Segeln in den Bahamas: Great Inagua – Long Island – Exumas – Nassau.
Flamingos in Great Inagua, Haie in Staniel Cay, Schildkröten in den Mangroven von Shroud Cay und nicht zu vergessen: schwimmende Schweine am Pig Beach von Big Majors Spot – das Tollste an den Bahamas aber sind diese unglaublichen Farben. Je nach Wassertiefe erscheint das Meer mal dunkelblau, mal grün, mal türkis oder eben sandfarben-transparent und immer christallklar. Segeln in den Bahamas ist wirklich tierisch gut, wir fühlen uns sauwohl und haben eine phantastisch gute Zeit in einem paradiesischen Revier, das auch navigatorisch spannend ist. Dabei haben wir ausgesprochen Glück mit dem Wetter und der Tide: die passende Windstärke und -richtung mit Slackwater (Stillwasser) zur passenden Zeit am gewünschten Ort – und immer die erforderliche Handbreit Wasser unterm Kiel. Eben: Schwein gehabt!
Geisterschiffe in Great Inagua…
Zielstrebig fahren wir mit dem Dinghy in den Hafen von Great Inagua ein. Es ist Freitagnachmittag, 2. Februar 2018. Die Aurora Maris liegt direkt neben der Hafeneinfahrt vor Anker. Wir wollen zunächst vom Dinghy aus die Lage peilen, denn über den Hafen haben wir keine verlässlichen Revierinformationen vorliegen. An Steuerbord passieren wir, so scheint’s, ausgemusterte, ausgediente Boote in dem neu angelegten Hafenbecken mit massiven, festen Steganlagen auf hohen Pollern. Nur ein kleines Fischerboot und eine kleine Fahrtenyacht mit US-Flagge haben hier festgemacht. Die alten Geisterschiffe lassen wir weit an Steuerbord liegen und machen an der hohen Spuntwand gleich vor dem grauen Schiff der Border Defense Force fest. „Welcome to the Bahamas,“ heißt uns kurz darauf George, der Dockmaster, willkommen. Er nimmt uns direkt an die Hand und übergibt uns an den Immigration Officer, der täglich im Hafen vorbeischaut, um Neuankömmlinge in seinem Jeep zum ca. 1 Kilometer entfernten Immigration und benachbarten Customs Office zu fahren. So auch uns.
Das Ausfüllen der Formulare nimmt einige Zeit in Anspruch. Gibt es Kranke an Bord? Hat der Skipper Krankheitssymptome bei Mitgliedern der Crew bemerkt? Sind Waffen an Bord? Nein sind nicht, alles o.k. bei uns. Das Cruising Permit sowie das Fishing Permit kann uns dann aber doch nicht ausgestellt werden, da wir die geforderten 300 Dollar nicht in bar auf den Tisch legen können. Der einzige Geldautomat der Insel ist leider „temporarily out of order“. Aber alles kein Problem: Wir sollen es am nächsten Tag versuchen und einfach beim Custom’s vorbei kommen, bevor wir die Insel verlassen. Bis dahin können wir uns so auf der Insel frei bewegen. „Enjoy it!“ gibt uns der freundlicher Officer mit auf den Weg.
Unglaublich, diese Freundlichkeit
Great Inagua ist die südlichste Bahama-Insel, bekannt für Salzproduktion und eine 80.000 vogelstarke Flamingo-Kolonie. Rund 1.000 Einwohner zählt die Insel. Tourismus spielt hier kaum eine Rolle. „Jeder kennt hier jeden. Da gibt es keine Kriminalität. Ihr seid hier sicher,“ meint George, der extra seinen Feierabend verschiebt und mit uns im Hafen einen Platz für die Aurora Maris aussucht. In den drei Tagen, die wir auf der Insel verbringen, begegnen wir ca. 10% der Bevölkerung, und nicht einer geht grußlos an uns vorbei. Autofahrer passieren uns winkend mit einem freundlichen Hupton. Kinder kommen in den Vorgärten an die Straße gelaufen, grüßen und winken uns zu. „Are you lost,“ fragt der kleine Junge besorgt, als er uns vor dem Bäckerladen trifft. Was heißt „Laden“? Eigentlich ist es ein ganz normales Bahamas-Einfamilienhaus mit einer großen Küche und riesigen Backöfen, in denen Brot und Brötchen – übrigens die besten seit Deutschland! – gebacken werden. Sicherlich 15 Minuten sind wir durch die Straßen gekurvt, den Wegbeschreibungen der Locals folgend, aber dennoch im Kreis fahrend, um dann aber doch schließlich hier zu landen. „No, we are not lost“, beruhigen wir den kleinen Jungen. Alles gut. Schon rührig, wie sich jeder hier um jeden kümmert. „Good Morning, are you o.k.? Do you have net.“ Ja, alles o.k., das Internet funktioniert!” hatten wir bereits am frühen Morgen dem Autofahrer, der eine Runde durch das kleine Hafengelände dreht, versichert.
