Landgang New York.
New York beindruckt, New York überrascht! Wir sind begeistert, fahren 2 Tage lang mit unseren Bordfahrrädern kreuz und quer durch die Stadt. Mit unserer Mooringplatz direkt neben der Marina 79th Street Boat Basin haben wir nicht nur einen monetär günstigen Liegeplatz (für 1 Woche berappen wir nur 180 US Dollar), sondern auch einen günstigen Ausgangspunkt für unsere Landausflüge: Der Broadway liegt nur 2 Straßen weiter den Hügel hinauf, nur ein paar Querstraßen weiter sind wir bereits inmitten des Central Parcs, an dessen Westseite das American Museum for Natural History liegt. An der Ostseite des Parks liegt die Museumsmeile mit dem Metropolitan Museum of Art und dem architektonisch beeindruckenden, ausstellungsmäßig (im negativen Sinn) eher erstaunendem Guggenheim-Museum sowie weiteren Kulturmagneten. Wir erwerben für 126 US Dollar pro Kopf einen City Pass, der uns den Eintritt in die 6 Top Must-Sees der Metropole ermöglicht. Dazu auch das stattliche Empire State Building, heute dritt-größtes Gebäude Manhattans sowie Lady Liberty und das 9/11 Memorial & Museum.
Fahrradstadt New York
Bevor wir uns näher von den kulturellen Höhepunkten New Yorks in den Bann ziehen lassen, durchstreifen wir die Metropole jedoch weiter mit dem Rad. Wer hätte das gedacht: New York eine Fahrradstadt! Entlang des Ufers des Hudson Rivers können wir von unserem Mooringplatz aus direkt auf die Fahrrad Lane einsteigen und parallel zum Fluss gen Süden, Down Town Manhattan fahren. Mit jeder Meile wird der Geräuschpegel der durch die Straßen rollenden Blechlawinen lauter. Ein süßer Blütenduft hängt in den Straßen: Es ist Mai und genau wie in Deutschland sprießt hier die Natur. Noch Anfang April hat Schnee gelegen, wo nun feuerrote bis orangefarbende Tulpen blühen, zart-rosafarbene Kirschblüten prall durch das saftig-frische Grün der die Straßen säumenden Baumalleen leuchtet. Und immer wieder eröffnen sich vor und neben uns kleine Parkanlagen. Darüber und dahinter thront majestetisch die Skyline Manhattans mit dem Word Trade Center und anderen hoch in den Himmel ragenden Bauwerken.
Es ist Samstag. Ganz New York scheint unterwegs zu sein. Jogger ohne Ende, aller Altersklassen, aller Couleur. Alles was Beine hat läuft. Daneben Baseball, Basketball, Cricket und andere Ballarten spielende Kinder & Jugendliche. Weiter im Zentrum der Stadt wird es zunehmend touristischer. Unser erster Fahrradausflug führt uns direkt zum 9/11 Gedenkplatz. Da wo einst die Twin Towers gestanden haben erinnern nun 2 Brunnen, quadratisch in die Fundamente der Towers in die Tiefe gebaut an das dramatische Attentat im Jahr 2001, das fast 3.000 Menschen das Leben gekostet hat. An den 4 senkrecht verlaufenden, schwarzen Seitenwänden des Brunnens stürzt Wasservorhang hinab, verschwindet scheinbar im Nichts. Die Namen eines jeden einzelnen der Opfer ist in die Metalplatten, die die Brunnen umranden, graviert. Vereinzelt stecken Rosen, Fahnen oder auch Plüschtierchen aus diesen Gravuren – sie kennzeichnen die jeweils aktuellen Geburtstage unter den Verstorbenen. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht uns. Den Besuch des Museums verschieben wir auf einen anderen Tag.
Security first
Wie an diesem Ort des Gedenkens ist überall in New York, insbesondere an den Top-Sehenswürdigkeiten ein hohes Maß an Sicherheitskräften vertreten und ein großes Programm an Sicherheitsvorkehrungen aufgefahren. In allen Museen, die wir besuchen, wird ein Sicherheitscheck vergleichbar den Maßnahmen an Flughäfen durchgeführt. Zudem sind die meisten Fußgänger- und Radfahrwege durch Blumenkübel, Beetrabatten oder auch einfache Beton-Sperren vor eindringende PKW oder LKW gesichert. Das erinnert an Attentate in Berlin oder auch Frankreich. Und überall sind Security-Kräfte präsent.
