Segeln in den British Virgin Islands.
Die BVIs sind nur eine Nacht von St. Martin entfernt. Am späten Nachmittag (es ist Samstag, der 13. Januar 2018) klarieren wir im Immigration Office von Marigot aus und verholen uns dann in die Marina Fort Louis, um unseren 320 l fassenden Wassertank randvoll zu füllen. Wer weiß, wann wir wieder Gelegenheit zum Bunkern haben. Um 21.30 Uhr UTC (Ortszeit 17.30 Uhr) legen wir ab, um nach 77 Seemeilen auf Vorwindkurs, nur unter Genua bei 4 bis 5 Beaufort aus Ost, pünktlich zum Tagesanbruch Virgin Gorda in den BVIs anzulaufen.
Unser Plan geht auf. Der nächtliche Törn verläuft ohne besondere Vorkommnisse, nur wenige, milde Squalls und ein paar Wolken, ansonsten zeigt sich wie gewohnt der mit Sternen überzogene nächtliche Himmel. Die See ist leicht bewegt und die Aurora Maris schaukelt uns sanft auf 2000 Meter Wassertiefe durch die Anegada Passage, vorbei an der rund 30 Meter flachen Barracuda Bank, unserem Ziel entgegen.
Virgin Gorda ist die größte und (neben Anegada) östlichste der British Virgin Islands, deren Nature’s little Secrets – so verheißen es die Insel-Kfz-Kennzeichen – wir entdecken wollen. Die Ansteuerung von Nord-Osten stellt uns doch tatsächlich seit Wochen (oder Monaten?) erstmals wieder vor eine (kleine) navigatorische Herausforderung: dem North Sound vorgelagert ist ein Riff mit brandender See, unterbrochen von einem ca. 200 Meter breiten und mit wenigen Tonnen gekennzeichneten Durchlass. Den müssen wir treffen. Die Sicht ist gut, auf den Kartenplotter ist Verlass und den Rest macht die Augapfelnavigation. Bei Wassertiefen laut Karte von 3,4 Meter und Echolot-Angaben von 2,5 Meter setzen wir die Fahrt, Andrea auf dem Bug Ausschau haltend, durch den idyllischen North Sound – dem Mekka der BVIs, so der Revierführer – fort.
The Bitter End – Nomen est Omen
Hurrikan Irma hat auch hier gnadenlos gewütet. Palmen und Bäume sind zerzaust. Restlos zerstört sind sämtliche Häuser, Feriendomizile, Hotelanlagen und Restaurants, die hier die Uferlinie säumen und sich die Berghänge hinaufziehen. Der in der Seglerszene bekannte Yachtclub und die Marina „The Bitter End“ sind förmlich vernichtet: Dächer fortgeweht, Wände zerstört, Anlagen verwüstet. Ein ähnliches Bild zeigt sich auf dem vorgelagerten Inselchen Saba Rock, auf dem eine Hotelanlage mit exzellentem Restaurant in der Vergangenheit Besuchermagnet war.
Unter Maschine setzen wir unseren Weg gen West-Süd-West in Richtung der kleinen Ansiedjung Gun Creek fort, wo wir im Immigration Office einklarieren wollen. Schon von weitem zeigt der Blick durch das Fernglas: hier brauchen wir erst gar nicht vor Anker zu gehen: Türen und Fenster des Gebäudes stehen offen, die Fensterläden hängen schief, das Dach ist zerstört… da wird wohl kein Officer anzutreffen sein. (Das Einklarieren holen wir in den Folgetagen in Spanish Town, auf der Westseite von Virgin Gorda nach. Alles kein Problem, die Locals machen keinen Stress.)
Wir drehen ab, gehen mit Nord-Kurs zum knapp 1 Seemeilen entfernten Inselchen Prickley Pear Island und lassen den Anker auf 5 Meter Tiefe in türkisblauem Wasser fallen. Um unser Schiff schwimmt eine Riesenschildkröte. Jetzt aber rein ins Wasser und erst mal schnorcheln. Mal schauen, was die Unterwasserwelt zu bieten hat. Unter dem Rumpf der Aurora Maris lungern ein paar Fische, metergroß – im ersten Moment denken wir an kleine Haie. Sie erweisen sich als harmlose Kerle, wollen lediglich von den Muscheln, die sich zwischenzeitlich am Rumpf angesetzt haben, naschen. Das soll uns nur recht sein. Optimistisch halten wir unsere Schleppleine mit Angelhaken aus, freuen uns auf Fisch vom Grill. Mangels Erfolg bleibt es am Abend dann bei gegrillter Knackworst aus Holland an provenzalischen Kartoffelscheiben und Zucchini mit Parmesan. Auch lecker.