Unglaublich, was so alles zur See fährt
Auf dem Hafengelände begegnen wir auch Toni aus Haiti. Er ist hier mit einem der Boote am Rande des Hafenbeckens, die wir anfänglich fälschlicherweise als ausgediente Kähne eingestuft haben. Nein, die zwei mit Rostbeulen übersäten Motorboote und auch das hölzerne Segelschiff mit Löchern im Rumpf, dessen Mast ein geschälter, windschiefer Baumstamm ist, fahren tatsächlich zur See! Positionsleuchten sind überflüssig, erfahren wir am folgenden Abend, als ein weiteres Segelschiff dieser Art ohne Beleuchtung unter Vollzeug in den Hafen einläuft und gekonnt – ohne Motor! – ein Anlegemannöver fährt. Der an Deck der Boote hoch gestapelte und tief im Schiffsrumpf verstaute Schrott ist übrigens kein Müll! Das sind „Waren“ – Kanister, Plastikstühle und Liegen, die dem Hurrikan zum Opfer gefallen sind und die in den nächsten Tagen nach Haiti verschifft werden sollen. Unglaublich! Und wir haben uns im Vorfeld Gedanken gemacht, ob unsere Aurora Maris seetauglich und dem Atlantik gewachsen ist. Eigentlich unverantwortlich, mit was für Booten die Haitianer unterwegs sind.
Toni stattet uns einen Besuch ab, schaut hoch vom Steg interessiert auf uns herunter. Where are you from? Germany! And from where did you sail? Germany? Wow. Only you two? Und seine Augen werden immer größer. Und dass Andrea auch das Schiff segeln kann, kann er kaum fassen. Ja, das Schiff gefällt ihm. Und er verweilt lange auf dem Steg und lässt seine Augen zwischen unserem Bug und Heck hin- und hergleiten, als wolle er jedes Detail abspeichern. Uns wird einmal mehr vor Augen geführt, dass hier Welten aufeinander treffen.
Landgang auf Great Inagua
Great Inagua erhebt sich flach aus dem Meer und eignet sich damit wunderbar für eine Erkundung mit unseren Bordfahrrädern. Wir fahren die Hauptstraße entlang – Achtung: Linksverkehr! Das wäre fast schief gegangen, aber der uns entgegen kommende Autofahrer ist sehr umsichtig und bremst rechtzeitig. Unser Ziel ist der ca. 2 Kilometer entfernte Leuchtturm am Ende der Hauptstraße, quer durch das „Ortszentrum“, vorbei an locker bebauten Grundstücken mit kleinen, einfachen und zuweilen vernachlässigten Häusern. Ab und an begegnet uns ein Local in der verschlafenen Inselhauptstadt. Das ortsansässige Kraftwerk, das die gesamte Insel mit Strom versorgt, fasziniert uns. Rein optisch hätten wir es nicht für möglich gehalten, dass es auch nur 1 Kilowattstunde Strom produziert.
Der Leuchturm ist unverschlossen. Keine Menschenseele ist hier. Strahlendweißes Gemäuer vor türkisgrünem bis tiefblauem Meer und strahlend blauem Himmel mit weißen Wolkentupfern. Wir steigen die Stufen der Wendeltreppe hinauf, um einen Blick aus der Vogelperspektive über die von vielen Salzseen durchzogenen Insel zu werfen. Ganz im Norden erheben sich die weißen Salzberge des von dem deutschen Konzern K+S betriebenen Salzproduktiom. Wir fahren weiter mit den Rädern an einem Kanal entlang (natürlich christallklares Wasser führend), der die alten Salzseen speist. Hier genießen wir den Blick auf die Flamingokolonie: kleine rosa Farbtupfer im blauem Wasser mit grünen Inselchen!
