Etappe: Chesapeake Bay – New York.
„Good Morning, Sir, I’d like to announce our arrival in New York.“ „Give me a second, Mam….. Your cruising license number, please… Last Port of Call…. How many persons on board… Thank you. I’ve got you registered.“ Fast ist es schon Routine: in jedem neuen US-Bundestaat, den wir anlaufen, müssen wir uns als erstes telefonisch bei der Customs and Border Protection melden. Aber unsere Ankunft in New York, das ist schon wirklich ein ganz besonderer Moment für uns!
Auf den Tag genau 9 Monate, nachdem wir unseren Heimathafen in Lemmer verlassen haben, kommen wir am 4. Mai 2018 in New York an. Anlass für unser Segelabenteuer war die Atlantikquerung. Ziel unserer Reise war New York, das wir bisher nicht mit einem Flieger angesteuert haben, weil wir uns diese besondere Stadt für den Landfall auf eigenem Kiel aufheben wollten. Wie häufig hatten wir in den vergangenen Monaten gezweifelt, ob wir je New York erreichen werden. Und nun sind wir am Ziel angekommen, haben unseren Traum realisiert. Geschafft!
Und diese Segel-Etappe hatte einen besonderen Start:
Als wir vor 2 Tagen die Chesapeake Bay verließen, haben wir zur Verkürzung der Etappe bereits am Vorabend die Aurora Maris nach Cobb’s Marina in Little Creek, dem Heimathafen unseres neuen amerikanischen Freundes Terry, verholt. Terry hat uns hier einen für uns kostenlosen Liegeplatz organisiert. Mit allem Drum und Dran, inklusive Wifi und Dusche. Am nächsten Morgen fallen wir bereits um 5.00 Uhr, gut eine Stunde vor Sonnenaufgang, aus der Koje, gehen schlaftrunken zur Dusche und trinken anschließend einen Muntermacher-Espresso an Bord. Knock-Knock… es klopft an die Bordwand. Der Hafenmeister? Nein, es ist Terry, der eigentlich jetzt schon auf seiner Arbeitsstelle sein sollte. Stattdessen steht er da auf dem Steg und drückt uns eine nach Burgern duftende Frühstücks-Tüte in die Hand. Wir sind so verdattert, dass wir kein Wort rauskriegen. Einfach sprachlos: die selbstlose Hilfsbereitschaft von Terry übertrifft alles. Andrea hatte am Vorabend kurz erwähnt, dass wir mit den letzten 2 Stunden Ebbstrom auslaufen und auf See dann frühstücken wollen. Dabei dachten wir allerdings eher an die obligatorischen Käsebrote und ein Schälchen Crunchy-Müsli. Und nun das… Terry hat bereits auf dem Absatz kehrt gemacht, geht den Steg hinunter, steigt in sein Auto und fährt davon.
Keine Zeit für Sentimentalitäten – die Tide ruft
Uns drängt die Tide. Eine dicke Träne kullert über die Wange, während wir die Leinen loswerfen. Im Morgengrauen geht es im betonnten Fahrwasser in die Chesapeake Bay, dann Kurs auf den Brückenkopf, an dem der Tunnel zur Unterführung des Highways unter die Bucht beginnt. Gut freihalten, hier wird es flach. Danach das Verkehrstrennungsgebiet queren und parallel zur Küste mit ausreichend Abstand (wegen der vorgelagerten Flachs und Fischereigebiete) Kurs Nord-Nord-Ost gen New York.
Die ersten Meilen schiebt uns der Strom. Der Wind weht wie angekündigt mit 3 Beaufort aus Süd-West. Doch kaum haben wir das Inlet passiert, flaut der Wind ab und schläft fast vollständig ein. Um voranzukommen, muss der Motor unterstützen.
Invasion der Fliegen
Die Sonne meint es gut, es ist wieder Zeit für die kurze Hose. Weit draußen auf See fallen plötzlich zuhauf Fliegen über die Aurora Maris her, besetzen das Deck, nisten sich im Salon, in der Nasszelle und den Kajüten ein. Auch wir werden nicht verschont von den schmerzhaft beißenden Plagegeistern. Bis zum Abend bekämpfen wir Sie mit schlagkräftigen, ausgedienten Zeitschriften.
Spi-Segeln vom Feinsten
Nach gut 20 Seemeilen unter Motor meldet sich der Wind mit 3 Beaufort zurück. Zeit für den Spi! Mit 7 Knoten und zuweilen mehr gleiten wir durch das glatte Wasser mit nur 25, 30 Meter Wassertiefe. Bei Süd-West-Wind baut sich im Schutz der Küste kaum Welle auf. Mit Sonnenuntergang (gegen 20.00 Uhr) machen wir die Aurora Maris für die Nacht klar. Wir holen den Spi ein und segeln weiter unter Passatbesegelung, teilweise mit gereffter Genua, um bei den mit 24 Knoten einfallenden Böen den Windpiloten zu entlasten. So läuft’s.
