mit rundherum weiterhin herannahenden Squallwolken. 2 Komma 5 Knoten Fahrt, Wind mal aus Süd, dann sogar West, zwischendurch fast Nord und mit Annäherung des Squalls – ja, wir sehnen uns ihn jetzt sogar herbei, damit er uns den für den Landfall notwendigen Wind bringt herbe – Wind aus Ost. Schon nehmen wir bei 27 Knoten Wind Fahrt auf. Aus eben noch 19 Seemeilen Distanz zum Zielhafen werden schnell 17, 15, 13 Seemeilen.
Die Konturen der grünen (!) Insel werden deutlicher. Bunte Felsenküste, die sich seicht zum Meer neigt, das sich mit weiß aufsteigenden Seen an dem bunten Gestein bricht. Wir blicken in tiefe Buchten. Bald sind wir in Sichtweite des mit Falmouth zusammen zur internationalen Segelszene zählenden English Harbour. Um 16.30 Uhr UTC laufen wir vorbei an den Hercules Pillars, einer imposanten Felsformation, und den Relikten der alten Festungsanlage Nelson’s Dockyard, im Fahrwasser unter Maschine den geschützten Ankerplatz Freeman’s Bay an.
Ja, wir haben es gewagt, den Motor zu starten, trotz des dicken Endes (Segeldeutsch für Tampen, Leine), das wir immer noch verklemmt im Ruderblatt hiner uns herziehen. Wir setzen darauf, dass sich bei der Fahrt durch’s Wasser der Tampen geradwegs achteraus hält und somit nicht in die Schiffsschraube gelangen kann. Im ausgewählten Ankerplatz tummeln sich bereits viele Ankerlieger, die besorgt unser Ankermanöver beobachten, fürchten sie doch durch unsere Nähe zu den benachbarten Booten Kollisionsgefahr. Keine Sorge, beruhigen wir sie. Wir sind gleich wieder weg, wollen nur unseren Tampen loswerden.
Der Anker fällt auf 7 Meter Tiefe. Schnell die Schnorchelausrüstung klar machen und dann rein in das badewannenwarme blaue Nass. Den Tampen verlängern wir mit einer Leine, die wir über die Ankerwinsch dicht holen und so mit einem beherzten Ruck die missliche Situation beenden können.
Wir verholen uns einige Yards an einen sicheren Ankerplatz umrahmt von bewaldeter Hügellandschaft, aufgelockert mit Palmen und hübschen Häusern, ganz im englischen Stil – der Name ist Programm. Nach gut 2.110 Seemeilen im Kielwasser, 16 Tagen und 5 Stunden auf See empfinden wir eine tiefe Müdigkeit und gleichzeitig ein unendlich gutes Gefühl: We did it!
Unter dem bunten Silvesterfeuerwerk vor der Silhouette der Segelboote und Mega-Yachten der Marina von English Harbour feiern wir unsere Atlantikquerung, die wir im Prinzip unter Idealbedingungen durchgeführt haben. Dennoch sind platt und müde. Aber wo kann man sich besser regenerieren, wenn nicht in der Karibik?
Fotostrecke: Atlantikquerung
Hallo ihr beiden Weltenbummler,
das Daumendrücken hat sich gelohnt. Super das ihr euren Traum erfüllt und eure Atlantiküberquerung geschafft habt !!!! Wir wünschen euch einen tollen Start ins neue Jahr und das ihr in der Karibik noch viel erlebt.
Viele Grüße
Heike und Reinhard
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wow! Respekt! Herzlichen Glückwunsch!!! Ich wünsche ein gutes Neues Jahr 2018.
Herzliche Grüße aus dem „trüben MS!“ KPK
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Super, Respekt, freuen uns, dass Alles gut geklappt hat und Sie gesund und munter angekommen sind! Hoffentlich mal auf einen Kaffee in Münster!
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Hallo Andrea, Hallo Christoph, wir wünschen Euch ein Gutes, Gesundes Neues Jahr mit tollen Erlebnissen. Wir waren in Gedanken immer wieder bei Euch. Klasse, dass Ihr die Überfahrt in dieser kurzen Zeit hinbekommen habt und Das neue Jahr bereits vor Anker liegend genießen könnt. Alles Liebe, Harald und Karin
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Hallo Andrea, hallo Christoph,
super. Respekt wer´s selber macht. Nach der anstrengenden Überfahrt habt Ihr Euch die
Belohnung (Karibik) wirklich verdient. Wir wünschen Euch ein frohes und gesundes 2018
und weiterhin viel Glück.
Tina & Willi
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Ahoi Ihr Beiden!
Helm ab -nicht zum Gebet-, nein aus Respekt vor der erfolgreichen Erfüllung Eures Traums!!!!
Nun seid Ihr ja gut nicht nur im Neuen Jahr, nein auch am Traumziel angekommen.
Ich wünsche Euch zum Neuen Jahr Gesundheit, Glück und Erfolg beim Erreichen Eurer weiteren Ziele in diesem Jahr. Vor allem eine gesunde Wiederkehr in der Heimat (oder habt Ihr schon eine andere lebenswertere Heimat kennengelernt?).
Mit respektvollem „Ahoi! nach Drüben“ grüßt aus dem regnerischen Münster
Peter.
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Hallo ihr Beiden, Glückwunsch ! EIn gesundes 2018.
Annette und Thomas
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Hallo Andrea, hallo Christoph,
auch wir haben oft an euch gedacht und gehofft, dass alles gut ausgeht. Es hat geklappt! Super! Wir wünschen euch ein frohes und gesundes neues Jahr und das weiterhin alles so klappt, wie ihr es euch vorstellt. Liebe Grüße Silvia und Andreas
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Hallo Herr N.,
herzlichen Glückwunsch!
Sie heben es drauf!
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau weiter alles Gute für das neue Jahr!
Franz-Josef Heiming
LWL-Klinik Lippstadt
(PS: Das neue BHKW läuft!)
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Herzliche Glückwünsche
zur erfolgreichen Atlantiküberquerung.
Eure Reiseberichte lassen sich von einem
Bestseller kaum unterscheiden – einfach super geschrieben.
Weiterhin alles Gute und – irgendwann – erfolgreiche
Rückreise.
Dieter
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