Etappe: Camaret-sur-Mer, Bretagne – Lemmer, Ijsselmeer (NL).
Willkommen in Europa, begrüßt uns der freundliche Holländer vom Nachbarschiff auf der gegenüberliegenden Stegseite in der Marina Camaret-sur-Mer. Wir sind auf dem europäischen Festland und „nur“ noch 520 Seemeilen von unserem Heimathafen in Lemmer am niederländischen Ijsselmeer entfernt. Ein Katzensprung, schnell gemacht, sollte man meinen. Doch Tide und Wind bestimmen wann und wohin es geht. Und wenn beide nicht mitspielen, dann wird’s nichts mit Segeln. Unser Plan, diese Etappe in 2 großen Schlägen bis Dover und Ijmuiden sowie 2 weiteren Tagesetappen zurückzulegen, geht nicht auf…
Die Tide gibt den Takt an
Die Tide, die zurzeit für bis zu 5 Knoten Strom sorgt, hält uns bis zum Mittag in Camaret fest (es ist Montag, der 16. Juli 2018), so dass wir den frischen Morgenwind nicht nutzen können. Macht nichts, gehen wir also später los und nutzen die Zeit, uns mit Baguette, frischem Obst und Gemüse und anderen leckeren Sachen einzudecken. Kühlbox und Vorrats-Schaps sehen sehr übersichtlich aus nach der 13-tägigen Passage von den Azoren.
Als pünktlich zur Mittagszeit um 1200 Uhr (MESZ) die Tide passt, hat der Wind allerdings schon auf Nord-West gedreht, und so dürfen wir hoch am Wind kreuzend die malerisch-schöne bretonische Küste aus verschiedenen Perspektiven genießen. Dabei sind wir schnell, fliegen förmlich durch die See, machen mit 4 Knoten Schiebestrom bis zu 9 Knoten Fahrt über Grund – es ist der letzte Spring-Zeit-Tag und Strom sowie Tidenhub sind entsprechend stärker. Unser Kurs führt dicht vorbei an markanten Leuchttürmen und Seezeichen, die den Weg durch die Untiefen und Felsen weisen. Unweit der Ile d’Ouessant im Chenal du Four am äußersten Zipfel der Bretage verursacht der Strom im nahezu Glattwasser kleine Kabbelseen. Die Aurora Maris wird scheinbar schwerelos durch die See geschoben und gezogen, ein irres Gefühl.
Mit Erreichen des Englischen Kanals wird das Wetter launisch, die Sonne verhüllt sich mit einem Dunstschleier, der die Sicht auf Küste und Meer eintrübt. Nach fast 20 Seemeilen hoch am Wind ist unser Segelspaß bereits vorbei: der Wind verabschiedet sich. Wir bergen die Genua, schließlich auch das killende Groß und schieben unter Motorgebrumm mit weiterhin 3 bis 4 Knoten Schiebstrom gen Osten.
Flaute schenkt uns Landurlaub
Ab jetzt müssen wir selbst Ruder gehen, da der elektrische Autopilot die Arbeit verweigert. (Der Bordmechaniker diagnostiziert später einen Lagerschaden am Motor des Schubstangenantriebs.) Kurz vor Roscoff kippt schließlich die Tide, so dass wir kaum noch vorankommen… Zeit, dass wir den Hafen aufsuchen! So laufen wir bereits nach 12 Stunden und 66 Meilen auf See gegen Mitternacht die Marina Roscoff an, um die Zeit bis zum nächsten Wetterfenster sinnvoll zu nutzen – zum Beispiel mit Schlafen und erholsamen Radtouren durch die malerische Altstadt Roscoffs mit bretonischem Flair und einer nicht minder malerischen Landschaft, die im Takt der Tide ihr Bild wandelt: Bei Niedrigwasser fällt der benachbarte alte Hafen, Roscoff Harbor, komplett trocken. Fischerboote schmiegen sich an die Hafenmole, kleine Schlickrutscher liegen im Modder, während Segelboote mit Hilfe von Wattstützen bis zum nächsten Hochwasser versuchen die Stellung halten. Eine imposante Szenerie vor nicht minder schöner Altstadtkulisse. Wir fahren durch schmale kopfsteingepflasterte Gassen an alten Stein-Fassaden hinüber auf die westliche Seite der auf einer Landzunge liegenden Stadt. Die Aussicht auf das Felsenlabyrinth bei Ebbe mit übergroß dimensionierten Untiefen-Tonnen ist von Land aus gesehen noch markanter als von See kommend, zumal an Bord der Fokus voll auf die Navigation gelegt ist und diese zauberhafte Kulisse kaum wahrgenommen wird.