Wir packen uns gut in 2 Lagen aus Ski-Unterwäsche und Vliesanzug ein. Dazu Stirnband, Stiefel, Schwerwettersegelanzug und Handschuhe nicht zu vergessen. So vermummt sind wir gut gerüstet für die kühle Nacht. Ein dicker Fast-Vollmond taucht einer überdimensional-großen Orange gleich an Steuerbord aus dem Meer auf, steigt langsam in den sternenübersäten Himmel auf, um uns den Weg auszuleuchten. Im Laufe der Nacht bildet sich um den Mond ein sogenannter Hof und signalisiert uns eine für die nächsten Tage bevorstehende Wetteränderung. Also genießen wir den Augenblick umso mehr.
Auf dem AIS empfangen wir das ein oder andere Signal. Zudem sind ein paar Fischer unterwegs. Alle passieren uns mit ausreichend Abstand. Segler machen sich weiterhin rar.
Auch der 2. Tag auf See bringt windtechnisch betrachtet wenig Änderung. Mal bläst der Süd-Wester kräftiger, mal weniger. An der Segelstellung müssen wir kaum etwas ändern. Ab und zu muss auch der Motor wieder ran. Während wir in unserem 3-Stunden-Rhythmus abwechselnd auch tagsüber wachen und schlafen, steigert sich die gespannte Vorfreude und Neugier auf New York.
Wir sind schnell unterwegs, kommen bereits bei Sonnenaufgang im Mündungsbereich der bei New York zusammenlaufenden Flüsse an. 3 Verkehrstrennungsgebiete, zu denen wir ausreichend Abstand halten, treffen hier zusammen. Zwischen den Fahrwassern ist es flach, teilweise nur 1 Meter tief. Also: Obacht! Zudem herrscht reger Schiffsverkehr. Die Ozeanriesen sind flott. Also halten wir uns dicht außerhalb des Fahrwassers und lassen die Tonnen knapp – zunächst an Steuerbord liegen. Die Skyline von New York, besser gesagt Manhatten, sehen wir im Morgendunst schon Stunden vor unserem Landfall.
Landfall New York
Mit Kurs 350° laufen wir bei Musik von Sammy Davis jr., Frank Sinatra und anderen Größen nun hoch am Wind, müssen das Fahrwasser queren und nutzen dazu eine kleine Lücke zwischen den großen Container-Schiffen und Frachtern. Die Verrazano-Narrows-Bridge passieren wir noch unter Vollzeug, dann geht dem Wind die Puste aus und uns stockt einen Momente der Atem: Die Lady Liberty auf der Manhatten vorgelagerten Insel gleichen Namens taucht vor uns auf. Schnell bergen wir die Segel und fahren die letzten 4 Meilen unter Maschine auf die Freiheitsstatue zu, nähern uns ihr bis auf ein paar Hundert Meter, dann suchen wir mit Blick auf Statue und Skyline einen Ankerplatz. Ruhig liegen wir hier nicht – der Schwell vorbeischnellender Fähren bringt ordentlich Bewegung in die Aurora Maris und permanent über uns kreisende Helikopter verstärken die ohnehin schon laute Geräuschkulisse. Dennoch genießen wir den Augenblick und lassen den Champagnerkorken knallen, um vor dieser Szenerie unsere Ankunft in New York gebührend zu feiern.
276 Seemeilen und rund 54 Stunden liegen in unserem Kielwasser. Mit dem letzten Mitstrom verholen wir uns in den Hudson River, lassen Manhatten an Steuerbord liegen und können uns an den Wolkenkratzern und der faszinierenden Architektur dieser Metropole nicht satt sehen. Gut 6 Seemeilen flussaufwärts gehen wir in der 79th St. Boat Basin an eine Mooring – ein für die Aurora Maris sicher Platz im Tidenstrom (1,5 Knoten Strom) und für uns guter Ausgangspunkt, zur Erkundung der Metropole.
Ziel erreicht!
Das finale Ziel unseres Segeltörns haben wir erreicht. Das Wetter ist noch unbeständig – es ist keine stabile Wetterlage mit passendem Wind für mehrtägige Segeltörns in Aussicht. Wir wollen auf ein passendes Wetterfenster warten. Und falls sich dieses nicht einstellt? Noch haben wir unseren Plan B nicht ausgeschlossen: die Rückreise der Aurora Maris nach Europa per Frachtschiff …
Fotostrecke: Etappe Chesapeake Bay – New York
Glückwunsch 🍾! Super 👍
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Wie schön von eurer Ankunft in NY zu hören! 🗽Wir haben beim Lesen richtig mitgefiebert!!! 🤗 🍾Genießt diese wunderschöne Stadt und weiterhin alles Gute! 🍀
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Glückwunsch !!!
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