Langfahrtsegler aus aller Welt
Vor dem Hafen ist inzwischen eine weitere Yacht vor Anker gegangen: ein Katamaran aus Frankreich. Kurz darauf kommt ein Kat mit australischer Flagge an. So findet dann bald auf der Hafenanlage ein internationaler, kontinentübergreifender Seglertreff, in dem eifrig Informationen und Wissen ausgetauscht werden. „Do you have Active Captain?“ Das Internet-Portal liefert wertvolle Infos zu Ankerplätzen, gibt Tipps zu Infrastruktur und Besonderheiten der jeweiligen Region, berichten die Australier Gary und Louise begeistert. Und Grant aus den USA bestätigt, dass die Explorer Charts die besten Seekarten für die Bahamas sind. Wir sollen uns auf keinen Fall ausschließlich auf unsere Navionics und NV-Charts verlassen. Da ist unbedingt Augapfel-Navigation erforderlich. Wassertiefen, Riffe und Korallen sind nicht verlässlich in den Karten vermerkt. Recht hat er. Wir können das im weiteren Törnverlauf nur bestätigen.
Wie kann man nur so dämlich sein!?
3 Tage auf Great Inagua sind genug, es zieht uns weiter nach Norden. Der Wind passt: anfänglich 3 Beaufort am Montagmittag und später auf 5 Beaufort zunehmende Winde aus Nord-Ost bereiten uns für die anvisierten 140 Seemeilen bis Long Island auf 333° Generalkurs mit Am-Wind bis halbem Wind einen schnellen Ritt. Erstmals seit Wochen (Monaten?) kommt der Wind nicht von achtern! Das wird ein sportlicher Segeltrip, freuen wir uns. Wir machen das Schiff klar, stellen alle Luken auf Lüftungsschlitz, um eine frische Meeresbrise durch Salon und Vorschiff wehen zu lassen und kassieren dafür prompt die Quittung: mit der frischen Luft hat auch die salzige See den Weg in den Schiffsrumpf mit Bettdecke, Kopfkissen, Matratze und Teppich gefunden. Als wären wir zum ersten Mal auf Am-Wind-Kurs unterwegs und hätten noch nie über Deck spülende Wellen erlebt! Dummheit muss bestraft werden!
Aber ansonsten erleben wir das Segeln wieder einmal in seiner schönsten Form. Mit entsprechend Abstand zu den auf dem Weg liegenden Inseln gibt es keine navigatorischen Herausforderungen und keine Untiefen. Die See ist leicht agil und die Aurora Maris gleitet mit 5 bis 7 Knoten durch die Wellen. Nachts erstreckt sich parallel zu unserem Kurs die Milchstraße mit Millionen von Sternen über uns. Wieder wird das Sternschnuppen-Programm abgespielt. Wieder erleben wir phosporisiert leuchtendes Meeres-Geglitzer. Aber, mit jedem Breitengrad, den wir nun in Richtung Norden passieren, wird es spürbar kühler. Andrea schlüpft tatsächlich nachts in den wärmenden Segelanzug! Anders als in den bisherigen Nächten halten wir nun verschärft Ausschau nach Geisterschiffen…
Long Island aus der Ferne betrachtet
Nach weniger als 24 Stunden erreichen wir South Point, Long Island just zur Mittagszeit. Mit der Sonne im Rücken steuern wir unseren Ankerplatz vor dem weiten, weißen Sandstrand an. Die Wassertiefe ist innerhalb weniger Meilen von über 1.000 Meter auf nun nur 4 Meter gefallen. Andrea steht auf dem Bug, hält nach den in der Karte vermerkten Korallenriffen Ausschau und wird leicht nervös bei jedem dunklen Flecken am Meeresboden. Rudergänger Christoph sieht das ganz gelassen und entspannt. Weiter als 2,90 Meter Wassertiefe wagen wir uns rund 1 Stunde vor Hochwasser bei einem Tidenhub von ca. 70 Zentimetern aber nicht weiter vor.