Down Town Manhattan
Je weiter wir ins Zentrum vorpirschen, desto quirliger wird der Verkehr mit permanentem Gehupe. Dennoch: hektisch ist es nicht. Nachdem wir die Südspitze Manhattans mit dem alten Pier A Gebäude mit dem Rad gerundet haben, ist unser nächstes Ziel die Wallstreet: Tiffany, Trump Building und die Great Hall, in der einst George Washington vereidigt wurde, sind unser Ziel, ebenso wie die New Yorker Stock Exchange. Letztere ist für uns nicht uneingeschränkt betrachtbar: ein dicker Kran hat sich vor ihr breit gemacht. Okay, kommen wir also in ein paar Tagen wieder – doch auch dann hat sie sich ganz verkleidet: ein überdimensional großes Banner ragt vom Giebel herab mit der Präsentation eines an der Börse neu gelisteten chinesischen Unternehmens.
Weiter geht’s zur Vergnügungsmeile Broadway und schließlich hat unser Reiseführer gemeint, dass ein Besuch in New York nicht ohne Shopping komplett ist. Also begeben wir uns ins Marcy’s, dem angeblich weltgrößten Kaufhaus, und investieren in echte Levy’s zu Schnäppchenpreisen bei gepflegter Einkaufsatmosphäre in teils gediegenem Ambiente.
Für Tag 2 der Fahrradexkursion durch New York haben wir den Fokus auf den Central Parc gelegt, der Manhattan über mehrere Kilometer von Nord nach Süd mit einer anmutenden, hügeligen Landschaft mit prächtigen Bäumen, Felsformationen und weitläufigen Parkanlagen bereichert. Nein, ruhig ist es hier nicht, ganz New York scheint sich hier am Sonntag zu treffen. Während die einen schlendern und flanieren oder auch joggen, gibt es eine Clique von Roller Street Dancern, die hier zu lauter Musik aus der Dose ihre Tänze vorführen. Dabei haben die Dancer wie die Zuschauer gleichermaßen Spaß und Freude an der Show und Performance.
In New York wird jedem Möglichkeit und Gelegenheit gegeben, seinen Hobbies und Interessen nachzukommen, ohne dass diese mit denen der anderen kollidieren. Alles ist möglich in New York. Das macht diese Stadt so lebenswert.
Museumsmeile New York
Nachdem wir uns langsam mit New York vertraut gemacht haben, steigen wir ab dem 3. Tag in das kulturelle Angebot ein. Wir unternehmen im Museum of Natural History eine Reise durch die Kulturen und Jahrhunderte, zurück in die Zeit der Dinosaurier, zu den Anfängen der Menschheit und erweitern unseren Horizont durch eine Exkursion ins Weltall bis hin zurück zum Urknall.
Für das Guggenheim-Museum, seine Architektur und Ausstellungen nehmen wir uns ebenfalls einen Tag Zeit. Während das spiralförmig als Rotunde errichtete Gebäude und mit großem Raumangebot fasziniert, kommt uns die moderne Kunst des Vietnam-Dänen Danh Vo doch eher befremdlich vor: ausgestellt sind beispielsweise die blonde Haarpracht seiner schwedischen Cousine, eine Skulptur aus dem Stapel aus 79er Jahre Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher, darauf ein Kreuz drappiert, aufgetürmt zu einem Turm – zu dieser modernen Form der Kunst finden wir keinen Zugang. Da sind die wenigen ausgestellten Werke Picassos oder auch Kandinskys schon eher geeignet, uns zu begeistern.
Nach so viel Kultur brauchen wir eine kleine Auszeit, wollen hoch hinaus, um einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Das Empire State Building haben wir uns zur Betrachtung New Yorks aus der Vogelperspektive ausgeguckt. Mit dem Fahrstuhl geht es rauf, zunächst in den 80sten Stock. Die auf dem Display angezeigten Etagennummern rasen im Sekundentakt von 1 auf 80, Geschwindigkeiten von ca. 8 Meter pro Sekunde. Hinter Glas können wir nun einen Blick von oben auf die Wolkenkratzer werfen. 6 Stockwerke höher ist dann Freiluftpanorama, 360 Grad Manhattan und Umgebung angesagt. Mehrmals runden wir die Dachkuppel des Empire State Buildings, entdecken immer wieder neue Perspektiven, imposante Bauwerke, den Blick fesselnde architektonische Details. Senkrecht nach unten ist die Sicht frei in die Straßenschluchten mit Miniaturautos und Gedränge in den Gassen.