Segeln im Englischen Kanal
2 Tage hält uns die Flaute an diesem schönen Ort fest, dann nutzen wir den auf 3 Beaufort auffrischenden Nord-Wind für die Weiterreise gen Nord-Osten. Auf Am-Wind-Kurs kommen wir mit der Tide bei nahezu Glattwasser gut voran. Als sich die Sonne abends gegen 2200 Uhr (MESZ) mit einem grandiosen Untergang vor orange-rotem Himmel verabschiedet, haben wir schon fast die englische Kanalinsel Guernsey erreicht. Aus der Ferne blinken die Leuchtfeuer, weisen den Weg vorbei an zahlreichen Unterwasserfelsen. Die Anzahl der AIS-Signale mehrt sich, kündigt stark zunehmenden Schiffsverkehr an. Eine wunderbare laue Nacht mit überwältigendem Sternenhimmel sorgt für Kurzweile bei dem Wachgänger, während die Freiwache sanft in den Schlaf geschaukelt wird.
Flaute & Frachter
Am nächsten Morgen, wir haben Cherbourgh meilenweit an Steuerbord passiert, geht dem Wind wieder einmal die Puste aus. Der Motor muss unterstützen, damit wir unserem Ziel näher kommen. Eigentlich wollen wir nach Dover aber ohne Wind und mit Gegenstrom können wir das knicken. Plan B muss her, wir disponieren um und gehen nach Brighton – eine der Marinas, die wir tidenunabhängig zu allen Zeiten anlaufen können. Diagonal queren wir den Englischen Kanal, schlengeln uns zwischen den mit 12 bis 17 Knoten vorbeirauschenden Cargofrachtern hindurch. Ab und an fordert der ein oder andere Ozeanriese unsere volle Konzentration und Augapfelnavigation – wenn die AIS-App einen Closest Point of Approach von 100 Metern oder weniger anzeigt, werden wir doch ein wenig nervös und machen via Funk auf uns aufmerksam. Wer weiß, vielleicht hat der ein oder andere uns ja nicht auf dem Schirm.
Seven Sisters & Beachy Head: Segeln entlang der Kreidefelsenküste
Der zweite Tag auf See neigt sich dem Ende, die Sonne ist gerade untergegangen, als wir den Brighton vorgelagerten Windpark queren und dicht an den Masten der Windräder vorbei segeln… ja, ein laues Lüftchen regt sich wieder, der Motor hat Pause. Hoffnung keimt auf. Hält der Wind über Nacht durch? Noch einmal checken wir die Gribfiles, aber nein, die nächste Flaute ist bereits vorprogrammiert. Also nichts wie ab in die Marina, schnell schlafen (es ist bereits wieder nach Mitternacht), duschen, frisches Brot kaufen und pünktlich zur Mittagszeit wieder Leinen los! Weiter geht’s gen Osten, parallel zur weißen, hügeligen Kreidefelsenküste, den sogenannten Seven Sisters, dicht vorbei am tief im Wasser stehenden Leuchtfeuer Beachy Head. Die Tide schiebt mit über 2 Knoten. Die Sonne scheint. Der Wind weht sanft mit 3 Beaufort. Ganz leise gleiten wir mit 5 Knoten Fahrt über Grund durch die See. Segeln kann so wunderschön sein…
Ankerstopp am Kap Dungeness
Das nächste Kap, Dungeness, erreichen wir nach gut 45 Seemeilen. Mit dem letzten Tageslicht suchen wir uns auf 7 Meter Wassertiefe einen Ankerplatz mit ausreichend Abstand zu den angrenzenden Gebieten, die laut Seekarte regelmäßig – an 300 Tagen im Jahr, so der Revierführer – für Schießübungen genutzt werden. Nicht aber heute, sonst würden entsprechende Landzeichen darauf hinwiesen. Bevor wir in die Koje gehen, genießen wir die Abendstimmung im Cockpit bei einem Absacker. Am Horizont ist auf belgischer Seite des Englischen Kanals ein Feuerwerk sichtbar. Die dazugehörigen Böllergeräusche folgen mit deutlicher zeitlicher Verzögerung. Ab und an zieht ein Cargo-Schiff in der Ferne an uns vorbei. Die See ist ruhig, kaum spürbar schaukelt die Aurora Maris von Back- nach Steuerbord und wiegt uns in den Schlaf.