Den schönen Sandstrand betrachten wir aus der Ferne durch das Fernglas, von den Blue Holes, die auf Long Island zum Schnorcheln einladen, lesen wir im Reiseführer und würden gerne ein oder zwei Tage auf der rund 60 Seemeilen langen Insel verweilen. Allerdings öffnet sich uns für den übernächsten Tag ein für die Ansteuerung der sogenannten Exumas ein günstiges Wetterfenster, das wir nicht verpassen wollen.
Exumas Cays – für jeden Tag des Jahres eine Insel
Die Exumas, eine Kette von angeblich 365 Inseln und Inselchen, oftmals unbewohnt, erstrecken sich über rund 100 Meilen wie Perlen auf einer Schnur von Nord nach Süd. Im Osten werden sie vom über 1.000 Meter tiefen tintenblauen Exuma Sound begrenzt, im Westen von der selten mehr als 7 Meter tiefen türkisgrünen Exuma Bank. Zwischen diesen Cays (gesprochen: „keys“) geben sogenannte Cuts den Weg zwischen den Inseln frei, sofern nicht eine hohe Dünung und durch kräftigen Wind verursachte Brandung auf den oftmals nur 100 Meter breiten Inseldurchlässen steht. Dazu kommt die Tide mit ihren periodisch auftrendenden starken Strömungen sowie trockenfallende Sandbänke und Untiefen. Das erinnert uns alles an unsere Segeltörns in der holländischen Waddenzee jedoch mit dem Unterschied, dass dort in der Regel betonnte Fahrwasser den Weg weisen und Untiefentonnen Gefahrenstellen kennzeichnen. Das gibt es in den Bahamas nicht. Tonnen sind die Ausnahme, allenfalls gibt es bei der Ansteuerung der abgezählten Marinas, wo die ein oder andere Spiere auf den tückischsten Unterwasserfelsen zu finden ist. Zudem weisen die Seekarten explizit darauf hin, dass die Vermessung in den 50er Jahren erfolgte und die Tiefenangaben nicht verlässlich sind.
Staniel Cay – eine navigatorisch spannende Ansteuerung
Mit einer rund 130 Seemeilen langen Etappe steht uns ein Nachttörn durch die tiefe See des Exuma Sounds bei anfänglich noch 5 Beaufort mit überwiegend Am- bzw. Halbwindkurs bevor. Für den nächsten Tag sind lediglich 15 Knoten Wind angekündigt, das passt wunderbar für die Ansteuerung von Staniel Cay, das wir durch einen ca. 150 Meter breiten Cut mit einer Wassertiefe laut Karte von 3 Metern anlaufen wollen. Klingt nach reichlich Platz. Von See kommend schleicht sich dann doch das Gefühl ein: „Durch das Nadelöhr passen wir nie.“ Langsam tasten wir uns unter Maschine heran. Wir sind wie berechnet pünktlich zu Slacktime an der Ansteuerung und können die Passage bei Hochwasser zu Stillwasserzeit anlaufen. Während wir 2 elektronische und 1 Papierseekarte permanent abgleichen, setzen wir verstärkt auf die Augapfelnavigation, halten dicht auf den südlichen Felsen mit dem laut Seekarte vorgelagerten trockenfallenden Flach zu, lassen ihn mit Sicherheitsabstand an Backbord liegen, um dann unmittelbar vor den in der Ansteuerung liegenden Felsen hart nach Backbord abzudrehen und in das mit wenigen Spieren gekennzeichnete Fahrwasser einzulaufen. Das Echo geht kurzfristig auf 2,90 Meter runter, steigt dann jedoch wieder auf 3,50 Meter an. Nachdem wir im Exuma Sound permanent 1.700 und mehr Meter Wasser unter dem Kiel hatten, ist die geringe Wassertiefe nun doch sehr gewöhnungsbedürftig. Dass das türkisgrüne Wasser glasklar ist und wir permanent den Grund sehen können, steigert die Spannung nochmals, denn die dreieinhalb Meter Wassertiefe erscheinen uns wesentlich geringer. Die Begeisterung über die Wasserfarben ist deutlich größer als die Anspannung der Ansteuerung: so blau der Himmel ist, so grünblau ist das Wasser. Je heller und leuchtender, desto flacher. Diese Stellen versuchen wir natürlich zu meiden. Auberginefarbtöne lassen auf Korallenriffe schließen. Auch die umfahren wir, bahnen uns den Weg durch die Inselchen und gehen in der Exuma Bank bei Staniel Cay vor Anker.
