Landgang & Segeln in einem Hotspot der internationalen Seglerszene.
Angekommen in der Karibik fängt das neue Jahr für uns gut an: wir haben einen wesentlichen Meilenstein erreicht und fahren nun einen Gang runter. Wir lassen die karibische Mentalität auf uns überspringen und gehen die nächsten Tage ganz relaxt an. Kein 3-Stunden-Wachrhythmus mehr, endlich wieder einmal Ausschlafen, festen Boden unter den Füßen. Die Aurora Maris liegt in English Harbour, in Nelson’s Dockyard sicher vor Anker, eingerahmt von einer saftig grünen Hügellandschaft, und wir können ganz entspannt im „Land of Sea and Sun“ (wie es die KFZ-Kennzeichen der Locals versprechen) auf Entdeckungsreise gehen.
Mega-Yachten und mehr
Antigua ist das Seglermekka schlechthin: hier trifft sich alljährlich die internationale Seglerszene, um beispielsweise die Antigua Sailing Week auszutragen. Wir sind umgeben von Megayachten, die an Größe und Schönheit nur schwer zu toppen sind. Geeignet der Crew der Aurora Maris Minderwertigkeitskomplexe zu vermitteln. Eingebettet ist die Szenerie in Nelson’s Dockyard, dem historischen Juwel Antiguas, so die Reiseliteratur. Im 18. Jahrhundert hat hier Lord Nelson die englische Schiffsflotte geschützt vor Stürmen und sicher vor Angriffen für große Fahrt vorbereitet. Heute ist die Anlage Museumsgelände, auf dem Bars, Restaurants und Souvenirboutiquen angesiedelt sind – aber auch das Immigration Office, versteckt in einem der historischen Bauwerke.
Die Pflicht ruft: Einklarieren!
Vor lauter Faszination wäre uns fast durchgegangen, dass wir binnen 24 Stunden persönlich im Immigration Office erscheinen und einklarieren müssen. Anders als in Europa interessiert man sich hier weniger für den Versicherungsnachweis des Schiffes; hier geht es vielmehr um Crewmitglieder und Passagiere an Bord. Dahinter steht die Sorge, dass Menschen ein- oder ausgeschmuggelt werden könnten. Das Procedere des Einklarierens nimmt einige Zeit in Anspruch: zunächst Crewliste, Schiffsdaten, Informationen zu Waffen und Alkoholika an Bord beim Zoll melden. Mit einem Stapel Papier geht’s dann zum benachbarten Immigrations-Schalter. Eine nette Dame in Uniform kontrolliert die zuvor ausgefüllten Formulare, stellt ein paar Fragen: What colour has your boat? Which material? What was your last port? Did you caught a big fish? Your first time in Anitgua? Nur freundliche Konversation oder steckt hinter den Fragen mehr? So oder so, wir haben scheint’s den Test bestanden, sie stempelt alles ab und schickt uns zurück zum Zoll. Dieser wiederum stempelt und unterzeichnet ebenfalls die Formulare und verweist uns zum nächsten Schalter, der Port Authority. Hier werden wir dann zur Kasse geben: umgerechnet rund 40 Euro sind für das Einklarieren inklusive Gebühren für den National Park und Hafengeld zu zahlen. Unerwartet günstig. Das zahlen wir doch gerne.
Nach dem Pflichtprogramm schlendern wir über das museale Gelände mit prachtvollen Palmen und historischen Bauten ganz im viktorianisch englischen Stil. Am Neujahrstag geht es hier beschaulich zu.
Unterwegs im Land of Sea & Sun
Wir wollen Land und Leute kennenlernen und unternehmen am nächsten Tag eine Radtour in das unmittelbar angrenzende Falmouth. Am Wegesrand lungern entspannt Rastermen, alle mit breitem Grinsen auf dem Gesicht und einem freundlichen „Hello“ für uns. Man sieht ihnen ihr einfaches, bescheidenes Leben an – mit dem sie offensichtlich zufrieden sind, sonst hätten sie kaum diesen entspannt lächelnden Gesichtsausdruck. Sobald wir Nelson’s Dockyard verlassen haben, prägen Nobelvillen neben einfachen, bunten Bretterhütten das Straßenbild. Autos flitzen durch die Straßen, alle im Linksverkehr und gerne hupend – ohne erkennbaren Anlass, scheinbar einfach nur so, immer mit freundlich grüßendem Fahrer.
Alles hat seinen Preis
Wir machen Marktforschung im Supermarkt, wollen die Lage checken und eruieren, ob wir unsere Vorräte hier aufstocken können. Die Kinnlade fällt uns runter, als wir die Preise sehen: ein Hähnchen, tiefgekühlt und ohne weitere Zubereitung, für umgerechnet 33 Euro. Zugegeben, der Gockel ist schon ein Prachtexemplar, aber der Preis ist dennoch selbstbewusst. Auch der Blumenkohl, der uns aus dem Kühlregal anlacht, hat seinen Preis: 9 Euro. So geht das weiter: wir schauen uns das Rindfleisch an, das mit ca. 10 Euro pro 250-Gramm-Scheibe ausgezeichnet ist. Das örtliche Bier, angeboten in Flaschen von ca. 270 ml, reicht gerade für den hohlen Zahn und schlägt mit 1 Euro aufwärts zu Buche. Unseren Einkauf beschränken wir auf ein Minimum und vertagen das Verproviantieren bis auf weiteres. Zurück an Bord nehmen wir mit niederländischer Knackworst aus der Dose und frischen kapverdischen Kartoffeln zubereitet nach deutscher Art vorlieb.