Und abends gibt’s das gleiche Programm noch einmal mit Beleuchtung. New York bei Nacht. Buntes Treiben, fast noch stärker als bei Tag. Touristen und Locals flanieren nun durch die Vergnügungsmeilen. Leuchtreklamen auf riesigen Display flickern und flackern in allen Farben. Fast werden unsere Eindrücke des Tages, den wir im 9/11 Museum verbracht haben, überlagert.
Das 9/11 Museum ist unterirdisch, in und um die Fundamente der ehemaligen Twin Towers unter den Straßen New Yorks eingerichtet. Wir sind beeindruckt von der Sensibilität und Einfühlsamkeit, mit dem der Schicksalstag hier gewürdigt und für die Nachwelt dokumentiert wird, voller Respekt für die Opfer und ihre Angehörigen. Allein schon die architektonische Umsetzung ist ein Kunstwerk für sich. Worte reichen kaum, um das Gesehene zu beschreiben und die Eindrücke zu vermitteln. Wir machen 100te Fotos, um unsere Erinnerung an diese Gedenkstätte wach zu halten.
Der Besuch des Metropolitan Museum of Art, kurz MET, das die weltweit größte Kunstausstellung beinhaltet, nimmt uns auf eine kulturelle Reise durch alle Jahrhunderte und Epochen quer durch alle Kontinente und Länder auf eine Kunstreise mit. Wir durchwandern die Grabkammern der alten Ägypter, entdecken mit afrikanischen, japanischen, chinesischen Werken für uns künstlerisches Neuland, erfreuen uns an den Werken der Impressionisten und sind beeindruckt von den gewaltigen Statuen und monumentalen Bauwerken, die auch dieser Ausstellung einen ganz besonderen Charme und eine beeindruckende Atmosphäre verleihen. Auch der Bau, die Innenarchitektur dieses Museums für sich genommen ist ein Hingucker.
Heavenly Bodies – Fashion and the Catholic Imagination
Ein besonderes Highlight: die zeitlich begrenzte Exposition unter dem Titel: Heavenly Bodies – Fashion and the Catholic Imagination. Der Name ist Programm, hier wird wirklich Mode gezeigt, die katholische Elemente aufnimmt und Models mit schnittigen Gewändern präsentiert, eingerahmt von kirchlichen, religiösen Werken – Gemälde, Bilder & Ikonen, Kirchenfenster, Altare, Orgeln. Und dazu: meditative bis rhythmische Kirchenmusik. Wow! Das kommt gut rüber. Auch hier reichen Worte wieder einmal nicht aus, um das Erlebte wiederzugeben. Eine gewisse Art von Humor und Ironie verlangt diese Ausstellung dem Besucher ab.
Unser New York City Pass sieht ebenfalls Tickets für die Besuche der Freiheitsstatue auf Liberty Island und der benachbarten Elli’s Island mit Einwanderermuseum vor. Der erste Versuch, auf diese Inseln per Fähre zu gelangen, scheitert am Samstagmorgen an der unendlichen Besucherschlange, die sich fast komplett einmal um das gesamte Fort an Manhattans Südspitze (hier werden die Tickets ausgegeben) zieht. Plan B für diesen Tag: wir passieren – neben 100ten von Fußgängern und Radlern mit gleicher Idee – die Brooklyn Bridge, die den gleichnamigen Bezirk im Osten mit Manhattan verbindet. Die Brücke ist eine der ältesten und sicherlich schönsten Brücken New Yorks mit einem Geflecht an Stahlseilen, das von monumentalen Bauwerk-Pfeilern gehalten die den East River überspannende Brücke trägt.
Liberty Island und Elli’s Island erkunden wir am Folgetag bei kühlen Temperaturen, Nieselregen und Schauern, diesiger Sicht. Der Vorteil: Kein großer Tourirummel, keine endlosen Menschenschlangen, kein Gedränge. In der Freiheitsstatue, deren ursprünglicher Titel eigentlich Liberty Enlightening the World lautet, steckt als Skelett ein kleiner Eifelturm, von dem die Statue mit Gewand, Fackel, der Amerikanischen Verfassung in Buchform aus Kupferplatten gehalten wird. Gustav Eiffel hat auch hier seine Spuren hinterlassen… auf unserem Atlantiktörn kreuzen sich nach Viana do Castelo und Porto nun zum dritten Mal unsere Wege.