Ramsgate: Royal Harbour
Bisher war die Tide gnädig und hat uns ausschlafen lassen. Am nächsten Morgen aber – es ist Sonntag, der 22. Juli 2018 – reißt uns der Wecker früh aus der Koje. Bereits um 0700 Uhr lichten wir den Anker, um den Ost-setzenden Strom vollends nutzen zu können. Kaffee und Käsebrote gibt’s auf See, wir wollen keine Zeit verlieren. Die Wetterpropheten haben uns am Vortag keine Hoffnung auf Wind gemacht und so nehmen wir gefasst die Motorunterstützung in Anspruch. Aber Ramsgate, unser Zielhafen im Südosten Englands, ist nur 30 Meilen entfernt. Wir werden den Royal Harbour – eingerahmt von einer malerischen Hafenszenerie mit Sailor’s Church und Jacob’s Ladder – bereits in den Mittagsstunden erreichen und genügend Zeit haben, durch die Hafenanlage zu schlendern, vorbei an den roten Ziegelstein-Arkaden unterhalb der Stadt mit Restaurants, Bars, Galerien und Shops.
Auf Schmetterlingskurs
Mit der neuen Woche kommt wieder Wind auf, der ganze 2 Tage aus Süd-West mit 3 bis 4 Beaufort wehen soll. Nicht viel, aber unter Genua und ausgebaumtem Passat hoffen wir die rund 140 Seemeilen bis Ijmuiden unter Segeln zurücklegen zu können, bevor der Wind wieder eine Pause einlegt.
Im Englischen Kanal hat der CD-Player „very british“ mit Musik von Joe Cocker und Phil Collins das Segelvergnügen untermalt. Auf Schmetterlingkurs durch die Nordsee sorgt die Callas mit Madame Butterfly für das passende musikalische Rahmenprogramm. Um noch mehr Speed aus der Aurora Maris herauszuholen haben wir nicht nur die Genua (an Steuerbord) und das Großsegel (an Backbord) gesetzt. Zusätzlich fahren wir das Passatsegel ausgebaut an Backbord und holen dadurch noch mal ca. 1/2 Knoten Fahrt raus.
Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass unser Segelabenteuer jetzt langsam zu Ende geht. Unser letzter Nachttörn steht bevor… er könnte schöner nicht sein. Nach einem wunderschönen Sommer-Sonnentag erwartet uns ein funkelnder Sternenhimmel, während direkt über der Wasseroberfläche zahllose rot, grün, weiß leuchtende Positionslichter die Aufmerksamkeit des Wachgängers fordern. Wir haben die North Hinder Junction erreicht, ein Gebiet auf der Nordsee zwischen den Niederlanden und Großbritannien, an dem 4 Verkehrstrennungsgebiete zusammenlaufen. Die von Skandinavien, Deutschland, Holland, Belgien oder sonst woher kommenden Schiffe wechseln hier die „Autobahn“, um ihre Reise fortzusetzen. Von allen Seiten scheinen sie heranzunahen, oftmals mit unter 500 Metern Abstand zu uns. Wir versuchen, unbehelligt unseren Kurs zu halten (als Segler haben wir Vorfahrt und Kurshaltepflicht), behalten die Ozeanriesen aber im Auge, bereit gegebenenfalls über Funk Kanal 16 auf uns aufmerksam zu machen.
Rush Hour & High Season in holländischen Hoheitsgewässern
Nach einer kurzweiligen Nacht erreichen wir holländische Hoheitsgewässer. Ein letztes Mal backen wir Brötchen an Bord – die gelingen inzwischen richtig gut, wir werden sie sicherlich nach Abschluss des Törns und Ankunft zurück im normalen Leben vermissen. Kurzer Over-Night-Stopp in Ijmuiden, inklusive Endlos-Duschen, dann geht’s den Nord-Ostsee-Kanal Richtung Ijsselmeer. Flugzeuge, die den Airport ansteuern, überfliegen uns in niedriger Höhe. Speedboote passieren uns. In Amsterdam wird es richtig quirlig. Fähren kreuzen dicht vor und hinter unserer Kurslinie. Nur noch ein paar Meilen, dann ist auch die Schleuse am Ende des Kanals geschafft, die IJ mündet in das gleichnamige Meer und wir haben endlich den passenden Wind (naja, fast: „natürlich“ weht es weiterhin aus der Richtung, in die wir wollen). Wir können wieder segeln. Ankernde Yachten, Berufsschifffahrt, Segler und Motorboote… es ist Hauptsaison. Die Häfen sind voll, doch den Ankerplatz am Stadtrand von Lelystad haben wir fast für uns allein. Nur ein weiterer Ankerlieger. Vor der untergehenden Sonnen machen einige Segler vor dem orangeleuchtenden Horizont ihre letzten Kreuzschläge.