Landgang in Staniel Cay
Natürlich nehmen wir erst einmal ein erfrischendes Bad bevor wir mit dem Dinghy auf die Insel und den international bekannten Yachtclub Staniel Cay übersetzen. Wir landen an einem Palmen gesäumten, weißen Sandstrand an. Noch während wir das Dinghy aus dem Wasser ziehen sehen wir, einem dunklen Schatten gleich, einen Ammenhai dicht am Ufer vorbeischwimmen. Überall – am Strand wie in den Rabatten an Land – liegen riesengroße Gehäuse der unter Artenschutz stehenden Conchmuscheln herum. Wir wollen unsere Vorräte aufstocken und suchen die Supermärkte der Insel auf, „the blue one and the pink one“, die sich wunderbar in ihrem Warenangebot ergänzen. Zusammen bieten sie nicht mehr als 50 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die Preise sind wieder einmal kaum schlagbar, kaum zu toppen. Wir begnügen uns mit dem Kauf von 4 Bananen… Brot werden wir in den nächsten Tagen weiterhin selbst an Bord backen. Im dritten Supermarkt erstehen wir Hamburger-Fleisch. Der Abend ist gerettet: es gibt Barbeque im Cockpit.
Wir schlendern durch die schmalen Straßen, hier als „Highway“ bezeichnet, gesäumt von kleinen Holzhäusern in zarten Pastelltönen. Während Staniel Cay eher einem verschlafenen Nest gleicht, bildet der Yachtclub das lebhafte Zentrum. Yachties nehmen an der Bar einen Drink zu sich oder dinieren in dem gemütlichen Restaurant. Der Fisch wird frisch zubereitet. Draußen vor dem Open-Air-Tresen tummeln sich Ammenhaie, angelockt durch die Fischreste, die bei der Zubereitung des Fangs im Wasser landen.
„Imagine you are a Bondgirl“
Der nächste Morgen beginnt für uns mit einem Bad in der wohl schönsten Badewanne der Welt: wir setzen mit dem Dinghy zur „Thunderball-Grotte“ über, in der Szenen für den gleichnamigen Bondfilm gedreht worden sind. „Imagine you are a Bondgirl“, ruft uns begeistert eine Amerikanerin zu, die soeben aus der Grotte geschwommen kommt. Sie habe noch nie etwas zu Wunderschönes gesehen. Aber wir sollen uns beeilen: Niedrigwasserzeit ist schon überschritten und das Wasser steigt schnell an. Direkt über der Wasseroberfläche gibt ein ca. 50 Zentimeter hoher und 2 Meter breiter Spalt den Weg in die Thunderball-Grotte frei. Gleich am Eingang tummeln sich bunte Fische. Wenige Meter weiter öffnet sich das Felseninnere mit einem Durchmesser von ca. 15 Metern zu einer hohen Grotte, im Zenit drei, vier Öffnungen, durch die Tageslicht fällt und leuchtend blau der Himmel strahlt. Eine schönere Badewanne kann man sich kaum vorstellen. Kleine gelbgemusterte Fische bilden unter Wasser das farbliche Kontrastprogramm.
Nach dem morgendlichen Bad geht es dann wieder zurück mit dem Dinghy, das Frühstück wartet an Bord. Allerdings lässt uns der Motor im Stich. Wir versuchen eifrig gegen die Strömung anzupaddeln und sind heilfroh, als ein Dinghy von einem anderen Boot auf uns zu kommend Schlepphilfe anbietet. Sehr aufmerksam…. Besten Dank. (Der Motor springt beim nächsten Mal übrigens wieder problemlos an, da hat sich wohl nur kurzfristig etwas Dreck in der Benzinleitung abgesetzt.)