Das Preisniveau, im Schnitt 2 bis 3 Mal so teuer wie in Deutschland, überrascht uns nicht wirklich, wussten wir doch, dass auf den Inseln kaum Landwirtschaft existiert und alle Produkte eingeführt werden. Überrascht waren wir dann aber in der Wäscherei, als wir erfahren, dass hier nicht mit warmem sondern nur kaltem Wasser gewaschen wird…. Nun denn, Hauptsache das Salz kommt aus den Klamotten raus.
Auf und unter Wasser
Nach 5 Tagen zieht es uns wieder hinaus auf’s Meer. Bei Glattwasser segeln wir in kurzen Etappen von nur wenigen Meilen im Uhrzeigersinn gen Norden, dicht unter Land mit Blick auf Palmen-Strände und saftig grüne Hügellandschaft. Antiguas Küste ist sehr zerklüftet. Zahlreiche Buchten warten mit idyllischen, teils nahezu einsamen Ankerplätzen. An anderen Plätzen – Orten, wo das Ein- und Ausklarieren möglich ist, beispielsweise wie das moderne Jolly Harbour, tummeln sich Yachten dicht bei dicht. Wir wollen St. John, die Hauptstadt im Norden anlaufen, verwerfen unsere P.läne jedoch bei Ansteuerung des Hafens: hier liegen vor karibisch bunten Häusern große Kreuzfahrtschiffe, von Land dringt lauter Verkehrslärm und aus den Bars laute Musik zu uns herüber. Die ganze Atmosphäre ist uns nicht geheuer. Eine Marina gibt es nicht. Ein geschützter und sicherer Ankerplatz ist nicht gegeben. Nein – wir drehen ab, segeln zurück und suchen uns einen idyllischeren Platz.
Das Wasser ist türkisgrün bis tiefblau bei Temperaturen von geschätzt 24° C. Dazu haben wir 25° C Lufttemperatur, die auch nachts kaum abkühlt. Beständig weht der Wind mit 4 bis 5 Beaufort, in Böen auch mehr. Zuweilen zeigt sich das Wetter aprilmäßig launisch und schickt uns immer wieder heftige Regenschauer, nicht von langer Dauer aber doch sehr ergiebig und begleitet von Regenbögen. Mit Tauchermaske und Schnorchel erkunden wir die bunte Unterwasserwelt: gelbe Fische mit schwarzen Streifen, weiße mit dickem blauem Punkt, leuchtend blaue … es gibt viel zu schauen.
Nachts, wenn an Land Ruhe einkehrt (gegen 22.00 Uhr UTC, Ortszeit 18.00 Uhr geht die Sonne unter) stimmen Grillen und anderes Getier in ein lautes Zirpkonzert ein, in das sich oftmals die Musik der Steel Drums aus fernen Bars mischt.
Wieder auf See
Nach 8 Tagen zieht es uns weiter… wohin? Die Frage beschäftigt uns seit unserer Ankunft in der Karibik: Hurrikan Irma und Maria haben im letzten September die Inseln der nördlichen Karibik verwüstet und Infrastruktur zerstört. Antigua ist verschont geblieben, doch schon die Nachbarinsel Barbuda ist so schwer getroffen, so dass sie auch heute nicht angelaufen werden kann. Auf unserem Plan standen daher die weniger touristischen und ebenfalls kaum vom Hurrikan betroffenen Inseln St. Kitts und Nevis, nordwestlich von Antigua. Nun erfahren wir, dass sich St. Barthélemy bereits erholt hat. Die Insel ist französisch geprägt und soll laut Revier- und Reiseführer zu den exklusivsten Karibikinseln zählen. Das wollen wir uns ansehen, zumal die Insel direkt auf der Kurslinie Richtung Bahamas liegt.
Mit rund 75 Seemeilen Entfernung steht ein Nachttörn auf dem Programm, da eine Ansteuerung der Insel unter den gegebenen Umständen bei Dunkelheit nicht ratsam ist.
Kurs Nord-Nord-West
2 Stunden nach Sonnenuntergang, gegen 20.00 Uhr Ortszeit, heißt es für uns Anker auf! Bei zunächst schwachem später dann auf 6 Beaufort auffrischendem achterlichem Wind segeln wir gen Nord-Nord-West und verlassen damit die südlichste Breite (17° Nord) unserer Atlantikreise. Mit jeder Meile, die wir uns von Land entfernen, nimmt die Welle zu. Schon bald sind wir wieder auf Schaukelkurs und leben wieder unseren 3-Stunden-Wachrhythmus. 15 Stunden später landen wir auf der Insel St. Bart an…
Fotostrecke: Antigua – Land of Sea & Sun
Sind gespannt auf weitere Berichte!
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Ahoi nach drüben!
danke für den sehr lebhaften und mitreissenden Bericht Eures Aufenthaltes in der Karibik. ja, es ist schon erstaunlich, wie viele und wie große Megayachten auf den Meeren unterwegs sind.
Die Fotos geben einen beeindruckende Blicke in die karibische Fauna und Flora.
Weiterhin erfolgreiche Törns wünscht Euch
Peter
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