Im Zick-Zick-Kurs durch die BVIs gen Westen
Für die nächsten 7 Tage verweilen wir in diesem Revier und segeln in Tagesetappen von selten mehr als 10 Seemeilen im Zick-Zick-Kurs bei konstantem Ostwind von 3 bis 4 Beaufort durch den nur 25 Meter tiefen und ca. 2 bis 3 Seemeilen breiten Sir Francis Drake Channel zwischen den zerklüfteten, hügeligen, grün bewaldeten Inseln und Inselchen. Hier gibt zahllose Buchten mit schier endlosen Ankermöglichkeiten. Zuweilen sind auch Mooringe ausgebracht. Wir lernen bald, dass für diese Mooringe teilweise eine Fee von 30 US $ fällig ist. Ankern dagegen ist kostenfrei.
Die Infrastruktur in den Buchten der BVIs ist weitestgehend zerstört. Wo vor dem Hurrikan Restaurant-Betrieb mit Partystimmung dominierte, herrscht nun idyllische Ruhe und Beschaulichkeit. Nicht Hunderte von partyfreudigen Yachties tummeln sich hier – wie der Revierführer schreibt – selten kommen mehr als 5 bis 10 Schiffe zusammen. So erschließt sich ein für uns traumhaftes Segelrevier von phantastischer Schönheit: grüne Hügel, kleine Buchten mit feinen Sandstränden und Palmen, türkisgrünes Wasser, hochsommerliche Temperaturen bei frischer Brise, konstanter Wind in Richtung und Stärke. Keine Flachs (sofern man Abstand von den Inseln hält), keine Strömungen. Rundumsorgloses Segeln in seiner schönsten Form. Alltäglich bereiten ein bis zwei zuweilen kräftige Regenschauer eine Süßwassererfrischung. So lässt es sich leben!
Als Selbstversorger kommen wir hier wunderbar klar. Den Versuch, unsere Vorräte – zumindest was Brot und Fleisch betrifft – aufzustocken vertagen wir bis auf weiteres: die Lebensmittelpreise im Supermarkt auf der Insel Tortola schrecken uns ab: 1 kg Haferflocken fast 8 US $, ein müdes Toastbrot für 4,75 US $, auch das Fleisches steigert nicht den Appetit, hier interessiert dann auch nicht der Preis. Vorsichtshalber haben die Locals ohnehin die wenigsten Waren mit Preisen ausgezeichnet. So hoffen wir weiter auf mehr Glück beim Angeln und setzen auf vegetarische Küche.
Naturphänomene aus Felsgestein, Höhlen & Grotten, muschelübersäte Strände
Im Süden der Insel Virgin Gorda warten „The Baths“ auf uns, ebenfalls eines dieser little Secrets, die die Natur bereit hält: Riesige Felsformationen, überdimensional großen Kieselsteinen gleich, erheben sich aus dem Meer, liegen am Strand und ziehen sich hunderte von Metern ins Inselinnere hoch. Vom Meer aus kommend können wir uns lediglich dem Strand mit dem Dinghy nähern, müssen es dann vor dem Nationalpark an einer Mooring zurück lassen und die restlichen Meter bis zum Strand schwimmen. Auf unbefestigten Wegen klettern wir zwischen den Rockies, waten durch flaches Gewässer, wandern durch Höhlen vorbei an den vom Meer glatt polierten Felswänden. Wir sind schon ziemlich beeindruckt von diesem zuweilen atemberaubendem Naturphänomen.
Felsen, schroff und vom Meer ausgehöhlt, erwarten uns nur wenige Meilen weiter südwestlich auf Norman Island. „The Caves“ sind nur auf dem Wasserweg erreichbar. Dicht unter Land nehmen wir eine der Moorings. Außer uns verweilen nur eine Handvoll Boote an diesem laut Reiseführer ansonsten überfüllten Ort. Mit dem Dinghy setzen wir über zu den Höhlen und paddeln in eine der Grotten hinein. Das nur wenig bewegte Wasser sorgt für geringen Schwell. Wir halten uns mit den Paddeln von den Felswänden ab und genießen die Stille nur unterbrochen durch das Gluckern der an den Felswenden reflektierenden Wellen. Die Nachmittagssonne sorgt für Farbenpracht. Eigentlich sollte man hier noch verweilen, aber: es gibt ja noch so viel mehr zu entdecken.
Trellis Bay auf Beef Island, auf der anderen Seite des Sir Francis Drake Channels, findet in den Reiseführern Erwähnung wegen der Vollmondparties. Auch jetzt zelebriert die Bar in unmittelbarer Nachbarschaft der vom Hurrikan verwüsteten Häuser und an den Strand geschleuderten Yachten wieder ihre Parties mit Feuerkugeln, Stelzenläufern und Musik.
Was uns jedoch anzieht ist der menschenleere Palmen-Strand. Wieder gehen wir mit der Aurora Maris an eine der weitestgehend unbelegten Moorings, setzen mit dem Dinghy über und fühlen uns wie auf einer einsamen Robinson-Crusoe-Insel. Wir wandern entlang des Wassergürtels durch den weißen weichen Sand. In dem seichten, glasklaren Wasser schwimmen bunte Fische. Die Flut hat unzählige Korallen und leere Conch-Muscheln, von denen einige als Souvenir in unserem Schriffsrumpf landen, an den schmalen von einem Waldgürtel umsäumten Strand gespült.