Eine tierische Sauerei
Wir können stundenlang im Cockpit sitzen und auf das Wasser schauen, ohne uns daran satt zu sehen. In den nächsten Tagen machen wir nur wenig Strecke, sondern segeln vielmehr entspannt kurze Distanzen von Cay zu Cay. Als erstes steht Big Majors Spot und der Pig Beach auf unserem Programm. Wie der Name ahnen lässt, wird diese von Menschen unbewohnte Insel von einer Schweineherde regiert. Wir setzen mit dem Dinghy und einer Tüte saugut schmeckender afrikanischer Kekse zum Strand über. Da kommt uns auch schon hoch erfreut ob des Gastgeschenks die Schweineschar – teils schwimmend – entgegen. Diese Sauerei macht uns tierisch Spaß, zumal die Schweine so viel Anstand haben, uns nicht weiter zu bedrängen, nachdem die Kekse verspiesen sind.
Unser Abendmahl fällt wieder einmal vegetarisch aus, da unsere Angelversuche weiterhin nicht von Erfolg gekröhnt sind. (Gegen gegrilltes Spanferkel oder ein Schweinekotelett hätten wir übrigens nichts einzuwenden gehabt.) Nach Sonnenuntergang baut sich über uns wieder das von Sternen übersäte Himmelszelt auf, das seine Fortsetzung in den Ankerlichtern der hier in großer Zahl liegenden Yachten findet. Tatsächlich treffen wir unter den Yachties eine Chartercrew aus Deutschland. Alle anderen Boote kommen entweder aus den USA oder Kanada. Auch ein paar wenige Boote mit französischer Flagge liegen hier, doch auch diese laufen vermutlich im Charter. Langfahrtsegler wie wir sind eher die Ausnahme.
In den Mangroven von Shroud Cay
Unseren Törn setzen wir nach 2 Tagen weiter Richtung Norden fort. Während im Exuma Sound der Wind mit 5 Beaufort und mehr eine lebhafte See mit Brandung in den Cuts erzeugt, segeln wir bei Glattwasser auf zumeist 5 Meter, maximal 7 Meter Wassertiefe, immer mit Blick bis auf den Meeresboden. Shroud Cay erreichen wir nach rund 35 Seemeilen bei Sonnenuntergang und gehen dicht unter Land in einer Bucht mit einer Handvoll Yachten vor Anker. Shroud Cay zählt zum Nationalpark, in dem weder gefischt noch Dinge vom Strand entfernt werden dürfen. Durch die Insel schlängelt sich ein bei Ebbe teils nur 20 Zentimeter tiefer Durchlass. Wir machen die Tour durch die Mangroven mit teils starker Strömung am nächsten Morgen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Wir haben die Insel und den Atlantikstrand ganz für uns allein. Dazu strahlt das Wasser wieder in den tollsten Grün-Türkis-Farben. Phantastisch! Vom Atlantik waten wir durch das stellenweise nun knietiefe Wasser zurück zum Dinghy, das wir auf einer Sandbank zurück gelassen haben. Auf dem Rückweg schiebt der Strom ordentlich mit. Vor uns tauchen 2 Schildkröten auf. Tatsächlich sehen wir auch einen großen Fisch – aber Angeln ist hier ja verboten. Auf der heutigen Speisekarte steht daher wieder einmal „vegetarisch“.
