Eigentlich wollten wir ja schon längst auf Heimatkurs sein…
In 1 Stunde legen wir ab! Die Stimme des Skippers klingt bestimmt. Wir arbeiten seit Stunden auf Hochtouren, um die Aurora Maris für die Atlantikquerung klar zu machen: das Dinghy, Luft abgelassen, liegt zusammengerollt und fest verzurrt auf dem Achterdeck – Segelanzüge, Rettungswesten liegen bereit – unter Deck ist alles sicher verstaut – ausgewählte, magenfreundliche, auf alle Wetterlagen ausgerichtete Lebensmittel für mindestens 7 Tage sind gut verstaut und gleichzeitig leicht zugänglich – heißes Wasser ist gekocht, der Tee ist schon vorbereitet – der aktuelle Blog-Beitrag ist hochgeladen (wie so häufig bleibt wieder keine Zeit für den Feinschliff) – noch ein Anruf bei der Frau Mama: Tschüß & Auf Wiedersehen … für die nächsten 3 Wochen herrscht dann Funkstelle. Apropos, bevor wir Anker-auf-gehen noch schnell ein aktueller Wetterabruf per Funk. Und da haben wir den Salat: eine Unwetterwarnung für die Sportschifffahrt! Für den Abend und die kommende Nacht werden schwere Gewitter mit Sturmböen erwartet, dazu eine hohe See und auch für die bevorstehenden Tage heftige Regengüsse und Hagel sowie ein Temperatursturz auf 15° C. Dabei sahen die am Morgen abgerufenen Gribdaten noch vielversprechend aus. Und nun das! Kommando Stopp!
Da glaubten wir also, ein akzeptables Wetterfenster gefunden zu haben, waren auch mental vorbereitet für die Nordatlantik-Querung, bereit Regen und Windböen in Kauf zu nehmen, und nun wird uns ein Unwetter prognostiziert. Aber: besser hier am gut geschützten Ankerplatz in Great Kills Harbor, Staten Island (NY) als irgendwo da draußen auf See. Wir brechen unsere Vorbereitungen ab, legen den Rückwärtsgang ein, gehen quasi zurück auf Start – zurück in Warteposition für das nächste akzeptable Wetterfenster.
Wir reden inzwischen bewusst von einem „akzeptablen“ Wetterfenster, denn „günstige“ Wetterfenster, bei denen alles passt, sind uns seit unserer intensiven Wetterbeobachtung – und das machen wir seit Anfang Mai – bisher nicht geboten worden. Auf Starkwind folgt Flaute, auf Flaute Wind von Vorne, dann wieder gibt’s Starkwind. Zwischendurch fallen die Temperaturen in den Keller (um die 15° C Tagestemperatur), um anderntags um 10° C nach oben zu springen. In der Folge gibt’s dann wieder Gewitter. Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Der Anker geht auf Slip…
Immerhin haben wir nach dem quirligen New York in Great Kills Harbor einen beschaulichen Ankerplatz gefunden – ruhig ja, aber nicht sicher! Und so geht unser Anker abends gegen 20.00 Uhr Ortszeit, gleich bei Einfall der ersten Windbö von 35 Knoten auf Slip. Vorausschauend haben wir den Motorschlüssel im Schloss stecken lassen, um für den Fall eines Falles die Maschine schnell starten können. Aber so schnell, wie die Aurora Maris in dieser Windbö Fahrt aufnimmt und auf unseren – eben noch weit entfernten – „Achtermann“ zutreibt, können wir fast nicht reagieren. Während Chris an’s Ruder eilt und den Motor startet, schnappt sich Andrea schnell noch einen Fender. Da sind wir auch schon auf Höhe des Bugs der Nachbar-Yacht – die berühmte Handbreit, viel hat da nicht mehr gefehlt – aber dann nimmt die Aurora Maris Fahrt voraus auf. Gott sei Dank ist die Saison noch nicht richtig angelaufen. Es sind daher nur wenige Yachten in dieser großen, in alle Richtungen von Land umgebenden und damit bei allen Windrichtungen Rund-um-Schutz bietenden Bucht. Wir suchen uns einen neuen Ankerplatz und haben Glück: direkt im ersten Anlauf hält der Anker.
Der Rest des Abends und der Nacht bereitet keine weitere Aufregung. Der Wind hat nur einmal kräftig aufgedreht und bläst dann gleichermaßen stark mit gut 6 Beaufort.
Warten auf ein akzeptables Wetterfenster für die Nordatlantik-Querung
Die kräftigen Gewitter der Nacht haben für mächtig Abkühlung gesorgt. Draußen regnet es ohne Ende. Wir verbringen den nächsten Tag (es ist Mittwoch, der 16. März 2018) komplett unter Deck und stecken die Nasen in die Seekarte und Gribdaten. Die Frage: „In welcher Auflösung, mit welchen Zeitintervallen lassen wir uns auf dem Atlantik die Gribdaten via Satellit zusenden?“ ist tagesfüllend. Wir entwickeln eine Strategie, führen verschiedene Tests via Mobilfunk durch und diskutieren die Ergebnisse um erneut eine Testabfrage zu machen. Mit den gewonnenen Erkenntnissen wollen wir dann später die Gribdaten via Satellit abfragen.
Atlantik ist nicht gleich Atlantik
Gerade dem Thema Passage-Planning kommt in diesen höheren Breiten eine besondere Bedeutung zu. Bei unserer 1. Atlantikquerung auf dem Weg zur Karibik konnten wir uns auf mehr oder minder kontante Ostwinde, den Passat oder auch Trade Winds genannt, verlassen. Hier, um den 40. Breitengrad, ziehen laufend Tiefdruckgebiete durch, zuweilen schnell. Der Wind ist wenig verlässlich vorhersehbar in der Richtung und Stärke. In der Praxis bedeutet das für uns, dass wir auf See wesentlich häufiger als während der 1. Atlantikquerung – sprich täglich – Wetterinformationen benötigen, um unsere Strategie anpassen und unseren Kurs entsprechend der Wetterentwicklung modifizieren zu können. Beim Abruf der Wetterdaten via Satellit wollen wir das Datenvolumen möglichst gering halten.
An unserem Ankerplatz den nächsten Starkwind abwartend, zapfen wir verschiedene Wetterquellen an, analysieren Wetterkarten und schenken auch dem Golfstrom sowie die Nordatlantikströmungen Beachtung.
Fazit
Eine Änderung der wechselhaften Wetterlage ist zunächst nicht in Sicht. Es sieht so aus, als säßen wir in der Falle. Eigentlich ist Mai genau die Zeit zur Atlantikquerung. Das, was sich hier momentan abspielt, ist atypisch, sagen auch die Einheimischen. Geduld ist angesagt. Leichter gesagt als getan.
Fotostrecke:
Ahoi, Ihr Beiden!
Nach den vielen schönen und überwältigten Erlebnissen in Florida und NYC steht also nun der große Törn an. Dazu wünsche ich Euch ein gutes und hilfreiches Wetter mit einem günstigen Kurs.
Viel Glück und Ahoi auf eine gesunde Wiederkehr!!!!
Peter
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