Flaggenparade
Auch für uns sind die nächsten Kreuzschläge vorprogrammiert. Wie gut, dass sich der Wetterfrosch geirrt hat: eine leichte Brise weht am nächsten Tag zuweilen, so dass wir bis Lemmer bei tropisch heißen Temperaturen segeln können. „Guck mal, die haben ja viele Wimpel,“ stellt die Crew eines Motorbootes vor der Schleuse in Lemmer fest. Neben der niederländischen Gastlandflagge trägt die Aurora Maris seit Erreichen unseres Heimatreviers stolz die Gastlandflaggen fast aller besuchten Länder unter ihrer Backbordsaling. Eine Charter-Crew, bei der wir längsseits liegen, hat uns richtig als Langfahrtsegler erkannt und nutzt während der Wartezeit auf die Schleusenöffnung prompt die Gelegenheit für ein Kurz-Interview: „Das ist dann jetzt ein ganz großer Moment für Euch. Was für ein Gefühl ist es, jetzt angekommen zu sein?“ Gute Frage. Sind wir nicht schon längst angekommen? Mit Kreuzen unserer Kurslinie in der Bretagne am 15. Juni? Seit dem haben wir einen Endspurt hingelegt, um pünktlich nach Hause zu kommen. Und tatsächlich sind wir jetzt, am Donnerstag, den 26. Juli 2018 sogar überpünktlich. In unserem Heimathafen werden wir noch erkannt. Auf dem Steg, bei Kurzbesuchen an Bord und zwischen Tür und Angel dürfen wir immer wieder von unserer Atlantik-Runde berichten.
Ja! Es ist ein tolles Gefühl, angekommen zu sein, das Ziel erreicht zu haben. Wir haben uns einen Traum erfüllt und ein traumhaftes Segelabenteuer über 12 Monate erlebt. Nun kommt es uns schon fast so vor, als hätten wir alles geträumt.
Knapp 13.000 Seemeilen liegen in unserem Kielwasser!
Aktuell sind wir hier…
Fotostrecke: Endspurt von Camaret-sur-Mer nach Lemmer, Ijsselmeer

Hallo,
wieder hab ich den Bericht mit Begeisterung gelesen!
Wenn ich mir die Bilder anschaue, weiß ich jetzt auch, wem die Drohne gehört, die ich in Iselmar gehört hatte 😉
Wir freuen uns sehr, wenn wir uns im Herbst oder Winter in Münster treffen können. Meine Handy-Nummer lautet : +491632843641
Wir freuen uns riesig auf interessante Gespräche!
Vielleicht sehen wir uns ja auch noch in Lemmer.
Falls ihr am Schiff arbeiten möchtet und eine Unterkunft sucht: Wenn die MENAMi „leer“ ist und noch schwimmt, könnt ihr sie gerne jederzeit als schwimmendes Appartement nutzen. Schlüssel ist in Lemmer. Fragt einfach bei uns an.
Liebe Grüße
Tina & Klaus
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Freuen uns, das Ihr gesund und munter wieder in der Heimat seid! Auf bald Kaffee in Roxel?
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Welcome back home!
Respekt! Eine unglaubliche und tolle Reise! Danke für die „quasi Beteiligung!“ Ihr KPK
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Ahoi und willkommen zurück,
meine Hochachtung für Euern gelungenen und geglückten Törn.
Ich lüfte 3-mal meinen Elbsegler!!!
Natürlich habe ich Eure Route wieder am PC verfolgt und mit Interessen die Fotos betrachtet. Architektonisch auffällig ist der Kirchturm in Roscoff. Habt Ihr bei Dungeness „ungeschützt“ geankert?!?
Noch einmal meinen Glückwunsch und meine Hochachtung zu Euerm erfolgreichen Abenteuer.
Ahoi
Peter
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Glückwunsch!!!!! Und willkommen in der Heimat .
Annette
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