Im Slalom über die Exuma Bank
Nach Shroud Cay wollen wir uns mit einem strategischen Zwischenstopp in Ship Channel Cay weiter Richtung Nassau auf New Providenz, der Hauptinsel der Bahamas, halten. Dazu müssen wir die im Norden sehr flache Exuma Bank queren. Die Seekarte weist eine Kurslinie 294,5° aus, die zwar über 18 Seemeilen durch Korallenriffe führt, aber immerhin eine Wassertiefe von rund 3 Metern verspricht. Morgens bei Sonnenaufgang kurz nach 6.00 Uhr Ortszeit gehen wir Anker auf, um bei Hochwasser, zu Stillwasserzeit das mit 2,10 Meter ausgewiesene Flach, ca. 1,5 Seemeilen von unserem Ankerplatz entfernt, zu queren. Die Tide liefert ca. 70 Zentimeter Wasser dazu, so dass wir – selbst bei kleiner Welle – ausreichend Wasser unter dem Kiel für diese Passage haben werden. Dennoch, selbst ohne Kaffee sorgen diese Bedingungen für einen Anstieg des Adrenalinspiegels. Wir sind hellwach und suchen aufmerksam die Wasseroberfläche nach Anzeichen für Flachs, Sandbänke, Rockies und Korallenköpf ab. Aber auch jetzt sorgen die Farben und das Naturschauspiel um uns herum mehr für Faszination als Anspannung. Wieder haben wir Glück mit dem Wetter: Wir können das Passage zunächst mit gemütlichen 15 Knoten Wind aus Nord-Ost, später dann bei Flaute unter Maschine und der Sonne im Rücken machen, so dass alle Korallenriffe ausgeleuchtet und gut sichtbar sind. Wir fahren Slalom um die auberginfarbenen teils im Durchmesser 5 Meter großen oder auch kleineren Korallen herum, erreichen Nassau wie berechnet bei Stillwasser. Unser Anker fällt auf nur 3 Meter Wassertiefe zwischen den Inseln New Providence und dem vielversprechenden Paradise Island unweit des großen Kreuzfahrterminals, an dem bis zu 7 Kreuzfahrtschiffe Platz finden. Direkt um den Kreuzfahrtterminal hat sich entsprechend eine Tourismusindustrie entwickelt. Hier werden an Ständen Nippes und Souvenirs verkauft, lautpreisend Taxi- und Kutschfahrten oder auch Ausflüge mit dem Katamaran angeboten. Durch die Straßen der Stadt schieben sich sonnenverbrannte Kreuzfahrer, gehen in Gucci-Boutiquen und Schmuckläden shoppen und fallen in die Restaurants und Bars ein.
Nassau – zurück in der Zivilisation
Nach fast 2 Wochen Wilderness und Einsamkeit hat uns die Zivilisation und der Trubel wieder. Die Stadt ist laut und betriebsam, permanent sind Polizei- und Krankenwagen mit laut heulenden Sirenen – jeder Einsatzwagen hat seinen individuellen Sound – unterwegs. Dazu kommen Taxis, Minibusse und der normale Autoverkehr; dazwischen knallbunte Pferdekutschen, beladen mit Touristen auf Stadtrundfahrt. Im Verkehrschaos stehen in strahlend weißer Uniformjacke und weißer Schirmnütze Verkehrswächter, die den Verkehr regeln, mit mechanischen Bewegungen, ausdruckslos, ohne Mimik. Wir machen das touristische Programm mit dem Bordfahrrad und per Pedes im Schnelldurchlauf, gehen die Baystreet bis zum Strawmarket, wo die Marktfrauen Strohtaschen und -körbe flechten entlang. Im großen Bogen geht‘s zur Queen’s Staircaise, eine seinerzeit von Sklaven in Felsen geschlagene Treppe, die die Ober- mit der Unterstadt verbindet. Hier angekommen finden wir uns in einer Oase der Ruhe. Am Fuße der Treppe spielt unter dem Palmengrün vor steiler Felswand ein Local auf seiner Steeldrum, erinnert uns mit seiner Musik an die Karibik und lädt zum Träumen und Verweilen ein.
Das ist das Paradies!?
2 Brücken führen in Einbahnwegen 2-spurig über den rund 1 Kilometer breiten Naturhafen hinüber nach Paradise Island mit dem noblen Atlanta-Ressort, einem riesigen Hotelkomplex mit Aquarium, Kasino und weiteren Urlauberattraktionen mit Disneycharakter. Inmitten eines Luxushafens mit Megayachten ein Marina Village, darin eine tolle Eisdiele mit superleckerem Mandel-Karamel-Eis. Villen unter Palmen, eingezäunt mit Hochsicherheitstrakt und Kameraüberwachung, Strände ohne Zugang für die Öffentlichkeit, Parkanlagen französischen Gärten nachempfunden nur für Clubmitglieder zugänglich. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Alles künstlich angelegt und gestylt, alles sehr beeindruckend, und das Eis ist tatsächlich paradiesisch, aber ansonsten stellen WIR uns das Paradies anders vor.