Wie geht’s weiter?
Achja, unser Atlantiktörn… wie geht’s denn nun weiter? Diese Frage stellt sich uns allmorgendlich, beschäftigt uns im Unterbewusstsein während unseres gesamten New-York-Aufenthalts. Täglich rufen wir für den gesamten Nordatlantik die Gribdaten mit Windinformationen ab, studieren stundenlang die Zugbahnen der Tiefs und die bunt dargestellten Windfähnchen – je nach Stärke zeigen sie sich von blau über grün, orange bis hin zu rot für die stärksten Winde aus allen Richtungen. Das sind ja tolle Aussichten: keine konstante Windrichtung, ein Tief jagt das andere, dazwischen Flaute. Und immer wieder Regen, Temperaturen, die nach Wintergardrobe verlangen. Na super! Also doch Plan B? Rückreise mit der Aurora Maris huckepack auf einem Frachter? Nee, das ist auch nicht wirklich das, was wir wollen.
Mit jedem Tag klingen die Zweifel, ob wir nun auf eigenem Kiel die 2. Atlantikquerung machen, etwas mehr ab. Dennoch: in der Magengegend baut sich dieses Gefühl auf, das wir zu Beginn unserer Seglerzeit hatten, als wir damals zum allerersten Mal über das Ijsselmeer segeln wollten, zum allerersten Mal das Binnengewässer verlassen und in die niederländische Waddenzee mit unserer kleinen Sprinta 70 wollten. Oder zum allerersten Mal uns hinaus auf die Nordsee wagten… Boah, war das aufregend damals. Und genau das empfinden wir jetzt.
Nach 10 Tagen New York, am 14. Mai ist es dann endlich so weit: wir verlassen unseren sicheren Mooringplatz, sagen Bye-Bye den Norwegern, Kanadiern, Engländern und den netten Locals, die wir hier in den letzten Tagen kennengelernt haben, und legen ab. Zunächst wollen wir uns in die Liberty Landing Marina verholen: hier bekommen wir Wasser und Diesel und Gas. Der Skipper hat den ganzen Vortag das Schiff untersucht, den Motor gewartet, das Rigg geprüft, die Wanten, Vor- und Achterstag nachjustiert. Auch unter Deck machen wir alles klar, Lebensmittel und Wasser für mindestens 3 Wochen werden gebunkert, sicher und leicht zugänglich verstaut. Dann sind wir soweit, kreuzen bei mäßigem Wind um 3 Beaufort aus Süd Richtung Atlantik, lassen Manhattans Skyline und Lady Liberty mit im Abendlicht leuchtender Fackel – Liberty Enlightening the World – im Kielwasser zurück. Das Bild nehmen wir als gutes Omen mit…
Es ist schon dunkel, als wir den Anker nach rund 25 Seemeilen in Great Kills Harbor auf Staten Island im Süd-Westen New Yorks fallen lassen. Noch einmal checken wir das Wetter: Schwach- und Starkwind, Regen und sogar Gewitter zum Start. Auch alle Windrichtungen sind möglich. Ganz konstant ist die Wetterprognose nicht, doch langfristig betrachtet scheint sich nun ein Wetterfenster zu öffnen, das wir akzeptieren können.
Der Plan: Wir haben mit New York fast den 41. Breitengrad erreicht und werden uns zunächst süd-östlich halten, um dann auf 37 Grad auf Ostkurs zu gehen. Hier hoffen wir auf stabilere Westwinde und nördlich an uns vorbeiziehende Tiefs. Unser Ziel: die Azoren. 2.150 Seemeilen liegen vor uns. Angestrebt ist Flores, bei ungünstiger Wetterlage Faial, das bei allen Winden anzulaufen ist. Plan B, wenn die Wetterlage – oder unsere Stimmung und unser Wohlbefinden – sich verschlechtern sollte, ist ein Zwischenstopp auf den Bermudas, rund 670 Seemeilen süd-östlich von New York.
Fließanzug, Handschuhe, Stirnband – das komplette Winterprogramm liegt bereit. Starten werden wir jedoch heute Mittag (Ortszeit) bei prognostizierten vorübergehenden hochsommerlichen Temperaturen und abendlichem Gewitter…
Fotostrecke: NYC Landgang
sorry: Bildunterschriften folgen später, wieder mal keine Zeit!
Viel Glück weiterhin! Freuen uns auf den nächsten spannenden Bericht!
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