Foxy’s Bar
Bevor wir die BVIs verlassen, wollen wir in Foxy’s Bar auf Jost von Dyke, ganz im Westen der Inselgruppe, einkehren. Sir Foxy hat es mit seiner Bar, die ihren Ursprung in den 60er Jahren hat, zu weitem Ruhm gebracht. Auch heute floriert diese Bar und lockt die Yachttouristen an: bis zu 50 Boote finden sich hier am Abend ein, um am Barbeque teilzunehmen. Auch wir schlemmen für 30 US $ von den kulinarischen Köstlichkeiten – es gibt Spare Rips, Chicken und Mahi Mahi (Fisch) – bei Musik aus den 80ern. Die Atmosphäre ist urig: An den Decken und Wänden hängen T-Shirts und Mützen der Segler, die hier in den vergangenen Jahrzehnten eingekehrt sind.
Jost van Dyke besteht nur aus ein paar Dutzend bunten Häusern, die sich malerisch in die kleine von bewaldeten Hügeln umsäumte Bucht einfügen. Gleich hinter dem feinen Sandstrand schlängelt sich die Hauptstraße des Ortes – ebenfalls nur aus festem Sandbelag bestehend – um die Bucht herum. Die Dorfbewohner leben scheint’s ausschließlich vom Tourismus: ein paar Stände mit Gebäck und Getränken, ein paar Bars und Restaurants, das war’s auch schon. Die meisten Häuser sind dachlos – so auch die Behausung des Immigration Office – überall stehen Betonmischer bereit, die Aufbauarbeiten laufen auf Hochtouren und das Geschäft läuft weiter. Die Palmen am Strand sind nahezu restlos geköpft aber überall finden sich kleine, neu angepflanzte Kokusnusspalmen. Es wird eine Weile dauern, aber dann wird Jost van Dyke wieder ein Bilderbuchdorf sein. So oder so, den Charme versprüht der Ort auch so. Und auch die Locals haben ihren Charme, tragen alle dieses zufrieden breite Lächeln im Gesicht.
Ein kleiner Vorgeschmack auf die Bahamas… Riffansteuerung
Zum Frühstück verholen wir uns am nächsten Morgen nach dem Ausklarieren in die nur 1 Seemeile entfernte White Bay. Bei der Ansteuerung bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack auf die Bahamas: der Bucht vorgelagert ist ein Riff mit brandender See. Wir bergen die Genua, steuern unter Maschine die nur wenige Meter breite Zufahrt zwischen den Riffen an. Andrea steht auf dem Bug, versucht die Farben des Wassers zu lesen: dunkelblau ist sehr tief, türkisblau unter 5 Meter Wassertiefe, sandgelb unter 2 Meter Wassertiefe. Das Nadelöhr, das den Weg in die Ankerbucht frei gibt, ist zum Glück mit 2 Tonnen gekennzeichnet, es kann also nicht viel schief gehen. Als das Echolot dann doch nur noch 2,2 Meter Wassertiefe anzeigt (die Aurora Maris hat 1,75 Meter Tiefgang) steigt dann doch der Adrenalinspiegel. Maschine auf volle Fahrt zurück! 2. Anlauf. Der Anker fällt direkt neben der grünen Tonne auf 2,7 Meter Wassertiefe. Schnell eine Runde schwimmen, eine Süßwasserdusche… Kaffee und Brötchen gibt’s unterwegs: nicht nur der unsichere Ankerplatz, auch die vom Strand herüberschallende Ballermannmusik drängen uns zur Weiterfahrt. Wir bekommen eine leise Ahnung, wie es in den BVIs in der Hauptsaison normalerweise zugeht…
Weiter geht’s…. Plan B
Unsere Reise geht nach einer traumhaftschönen Woche in den BVIs am Sonntag den 21. Januar 2018 weiter. Nächstes Etappenziel: Die Bahamas. Die aktuelle Wetterankündigung verheißt jedoch zum Ende Woche Starkwind. Mangels Häfen und sicherer Ankerplätze auf den östlichen Bahamas modifizieren wir unseren Törnplan und werden einen Zwischenstopp in der rund 270 Seemeilen entfernten Dominikanischen Republik einlegen. Und wir sind sehr gespannt auf das, was uns hier erwartet, insistiert doch unser Revierführern in roten Lettern: Do not miss this!
Fotostrecke: Segeln in den BVIs
Ahoi!
Die Leser Eurer erlebnisreichen Berichte erleben hautnah mit, welche Macht die Natur hat. Ihr berichtet zum einen über die schöne Fauna und Flora bei herrlichem Wetter und zum anderen über die „Hinterlassenschaft“ des Sturms Irma.
Weiterhin viel Glück und Erfolg beim Erreichen Eurer Ziele und dabei immer die Handbreite Wasser unterm Kiel wünscht Euch mit herzlichem Dank für Eure Berichte und Gruß
Peter.
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