Paradise Island steht im Kontrast zur hektischen Tourimeile in Nassau und den ärmlichen Fischern unter den Brücken in Potter‘s Cay, zu dem wir auf dem Rückweg einen Abstecher machen, um Fisch für das Abendessen zu organisieren. Eigentlich sind die Fischer auf Großabnehmer eingestellt, Restaurantbetreiber, die hier frischen Fisch für den Abend kaufen. Auf Kleinstmengen für 2 Personen ist man hier weniger eingestellt. Einer der Fischer jedoch hat einen Beutel mit 5 kleinen Fischen, die er froh ist los zu werden. Tatsächlich schenkt er uns die Fischlein – warum auch immer er kein Geld annimmt, erschließt sich uns nicht – die noch am gleichen Abend auf unserem Bordgrill landen.
Wir verlassen Nassau nach 3 Tagen (am 18. Februar 2018) nicht ohne Conch, die Nationalspeise der Bahaminaer, gegessen zu haben. So gestärkt segeln wir weiter nach Amerika, legen nach 140 Seemeilen und durchsegelter Nacht mit reichlich Schiffsverkehr – teilweise „eingezingelt“ von 6 Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig – am Westende von Grand Bahama einen Ankerstopp ein. Hier vor Anker liegend bereiten wir uns auf den Landfall in Florida, Palm Beach vor.
Vorbereitungen für den Landfall USA
Die USA erfordern von Seglern nicht nur ein Visum (das wir vor gut einem Jahr nach persönlichem Interview in Berlin erhalten haben). Wir müssen uns vor Ankunft, spätestens 24 Stunden vorab, telefonisch oder über ein Online-Portal anmelden und eine sogenannte „Notice of Arrival“ abgeben. Zudem checken wir noch einmal die Lebensmittel, die auf der schwarzen Liste stehen: Unsere Notfall-Konserve für alle Fälle haben wir bereits am Vortag vertilgt, da sie Rindfleisch enthielt. Auch unsere Hühnersuppe haben wir verzerrt. Für heute stehen Spaghetti auf dem Speiseplan, da Nudeln, die Ei enthalten, nicht in die Staaten eingeführt werden dürfen. Frisches Obst und Gemüse haben wir schon seit Tagen nicht mehr. Nur noch unsere Bouillion und die provenzalischen Kräuter mit Oregano als Bestandteil müssen wir irgendwie loswerden, entsorgen schließlich schweren Herzens ins Meer, da wir unsere Einreise in die Staaten nicht gefährden wollen. Ansonsten sieht es in unseren Schapps, was den Proviant betrifft, recht übersichtlich aus.
Noch rund 50 Seemeilen liegen vor uns, dann haben wir das Ziel unserer 2. Segeletappe erreicht und die Atlantiküberquerung von Europa nach Amerika vervollständigt. Als Zielhafen haben wir Palm Beach ausgewählt. Die Wettervorhersage verspricht für den nächsten Tag, den 21. Februar 2018, südöstliche Winde, 15 bis 20 Knoten und damit wieder einmal passende Bedingungen für die Querung des hier mit bis 4 Knoten setzenden (50 Meilen breiten) Golfstroms. Dennoch, am Abend vor dem Ankerauf-Manöver kommt etwas Magenkribbeln auf. Die Querung des Golfstroms ist eine spannende Sache, weist doch der Revierführer darauf hin, dass schon 10 Knoten Wind aus nördlichen Richtungen eine raue, ungemütliche See verursachen können. Auch die Unwägbarkeiten der Einreisebestimmungen sorgen für Spannung, ist man doch auf die subjektive Bewertung und Goodwill der Immigration Officers angewiesen.
Fotostrecke: Bahamas
Toll mal wieder ein spannender Bericht. Hier boxt sich gerade der Frühling ein wenig durch, nach polarer Kälte. Diesen Winter habt ihr super hinter euch gebracht. Supertolle Bilder, da kann man fast neidisch werden. Euchweiterhin ganz viel Spaß und einen handbreit Wasser unterm Kiel. Liebe Grüße Annette
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